Film : Kanon des Kinos
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"Barbara", "Boxhagener Platz", "Das Leben der Anderen" und weitere

Das Land hinter dem Regenbogen
Regie: Herwig Kipping, 1992

Inhalt: Frühe fünfziger Jahre, ein Dorf namens Stalina: Der überzeugt sozialistische Bürgermeister will seinen Ort in ein Paradies verwandeln – doch dann dreht der LPG-Vorsitzende durch.

»Herwig Kipping, der in der DDR keinen Spielfilm inszenieren durfte, drehte kurze Zeit nach dem Mauerfall dieses wütende, groteske, bizarre, melancholische Märchen. Ein Film, reich an metaphorischen Szenen, der seine ästhetischen Quellen von Sergej Paradschanow bis Federico Fellini nicht verleugnet. Das ersehnte Ideal erweist sich als Vorhof zur Hölle. Mitten in einem Gewalt-Exzess bleibt einem kleinen Jungen nur, sich in ein Regenbogenland hinwegzuträumen, die ferne Utopie zu ersehnen.«
Ralf Schenk, 56, leitet die Defa-Stiftung und ist Mitglied in der Auswahlkommission der Berliner Filmfestspiele (Berlinale)

Barbara
Regie: Christian Petzold, 2012

Inhalt: Eine Ärztin will raus aus der DDR – und wird zur Strafe in die Provinz versetzt. Ihr westdeutscher Freund will ihr zur Flucht verhelfen; doch es kommt anders.

»Dieser Film erzählt überraschend unaufgeregt vom alltäglichen Leben im DDR-Regime, ohne dass ich mir dabei wie im Geschichtsunterricht vorkomme. Als Barbara ihr Fluchtgeld auf einer Lichtung versteckt; als sie sich im Wald mit ihrem Freund aus Westdeutschland trifft, um dort mit ihm zu schlafen – da konnte ich fühlen, was es bedeutet, nirgends einen privaten Raum zu haben. Da wird die Lebenswirklichkeit in diesem Land, in dem auch ich geboren bin, plötzlich ganz real. Christian Petzold lässt dem Zuschauer Raum zum Selberdenken – was mir besonders gut gefällt. Und Nina Hoss spielt, wie immer, umwerfend.«
Karoline Herfurth, 28, geboren in Berlin-Pankow, wurde bekannt durch den Film »Das Parfum«

Boxhagener Platz
Regie: Matti Geschonneck, 2010

Inhalt: 1968 – in der BRD toben Freiheitskämpfe, am Ostberliner Boxhagener Platz spioniert Holger dem neuen Liebhaber seiner Großmutter hinterher und versucht so, einen Mord aufzudecken.

»Dieser Film ist für mich eine dieser wunderbaren Reisen in die alte DDR, vor meiner Zeit. Ein Film von Matti Geschonneck, besetzt mit Schauspielern, die ich teilweise schon als Kind bewundert habe. Allen voran Gudrun Ritter. Ein Film, der sich nicht ostalgisch im Sentimentalen wälzt – und dadurch so viel Spaß macht. Und trotzdem gibt es Momente, in denen der alte überzeugte Kommunist Karl, gespielt von Michael Gwisdek, darüber sinniert, ›dass irgendwie immer alles schiefgegangen ist‹. Ein Schauspielerfilm, der nicht altert.«
Claudia Michelsen, 43, ist Schauspielerin (»12 heißt: Ich liebe dich«) und stammt aus Dresden

Der Turm

Regie: Christian Schwochow, 2012

Inhalt: Anpassung oder Widerstand? Im Dresdner Villenviertel ringt eine bildungsbürgerliche Familie um Haltung in den letzten Jahren der DDR.
Veronika Ferres: »Ein mehr als gelungener Einblick in den Alltag der oberen Zehntausend der ehemaligen DDR. Ich habe hier Facetten der DDR gesehen, die mir in der Art fremd waren.«
Ferres, 47, ist Schauspielerin (»Die Frau vom Checkpoint Charlie«)
Kurt Biedenkopf: »Dass ein Mann seine Frau betrügt und heimlich eine zweite Familie hat, das gab es nicht nur in der DDR. Aber dass die Staatssicherheit ihn damit erpresst, das ist besonders, das erzählt Der Turm . Der Zweiteiler war ein großer Erfolg – wie auch der gleichnamige Roman von Uwe Tellkamp. Im ›Turm‹ ist zu sehen, wie Menschen beinahe an ihren Fehlern und den Zwängen des Staates zerbrechen. Ein guter Film!«
Biedenkopf, 83, CDU, war von 1990 bis 2002 Ministerpräsident in Sachsen

Das Leben der Anderen
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2006

Inhalt: Gerd Wiesler, ein einsamer, linientreuer Stasi-Hauptmann, soll ein Künstlerpaar beschatten – schützt es dann aber vor den Repressalien des Staates.

»Das war wohl der erste Spielfilm, der sich besonders intensiv mit dem dämonischen Wirken der Stasi auseinandersetzte. Von manchem ›gelernten DDR-Bürger‹ höre ich die Kritik, der Film sei überzogen, folge westlichen Vorurteilen über den Alltag in der DDR. Das sehe ich anders. Zwar ist die Handlung fiktiv, die Darstellung jedoch zutreffend: Das Ministerium für Staatssicherheit hat Biographien zerstört – ohne Hemmungen. Dieser Film führt vor Augen, wovon wir uns mit der Friedlichen Revolution befreit haben; dass selbst Mitarbeiter des MfS befreit wurden, befreit von der Last ihres Gewissens. Dieser Film gehört so zu jenen über die DDR, die man unbedingt gesehen haben sollte.«
Christoph Bergner, 64, CDU, ist Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder

Stau – Jetzt geht's los
Regie: Thomas Heise, 1992 (Doku)

Inhalt: Heises Dokumentarfilm zeigt Verlierer der Wende: junge Rechtsradikale aus Halle-Neustadt.

 »Sie sind schlecht ausgebildet und haben kaum Chancen auf einen Job. Heise lässt sie erzählen, sie nuscheln über ihre Gesinnung, sie reden über ›Zigeuner‹, sie berichten von Schlägereien. Ihre Tattoos sind ihre Orden. ›Wir sind nicht die letzten von gestern, sondern die ersten von morgen‹, sagt einer, er ist ›stolz, Deutscher zu sein‹. Heise filmt die Burschen in langen Einstellungen, man sieht sie rauchen, trinken, singen, man zählt ihre Pickel und spürt ihre Not, wenn sie versuchen, von Mädchen zu sprechen. Wer von ihnen ging in den Untergrund? Wer fand einen anderen Weg? Was sind sie heute, 20 Jahre danach?«
Hans-Joachim Neubauer, 52, Publizist, lehrt an der Filmhochschule »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg

Die Unberührbare
Regie: Oskar Roehler, 2000

Inhalt: Mit der DDR kollabiert 1989 auch die Welt einer westdeutschen Schriftstellerin. Diese reist in den Tagen des Mauerfalls von München nach Berlin.

»Man kann nicht über den Osten sprechen und dabei über den Westen schweigen – und umgekehrt. In diesem Film prallen die beiden Welten aufeinander. Für die Schriftstellerin mit einer dogmatisch DDR-freundlichen Haltung bricht die Welt zusammen, für sie endet eine Utopie und eine Liebe – während die Menschen um sie herum feiern. In der Skepsis und Verwunderung, von Hannelore Elsner grandios verkörpert, scheint ein Verlust auf, den man damals im Osten nicht wahrnehmen konnte. Wie in einem Stationendrama verbindet Roehler die verschiedenen Facetten von Ost und West. Das Finale mit Hannelore Elsner und Vadim Glowna gehört für mich zu den größten Szenen des deutschen Kinos.«
Ingo Schulze, 50, Schriftsteller (»Adam und Evelyn«), lebt in Berlin

…dann leben sie noch heute
Regie: Barbara und Winfried Junge, 2008 (Doku)

Inhalt: Von 1961 bis 2007 hat das Ehepaar Junge eine brandenburgische Schulklasse begleitet. Dies ist der letzte Teil ihrer Langzeitdoku Die Kinder von Golzow.

»Ein früher schweigsamer Ehemann wird gesprächig – weil er über seine Zeit bei der NVA-Fliegerstaffel reden darf. Die Tochter des LPG-Vorsitzenden, eine Bürgermeisterin, will nach dem Mauerfall gar nicht mehr sprechen – weil sie in ihrem Plattenbau arbeitslos und einsam geworden ist. Dieser Film sollte zum Standardwerk jeder Schauspielschule werden, weil man in keinem Drama und keiner Komödie dieser Welt mehr über Menschen erfährt und darüber, was ein Systemwechsel mit ihnen macht.«
Charly Hübner, 40, wuchs in Mecklenburg auf, spielt den Ermittler Bukow im Rostocker »Polizeiruf«

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