FilmKanon des Kinos

Die 22 wichtigsten Filme des Ostens von Alexander Camman, Karoline Herfurth, Torsten Schulz, Oliver Berben, Jana Hensel, Claus Löser, , Karola Wille, Claudia Michelsen, Martina Gedeck, , Anne Hähnig, Winfried Glatzeder, Charly Hübner, Ralf Schenk, Matthias Schweighöfer, Gregor Gysi, Veronica Ferres, Christoph Bergner, Ingo Schulze, Hans-Joachim Neubauer und Carsten Schneider

Es ist kein Zufall, dass Barbara derzeit zu den gefeiertsten deutschen Filmen gehört – und Millionen den TV-Zweiteiler Der Turm sahen. Der Osten liefert viele filmreife Geschichten. Auf diesen Seiten präsentiert die ZEIT erstmals einen Kanon der wichtigsten Dokumentar- und Spielfilme seit 1990 über diesen Teil Deutschlands. Sie gefallen nicht nur der ZEIT-Redaktion, sondern auch Schauspielern, Politikern oder Cineasten. Diese stellen hier die ausgewählten Werke vor (wobei jeder Regisseur maximal mit einem Kinofilm vertreten ist und Serien wie Weissensee außen vor blieben). Ist Ihr Favorit dabei?

Halbe Treppe
Regie: Andreas Dresen, 2002

Inhalt: Uwe hat einen Imbiss in Frankfurt (Oder) – und seiner Frau nicht mehr viel zu sagen. Dann verliebt sie sich, ausgerechnet in Chris, einen gemeinsamen Freund.

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»Als ich den Film das erste Mal sah, glaubte ich kurz, dass Axel Prahl wirklich einen Kiosk in Brandenburg betreibe und dass er dort um die Liebe seiner Frau ringen müsse. Regisseur Andreas Dresen (Sommer vorm Balkon) setzt seine Schauspieler so grandios in Szene, dass ich sie gar nicht mehr für Schauspieler halte. Mich hat an diesem Film beeindruckt, wie offen und klar über Beziehungen gesprochen wird. Er hat mir den Blick geöffnet für das Leben in Ostdeutschland. Und das möchte ich noch öfter im deutschen Kino erleben. Stasifilme gibt es genügend – mich interessiert der Alltag!«
Oliver Berben, 41, ist als Geschäftsführer der Constantin Film einer der mächtigsten Produzenten im Land

Die Architekten
Regie: Peter Kahane, 1990

Inhalt: Ein junger, von der DDR-Baupolitik ernüchterter Architekt soll ein Kulturzentrum bauen. Mit Kollegen entwirft er ein lebendiges, visionäres Modell – und scheitert.

»Während der Dreharbeiten fällt die Mauer. Noch bevor er fertig ist, wird der Film, gedacht als Auseinandersetzung mit Gegenwärtigem, zum Dokument einer vergangenen Epoche. Das ist schon etwas ganz Besonderes, auch wenn die Filmemacher darüber nicht recht glücklich sein konnten. Die Architekten ist das Porträt einer Generation. Ihr Thema: Der Verlust gesellschaftlich orientierter Träume und entsprechend der Verlust ihrer Selbstachtung. Darüber ist immer noch viel zu wenig erzählt worden.«
Torsten Schulz, 53, ist Roman- und Drehbuchautor (»Boxhagener Platz«). Am 21. Februar erscheint sein neues Buch »Nilowsky«

Sonnenallee
Regie: Leander Haußmann, 1999

Inhalt: Micha und seine Freunde leben im Ost-Teil der Straße, die durch die Berliner Mauer geteilt wird. Hier rebellieren sie mit Rockmusik und Rauschmitteln gegen die Bräsigkeit des Staates.

»Ich hatte gerade mein Abitur in Chemnitz bestanden, als Sonnenallee in die Kinos kam. Und, um ehrlich zu sein, hätte ich am liebsten selbst mitgespielt, ich bin sogar zum Casting gefahren. Sonnenallee von Leander Haußmann ist ein fröhlicher Film – und das über die DDR! Ich finde es ganz wichtig, dass wir über dieses Land lachen können, denn in meiner Erinnerung war es auch nicht bierernst. Der Film jedenfalls war zurecht ein riesiger Erfolg. Die Leute kamen mit guter Laune aus dem Kino.«
Matthias Schweighöfer, 31, aufgewachsen in Chemnitz, ist gerade mit seinem Film »Schlussmacher« im Kino zu sehen

Go Trabi Go
Regie: Peter Timm, 1991

Inhalt: Eigentlich will Familie Struutz nur Italien erkunden – doch die Fahrt im Trabant entwickelt sich zum Abenteuer.

»Den Gardasee sehen! Oder Rom! Neapel! Man darf das so eigentlich nicht sagen, aber wenn es etwas gab, das man heute vermissen könnte, dann jenes alles beherrschende Fernweh. Heute hat man dieses Gefühl ja längst vergessen. Wie die Familie Struutz – gespielt von Wolfgang Stumph, Marie Gruber und Claudia Schmutzler – sich von Bitterfeld nach Italien aufgemacht hat, mit all dem Pathos, das gibt es heute nicht mehr. Joachim Gauck, der heutige Bundespräsident, hat einmal über die DDR-Bürger gesagt: ›Sie hatten das Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen.‹ An diesen Traum vom Paradies erinnert Go Trabi Go. Es war ein schöner Traum.«
Jana Hensel, 36, ist Autorin (»Zonenkinder«)

Verriegelte Zeit
Regie: Sibylle Schönemann, 1990 (Doku)

Inhalt: 1989 kehrt Sibylle Schönemann mit der Kamera in die Zelle zurück, in der sie einst eingesperrt war. An ihr wollte die DDR-Führung ein Exempel statuieren. Die Filmemacherin hatte einen Ausreiseantrag gestellt, danach wurde sie inhaftiert, man warf ihr »Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit« vor.

»Unmittelbar nach dem Mauerfall machte sich Sibylle Schönemann auf den Weg, um ›ihren Fall‹ filmisch zu rekonstruieren. Verriegelte Zeit steht heute als ein einmaliges Dokument aus einer Zeit des Nicht-mehr und Noch-nicht. Es ist ein gelungener Versuch, dem staatlichen Unrecht mit den Mitteln der Kunst beizukommen. Allerdings bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Der 1984 amtierende Haftrichter machte nach 1990 ungerührt weiter Karriere im gesamtdeutschen Justizapparat.«
Claus Löser, 51, betreibt in Berlin ein Archiv für »Filmische Subversion« in der DDR

Leserkommentare
  1. Ich hätte eine Auswahl der besten DDR-Filme VOR 1990 allerdings ehrlich gesagt viel spannender gefunden. Vielleicht wird da ja noch mal nachgelegt?

    10 Leserempfehlungen
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    • Petka
    • 03. Februar 2013 2:21 Uhr

    Ich empfehle gern mal "Zwei schräge Vögel". Am Ende wird natürlich alles gut, aber das Dazwischen lohnt :)

    https://de.wikipedia.org/...

    empfehlenswert ist der Film "Karbid und Sauerampfer". Mit Erwin Geschonneck.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Gruß

  2. Vielen Dank fuer diesen Artikel, habe ich sehr gern gelesen und gleich ein paar dieser Filme bestellt. Interessante Begruendungen. Einen Artikel ueber die 1949-89 DDR Filme wuerde mich auch sehr interessieren.

    2 Leserempfehlungen
  3. die deutschen Landser 1941 von der Sowjetunion hatten....

    9 Leserempfehlungen
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    Klar doch! Die großartigen Erfolge des Arbeiter und Bauerstaates müssen gezeigt werden :-) Vielleicht mit einer dieser schicken NVA-Paraden...

    Sie haben (unabsichtlich) sogar fast ausschließlich recht, weil die meisten Filme nämlich in der Nachwendezeit spielen.

    Ach ja, für diejenigen, die wissen wollen, wie es wirklich war, empfehle ich noch "Sportsfreund Lötzsch".

  4. 4. Schick

    Klar doch! Die großartigen Erfolge des Arbeiter und Bauerstaates müssen gezeigt werden :-) Vielleicht mit einer dieser schicken NVA-Paraden...

    2 Leserempfehlungen
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    Ich wollte grade schreiben: Dauert nicht lange, dann melden sich die DDR-Versteher zu Wort.

    Leider sind sie mir zuvor gekommen. Jedesmal beim Thema DDR warte ich drauf, auf die "freiheitlich-demokratisch" erzogenen Besserwisser aus dem Westen. Niemals müde den moralischen Zeigefinger zu erheben. Niemals müde uns, den Menschen die in DDR aufgewachsen sind, den Osten zu erklären, wissen zu wollen wie es damals war. Niemals müde, die Menschen und die DDR auf Stasi, NVA und Ungerechtigkeit zu reduzieren. Macht ruhig weiter. Dann wundert euch aber nicht, wenn wir uns in 20 weiteren Jahren immernoch nicht angenähert haben.

  5. Ich wollte grade schreiben: Dauert nicht lange, dann melden sich die DDR-Versteher zu Wort.

    Leider sind sie mir zuvor gekommen. Jedesmal beim Thema DDR warte ich drauf, auf die "freiheitlich-demokratisch" erzogenen Besserwisser aus dem Westen. Niemals müde den moralischen Zeigefinger zu erheben. Niemals müde uns, den Menschen die in DDR aufgewachsen sind, den Osten zu erklären, wissen zu wollen wie es damals war. Niemals müde, die Menschen und die DDR auf Stasi, NVA und Ungerechtigkeit zu reduzieren. Macht ruhig weiter. Dann wundert euch aber nicht, wenn wir uns in 20 weiteren Jahren immernoch nicht angenähert haben.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schick"
    • Nevil
    • 02. Februar 2013 21:23 Uhr

    Entweder sind die Autoren der deutschen Syntax nicht mächtig oder hier wird wirklich ignoriert, dass es auch vor 1989 einen Filmekanon gab, aus dem man entsprechende Werke vorstellen könnte, weil sie es wert sind...
    Hier geht es ja wohl um Filme ÜBER die DDR, über deren Aussagewert man natürlich streiten kann, aber das ist ein anderes Thema.

    13 Leserempfehlungen
  6. Gut, dass die besten Filme, die nach der Wende im Osten über das Leben in der DDR gedreht wurden, mal zusammengestellt wurden.
    Es gibt oft Kritik, dass viele dieser Filme einseitig und tendenziell seien. Einer der Kritiker, der in "Sushi in Suhl" die Hauptrolle spielt, feiert seinen Film als einen, in dem endlich einmal weder Stasi noch die Mauer eine Rolle spielen.
    Er der aus einer "einfachen Arbeiterfamilie" stammt, in der rein zufällig beide Eltenteile bei der Stasi waren, hat eine sehr einfache Sicht auf die Vergangenheit in der DDR, zudem auch noch die "Ostalgie" als Verklärung der DDR aus der Taufe gehoben.
    Ich habe die DDR anders erlebt, nie schwarz-weiss, auch voller Spaß und Witz, aber immer auch das totalitäre des Systems und die Einschränkungen für anders Denkende bis hin zur Inhaftierung gesehen.
    Vielleicht ist es wirklich eine gute Idee, auch die besten Filme der DDR zusammenzustellen, da gab es auch viel Ironie und versteckte Kritik an den Zuständen des "Arbeiter- und Bauernstaates".
    Bevor ich´s vergesse: "Sushi in Suhl" habe ich in Ihrer Zusammenstellung nicht vermisst.

    Eine Leserempfehlung
  7. ... dafür bürgen hochkompetente Jurymitglieder wie Veronica Ferres. Allein die Headline "Die 22 wichtigsten Filme des Ostens" erschließt sich mir nicht, hieß doch dieses Gebiet noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (und bei Erika Steinbach wohl heute noch) offiziell "Mitteldeutschland".

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