Schultze gets the blues
Regie: Michael Schorr, 2003

Inhalt: Der Kali-Kumpel und Akkordeonspieler Schultze aus dem Mansfelder Land wird in Frührente geschickt. Doch anstatt trübsinnig zu werden, folgt er dem fremden Sound des Cajun bis in die Sümpfe Louisianas. Dort findet er auf einem Boot eine neue Heimat.

»Eine Irrfahrt vom Hinterwald Ost in den Hinterwald West, mit dem grandiosen Schauspieler Horst Krause als dickwanstigem Odysseus. Der Regisseur Michael Schorr, ein Dokumentarfilmer aus der Pfalz mit dem Mut zur extralangen Einstellung, stilisiert die Abgewickelten zu stoischen Helden, die sich wortkarg dem Tempowahn der neuen Zeit zu widersetzen versuchen. Nur Schultze wagt den Auf- und Ausbruch, wenn auch wie in Zeitlupe. Er hat nicht wirklich ein Ziel, erreicht aber am Ende eine nie gekannte Freiheit. Ein Revolutionsfilm der anderen Art.«
Christof Siemes, 48, ist Redakteur im ZEIT-Feuilleton

Novemberkind
Regie: Christian Schwochow, 2008

Inhalt: Lange hielt Inga ihre Mutter für tot. Sie sei in der Ostsee ertrunken, hieß es. Dann erfährt die junge Frau, dass ihre Mutter in Wahrheit in den Westen geflohen ist und sie als Baby bei den Großeltern zurückgelassen hat. Eine Spurensuche beginnt.

»Der Debütfilm von Christian Schwochow ist der Beginn einer differenzierteren Betrachtung der jüngsten deutschen Geschichte. Nicht plakativ, nicht einfach, nicht platt in seinen Bewertungen. Er ist genau, spürt nach, öffnet verkrustete Bilder und macht nachdenklich. In Novemberkind hat Schwochow sein erzählerisches Regietalent in einem herausragenden Diplomfilm erstmals gezeigt. Ein gesamtdeutscher Film, der zu Recht mit Preisen und Kritikerlob überhäuft wurde.«
Karola Wille, 53, in Karl-Marx-Stadt geboren, leitet den MDR und ist »Filmintendantin« der ARD

Good Bye, Lenin!
Regie: Wolfgang Becker, 2003

Inhalt: Alex' Mutter, eine überzeugte Sozialistin, hat den Mauerfall verpasst. Als sie aus dem Koma erwacht, lässt Alex in ihrem Zimmer die DDR auferstehen.

»Der Film hat eine schöne Grundidee: Dass eine Ostdeutsche den Untergang der DDR nicht mitbekommt – und ihre Familie und viele andere ihr ein völlig falsches Bild von der Realität organisieren. Das Schöne an der Geschichte ist vor allem die Beziehung des Sohnes zur Mutter. Er liebt sie so sehr, dass er den Zusammenbruch ihrer Welt von ihr fern zu halten versucht, obwohl er selbst diese Entwicklung gutheißt. Der Film ist durch feinen Humor gekennzeichnet und strahlt Wärme aus. Man fühlt sich wohl. Er ist an keiner Stelle langweilig. Also wirklich ein guter Film. Und ein erfolgreicher dazu, wenn ich an die nationalen und internationalen Preise denke. Und an das Millionen-Publikum, das er in den Kinos fand.«
Gregor Gysi, 65, ist Chef der Linken im Bundestag

Lichter
Regie: Hans-Christian Schmid, 2003

Inhalt: In Frankfurt (Oder), an der deutsch-polnischen Grenze, suchen ein Zigarettenhändler, ein Matratzenverkäufer und einige andere nach ihrem Glück.

»Diese eine Szene kann ich nicht vergessen: Da will eine polnische Familie über die Oder fliehen; der deutsche Osten ist für sie schon goldener Westen. Den Vater treibt es weg von Frau und Kind. Kurz fürchtet man, die Familie sei auseinandergerissen worden. Doch dann findet sie sich am polnischen Ufer wieder. Dieser Film erzählt von der Suche nach einem besseren Leben; von Menschen, die mit ihrem Dasein hadern und die sich – trotz aller Sehnsucht – die Frage stellen müssen, ob das, was sie an ihrem Leben haben, nicht auch wertvoll ist.«
Martina Gedeck, 51, ist vielfach preisgekrönte Schauspielerin (»Das Leben der Anderen«)

Wege in die Nacht
Regie: Andreas Kleinert, 1999

Inhalt: Walter hat seine Autorität verloren. Früher leitete er ein Industriekombinat, inzwischen führt er nur noch eine kleine, illegale Gang an, die in den Berliner U-Bahnen für Ordnung sorgen will.

»Soll man diesen Menschen erbärmlich finden oder ihn bemitleiden? Walter ist Ende 50, ein arbeitsloser, verbitterter Anzugträger, der einen jugendlichen Rüpel dazu bringt, aus der fahrenden Bahn zu springen. Andreas Kleinert erzählt in seinem störrischen Schwarz-Weiß-Drama, wie ein früher einflussreicher Mann an seiner Bedeutungslosigkeit verzweifelt. Und man vergisst so schnell nicht, wie der Schauspieler Hilmar Thate ins Leere stiert, wie sich Wut und Enttäuschung in seiner Mimik mischen, als er fragt: ›Was glauben Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?‹«
Anne Hähnig, 24, ist Autorin im Dresdner ZEIT-Büro

Wir können auch anders
Regie: Detlev Buck, 1993

Inhalt: Zwei Brüder, westdeutsche Analphabeten, fahren in einem alten Lkw durch Mecklenburg-Vorpommern, wo sie das Haus ihrer Großmutter geerbt haben.

»Ein Roadmovie? Ein deutscher Western! Diese Reise durch den ›wilden Osten‹ verbindet Detlev Bucks lakonischen norddeutschen Humor mit einer sich zunehmend beschleunigenden Handlung, die alles durcheinanderwirbelt: ostdeutsche Wegelagerer und sowjetrussische Deserteure, rothaarige Vamps und Männer mit Seitenscheitel, befreite Schweine, Pistolen und Kalaschnikows. Joachim Król erspielt sich seinen Durchbruch, Horst Krause ist zum Knutschen, und Sophie Rois legt als Kneipenwirtin ihren ersten großen Kinoauftritt hin.«
Katja Nicodemus, 44, arbeitet als Filmkritikerin im Feuilleton der ZEIT

Wittstock, Wittstock
Regie: Volker Koepp, 1997 (Doku)

Inhalt: 23 Jahre lang hat Volker Koepp drei Frauen aus Brandenburg begleitet. In diesem letzten Teil seiner Dokumentation ist ihre Entwicklung zu sehen – aus ihnen sind bisweilen arbeitslose, dennoch zuversichtliche Frauen geworden.

»So geduldig wie Volker Koepp ist kaum ein Filmemacher – und auch nicht so nah an der Realität. Er ist ein bedächtiger Typ, ich kenne ihn noch aus dem Studium an der Filmhochschule. Koepp ist genau der Richtige für so ein langes Filmprojekt, weil er sich nicht wie ein Dompteur aufführt, sondern eher wie ein Juwelier, der seine Hauptfiguren wie Schätze behandelt. Ich erinnere mich daran, wie optimistisch die brandenburgischen Frauen in ihr Leben gegangen sind – und wie ihre Träume dann zerbrachen.«
Winfried Glatzeder, 67, wurde berühmt mit der Rolle des Paul im Defa-Klassiker »Die Legende von Paul und Paula«

12 heißt: Ich liebe dich
Regie: Connie Walter, 2008

Inhalt: Ein Paar, das es eigentlich nicht geben kann: Bettina sitzt wegen unerlaubter Westkontakte monatelang im Verhörzimmer vor Stasioffizier Jan; ganz langsam entsteht Nähe zwischen den beiden. Zehn Jahre später finden sie sich wieder – und leben ihre unmögliche Liebe.

»Was nach einer Schmonzette klingt, beruht auf einer realen Geschichte, die zum besten TV-Film über den Osten wurde. Da sind zwei großartige Schauspieler (Devid Striesow, Claudia Michelsen), in deren wunderbaren, vom Zigarrettenrauch umwölkten Gesichtern sich Anziehung und Irritation spiegeln. Dieser Film ist ein leises, psychologisch brillantes, bis in die Nebenrollen überzeugendes Kammerspiel ohne Schönfärberei. Der Osten war eben nie schwarz-weiß, sondern schillernd grau.«
Alexander Cammann, 39, arbeitet als Autor für die Feuilleton-Redaktion der ZEIT

Netto
Regie: Robert Thalheim, 2005

Inhalt: Ein 15-Jähriger zieht weg von seiner Mutter, hin zu seinem arbeitslosen Vater auf den Prenzlauer Berg.

»Der Film erinnert mich an einige Väter aus meinem Freundeskreis, die es nach dem Mauerfall besonders schwer hatten, sich zurechtzufinden. Die früher auf dem Bau geackert hatten, anerkannt waren und denen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch die Selbstachtung verloren ging. Milan Peschel spielt die Rolle des Wendeverlierers im Feinrippunterhemd fantastisch. Da steckt viel Ost-Alltag drin. Und ich bin – wie die Hauptfigur – selbst Scheidungskind. Deshalb hat mich Netto besonders berührt.«
Carsten Schneider, 37, in Erfurt aufgewachsen, ist haushaltspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag