KlimaschutzWir brauchen keine Ökodiktatur

Die Klimakatastrophe lässt sich abwenden, ohne die Demokratie zu opfern. von Nico Stehr und Manfred Moldaschl

Rauch steigt aus einem Kamin im nordfranzösischen Seclin im Februar 2012 auf.

Rauch steigt aus einem Kamin im nordfranzösischen Seclin im Februar 2012 auf.  |  © Philippe Huguen/AFP/Getty Images

Unter Klimaforschern wächst die Ungeduld mit der Demokratie. Wie ist es möglich, fragen Wissenschaftler, dass die Klimaerwärmung kaum noch umstritten ist, dass dramatischere und länger andauernde Folgen prognostiziert werden als bisher angenommen – und dass so wenig dagegen geschieht? Zahlreiche Länder zeigen sich derzeit außerstande, auch nur ihre eigenen bescheidenen Klimaziele zu erfüllen; in Zeiten der Wirtschaftskrise hat Wachstum ganz offensichtlich Vorrang vor allen anderen Erwägungen.

Offenbar wächst die Zahl der Forscher, die glauben, die Demokratie selbst sei schuld an diesem Umstand. Demokratisch organisierte Gesellschaften, heißt es, seien zu schwerfällig, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen.

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Kann es sein, dass wir "eine autoritäre Regierungsform benötigen, um den Konsens der Wissenschaft zu Treibhausgasemissionen zu implementieren", wie die Australier David Shearman und Joseph Wayne Smith argumentieren? Führende Klimaforscher betonen, die Menschheit stehe an einem Scheideweg. Sollten wir ökonomisch wie politisch weitermachen wie bisher, führe unser Weg unausweichlich in die Katastrophe. Um eine global tragfähige Lebensweise zu realisieren, bräuchten wir umgehend eine "große Transformation". Was ist damit gemeint? Der mit der sogenannten Gaia-Hypothese berühmt gewordene Brite James E. Lovelock – die ganze Erde muss als ein Lebewesen betrachtet werden – folgert unumwunden, wir müssten die Demokratie aufgeben, um die soziale Welt ihrer Lethargie zu entreißen und um den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden.

Kann man so Mitstreiter gewinnen? Wer die Demokratie für den guten Zweck abschaffen will, braucht wahrscheinlich keine. Dann allerdings braucht er auch keine überzeugende Rede.

Die Autoren

Nico Stehr lehrt Soziologie an der Zeppelin Universität in Friedrichshagen. Manfred Moldaschl ist Inhaber des Lehrstuhls für Innovationsforschung und nachhaltiges Ressourcenmanagement an der TU Chemnitz.

Aber ist es tatsächlich die demokratische Verfassung, die eine wirksame Begrenzung der Treibhausgasemissionen verhindert? Viel spricht für eine groteske Fehldiagnose – nicht, was die Ursachen des Klimawandels angeht, sondern die Ursachen des politischen Stillstands.

Offenbar gibt es eine Lesart des wissenschaftlichen Fortschritts, die schon aus dem Erkenntnisgewinn als solchem einen radikalen Steuerungsanspruch ableitet. Wer so denkt, strebt letztlich "eine umfassende und bewusstere Lenkung aller menschlichen Tätigkeiten" an, wie der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich Hayek schon vor Jahrzehnten warnte. "Und aus diesem Grunde", so fügt Hayek resignierend hinzu, "werden die Menschen, die vom Fortschritt des Wissens berauscht sind, so oft zu Feinden der Freiheit."

Die Theorie der "verwissenschaftlichten Politik", die ihre Entscheidungen allein anhand der jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ausrichten und legitimieren sollte, war eine Ideologie der siebziger Jahre. Kritische soziale Bewegungen, die sich wie die Anti-AKW-Bewegung gegen die herrschende wissenschaftliche Sicht einer beherrschbaren Atomenergienutzung und -entsorgung richteten, erscheinen aus dieser Sicht unwissenschaftlich, also irrational. Die Bevölkerung könne eben mangels Expertise die Regierung einer hoch technisierten Gesellschaft nicht verstehen. Die logische Konsequenz dieser Überlegung war die Idee der Expertenherrschaft. Infolge der vergangenen Atomkatastrophen hat diese Legitimationsfigur von Politik an Glaubwürdigkeit verloren; im Zuge der Klimadebatte aber ersteht sie gerade neu.

An Plausibilität allerdings hat diese Weltsicht seither nicht gewonnen; sie krankte und krankt an gesellschaftspolitischer Kenntnislosigkeit und naturwissenschaftlich inspirierten Vereinfachungen. Die Ungewissheit etwa, welche Interventionen in einer Gesellschaft welche Folgen und Nebenfolgen zeitigen können, wird einfach ignoriert. Ist der politische Wille nur entschlossen, also autoritär genug, werden die erwarteten Effekte schon eintreten.

Vor allem aber entgehen den klimapolitisch inspirierten Demokratieskeptikern die entscheidenden Fragen. Ist es ein Mangel der Demokratie oder ein Mangel an Demokratie, wenn umweltbewegte Bürger weniger Einfluss auf die Regierung haben als Expertengruppen, multinationale Konzerne und Wirtschaftsverbände? Müssen Demokratien wirtschaftliche Ziele unvermeidlich vor ökologische stellen oder besser: kurzfristige vor langfristige Ziele des Wirtschaftens? Und falls das nicht so ist, in welchem Zustand ist dann eine Demokratie, der ihre Zukunft weniger wichtig ist als die durchschnittliche Nähe ihrer Bürger zur nächsten Burger-Kette? 

Leserkommentare
    • Ghede
    • 08. Februar 2013 13:06 Uhr
    25. Quatsch

    "Es ist nun mal so, daß unser politisches System nur Laien in verantwortliche Positionen der Politik bringt."

    Was ist ein Experte? Frau Merkel beispielsweise ist Physikerin - und Kanzlerin. Ist Frau Merkel ein Laie? Jedenfalls wohl nicht im Bereich der Physik, richtig? Oder welche konkrete Expertise schwebt Ihnen da so vor? Wirtschaft? Umwelttechnologie? Medizin? Rechtswissenschaft? Niemand ist eine eierlegende Wollmilchsau. Und trotzdem wird eine Regierung nicht aus "Laien" gebildet, sondern aus Leuten, die in irgendeinem Bereich durchaus Expertise vorzuweisen haben.

    Der Witz ist: Selbst wenn Sie eine Regierung aus Wirtschaftsexperten bilden würden, wären sich die untereinander nicht einig. Wer ist also mehr Fachmann oder Fachfrau? Wer hat recht? Und wer entscheidet das?

    Also ehrlich.

    3 Leserempfehlungen
    • LJA
    • 08. Februar 2013 13:08 Uhr

    dem ersten Absatz braucht man nicht mehr weiter lesen.
    Die Grundpräferenz, dass wir den Klimawandel durch Praktizieren von Verzichtsideologie, speziell hier in Deutschland, beeinflußen könnten, ist falsch.
    Deshalb stimmt es auch nicht, dass die, von Steuergeldern finanzierten, Wissenschaftler zu wenig für die Lösungen des Problems geworben hätten, denn diese propagierten Lösungen sind nicht zielführend. Eine Eindämmung des weltweiten Bevölkerungswachstums wäre es durchaus, aber die wird so gut wie niemals angesprochen.
    Zweifellos eignen sich die genannten Maßnahmen aber hervorragend dazu, Deutschland als Industrienation und wohlhabende Volkswirtschaft insgesamt zu beseitigen und das ist ja auch das eigentliche Ziel.

    5 Leserempfehlungen
  1. <<< Haben wir nich schon lange eine Klimadiktatur?
    Deutschland rettet die Welt und das durch alle Parteien <<<

    Dt. steht mit an der Spitze des globalen Ressourcenverbrauchs.
    Meinen Sie wegen ein bisschen Recycling und ein paar tausend Windrädern, gäbe es einen Grund überheblich zu werden?
    Und wo rettet Deutschland die Welt?
    In Afghanistan, wo es das korrupte Karzai-Regime schützt, damit die USA endlich ihre Pipeline bauen können?
    In Griechenland, wo die Masse der Bürgschaften auf direkten Weg an (auch deutsche) Banken oder Konzerne zurückfloss, weil die ihre Waren an Kunden mit zweifelhafte Bonität verkauften?
    Erklären Sie es mir!

    4 Leserempfehlungen
  2. An anderer STelle schrieb jemand: Wer in der DDR zur Wahl ging, war bereits Mittäter oder zumindest Unterstützer des Systems".

    Ich behaupte: "Wer in Deutschland im Spätjahr eine der etablierten Partien wählt, unterstützt das kapitalistische System. Seit 15 jahren hat die Umverteilung von untern nach oben immer mehr Fahrt aufgenommen. Und keiner der 4 parteien, die in den letzten 15 jahren regieten werden darn etwas endern. Das System reizt seine Möglichkeiten aus.
    Immer mehr Abeiter arbeiten fürs Existenzminimum.
    Immer mehr Rentner leben vom Existenzminimum.
    Das Existenzminimum soll für 90 Prozent der Deutschen Realität und Zukunft werden. Die, die heute noch meinen, sie würde es nicht treffen, können morgen schon dabei sein.

    Das hat alles nichts mit Öko zu tun sondern mit Gier, Macht und Geld. Kollateralschäden: Menschen, die den Mächtigen im Weg waren.
    Unsere Versicherungen treiben bereits ihre Kunden in den Selbstmord, damit sie keine Leistungen mehr eringen müssen (Bericht bei Phoenix über die Allianz Praktiken)

    6 Leserempfehlungen
  3. Es können andere Wirtschaftssysteme neben Kapitalismus und Sozialismus geben. Jede Form drängt Bürger auf die eine oder andere Weise (+ Wissen) zu handeln und für etwas einzustehen.

    Und was ist so falsch daran die Verfehlungen zu beheben und andere Formen zu suchen, wo Menschen ihre gemeinsamen Interessen verfolgen können, ohne eine win-lose Situation zu schaffen?

    Was ist wohl so schlimm daran unsere Ressourcen und unsere Natur zu schützen? Selbst jemand, der wenig Interesse daran zeigen würde, könnte kein Gegner sein - warum auch?

    Hier spielen die finanziellen Interessen Menschen gegeneinnander aus - egal ob man das gleiche will. So kann man Freunde zu Gegnern machen.

    Aber wenn man das nicht versteht.

    Und hier ein kleines Beispiel aus Wörgl:

    Wo man mit dem Schuldgeldsystem dem Staat eher später die geforderte Summe überweist, hat man in Wörgl (mit dem Schwundgeldsystem) die Steuern schon so früh wie möglich bezahlt.

    Ein Beispiel, wie unser Geldsystem unser Handeln und unsere Positionen einzeln und gesellschaftlich beeinflusst.

    3 Leserempfehlungen
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    Ein Schwundgeldsystem, welches konstruktionsbedingt überkonsum und unprofitable Investitionen fördert ist natürlich die passsende Antwort auf die Klimaprobleme

    Dieses Schwundgeldsystem ist für den Kapitalistien das Gleiche, wie Feminismus für einen Islamisten - der Wegfall der vererbbaren Macht!
    Eher wird in Rom eine Frau zum Papst gewählt, als daß das Zinseszinssystem in Frage gestellt wird.

    Die Herausforderung dieses Jahrhundets wird sein, endlich dieses Schuldknechtsystem abzuschaffen und durch ein besseres zu ersetzen. Nicht Kommunismus - der ging auch an den Interessen und Fähigkeiten der Menschen vorbei.

    Ob dieses negative Zinssystem eine Antwort ist glaube ich nicht. Vielleicht regional ein gutes Studienobjekt, aber nicht Global.
    Das System sollte Leistung belohnen ohne die Schwachen an den Rand zu schieben. Ds System sollte Konsum und Fortschritt ermöglichen aber nicht mit aller Gewalt durch Werbung und Psychospielchen "aufzwingen".
    Das System sollte Vermögenshäufungen über den Tod hinaus verhindern.
    na, das reicht mal, genug fantsiert.

    • Infamia
    • 08. Februar 2013 13:15 Uhr

    "Den Klimawandel habe ich nie bestritten. Natürlich verändert sich das Klima. Das zeigen ja alle wissenschaftlichen Daten. Nur, hat es das eben schon immer getan."

    Wann kapieren die Klimaleugner endlich, dass es einen Unterschied zwischen einem natürlichen Klimawandel gibt, den es in der Tat immer gegeben hat und einem menschengemachten, der ein Tempo an den Tag legt, welches Mensch, Tier und Natur überfordert.

    Beim natürlichen Klimawandeln hatten Mensch, Tier und Natur Zeit, sich anzupassen, beim menschengemachten haben wir diese Zeit nicht. Wir müssen uns sozusagen von einem auf den anderen Tag anpassen.

    Immer dann, wenn ein Klimawandel durch außergewöhnliche Ereignisse verursacht wurde, also plötzlich kam, bedeutete dies das Aussterben bestimmter Arten von heute auf morgen.

    Und der menschengemachte Klimawandel ist außergewöhnlich. Unser einziger Vorteil ist, wenn man das so nennen mag, dass wir evt. technisch in der Lage sein werden, uns anzupassen. Das betrifft aber mal wieder nur die westlich, industrialisierte Welt, während die 3. Welt die Suppe wohl auslöffeln darf, die wir Industrienationen ihnen eingebrockt haben.

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    Der anthropogene Klimawandel ist bis dato nicht einwandfrei wissenschaftlich belegt. Dazu sind die Modelle einfach zu schlecht und unzureichend modelliert. Darauf will ich aber gar nicht weiter eingehen, da es ja nichts ändert. Wenn Sie noch ein bisschen weiter lesen, sehen Sie auch warum. Denn später schreibe ich:

    "Selbst wenn der Klimawandel anthropogenen Ursprungs ist, so habe ich dennoch das Recht mein Leben so zu gestalten wie es mir passt, ob es ihnen gefällt, oder nicht."

    Ich bin nicht generell gegen Klimaschutz, Artenschutz oder sonstiges. Im Gegenteil. In mir steckt ein Natur- und Tierliebhaber. Mein Lebensentwurf beinhaltet aber nunmal auch Fernreisen, Fleischgenuss und das Fahren eines Geländewagens. Meiner Ansicht nach muss sich das nicht ausschliessen. Wenn Sie all diese Dinge nicht tun, haben Sie als Mensch bzw. Ihr Lebensentwurf deswegen nicht mehr oder weniger Respekt verdient als ich bzw. mein Lebensentwurf.

    • genius1
    • 08. Februar 2013 13:20 Uhr

    Kommentar 1, etwas Polemik und Satire in einem:

    http://www.zeit.de/reisen...

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    • konnat
    • 08. Februar 2013 13:37 Uhr

    Kleine Ergänzung: 05.02.13 - "Schneechaos auch in Russland,
    Moskau versinkt im Schnee", überall nachzulesen.

    • konnat
    • 08. Februar 2013 13:22 Uhr

    "Weg mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn".
    Oder Schellnhuber for President.

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