Die Stunde der Wahrheit ist da, wenn Stefan Lafaire mitten im Gespräch aufsteht und einen Plastikbeutel holt. »Schauen Sie sich das an.« Zu erkennen sind graue Krümel, Fetzen, Bröckchen unterschiedlicher Größe. »Sogenannte Köln-Flocken. So etwa sieht das aus«, erklärt er. Es ist das, was übrig blieb, nachdem am 3. März 2009 kurz vor 14 Uhr das Kölner Stadtarchiv in einer Baugrube der Kölner U-Bahn versank. Erstaunlich genug, dass 90 Prozent des in Schutt und Schlamm untergegangenen Archivguts geborgen werden konnten. Diese Köln-Flocken zu reinigen, zu trocknen, zusammenzusetzen ist ein Projekt, das Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Zu diesem Zweck wurde, nach langem Hin und Her, mit einem Zuschuss der Stadt Köln in Höhe von drei Millionen Euro, die Stiftung Stadtgedächtnis gegründet, und dafür soll ihr Vorstand Stefan Lafaire jetzt trommeln, werben, Spenden sammeln. Doch die Sache kommt nicht recht in Gang.

Untergekommen ist die Stiftung in einem bescheidenen Büro in der Großen Budengasse 2 mit Blick auf Groß St. Martin. Dort sitzt Lafaire, auf dessen frühere Tätigkeit als Banker sein Blazer und Business-Hemd verweisen, und trinkt aus einer stilvollen KPM-Tasse Tee. Manche versichern: Dieser Mann hat den undankbarsten Job von Köln.

Man hat berechnet, wie teuer es wird, das Archivgut – darunter Noten von Jacques Offenbach, Akten aus der Geschichte der Hanse, die ewig gültige Brauordnung für süffiges Kölsch – zu restaurieren. 350 Millionen Euro könnte die Rettungsaktion mit Gefriertrocknung, Ziegenhaarpinseln und Schwämmchen kosten und sich über 30 Jahre hinziehen. Wer das bezahlt? Genau darum geht es jetzt, und es geht hoch her dabei. Groß war die Aufregung, als herauskam, dass die Stiftung Stadtgedächtnis für Gehälter und Sachkosten schon einiges verbraten hat, an Spenden jedoch gerade mal knapp 35.000 Euro einnahm. Ein »Trauerspiel«, heißt es.

Katastrophe für den Kulturbereich

Was ist da los? Fragen wir Wolfram Nolte. In Köln kennt ihn jeder als Vorstandsmitglied des Kulturrats und insbesondere als einfallsreichen Vorstand der Freunde des Wallraf-Richartz-Museums sowie des Museums Ludwig. Kaum hat er mittags in der Bar zwischen Dom und Hohenzollernring Platz genommen, um sich mit einem Käsesandwich zu stärken, bricht es schon heraus aus ihm. »Das ist alles in den Sand gesetzt worden.«

Als Kunstmäzen kennt Nolte etliche Kuratoren amerikanischer Museen, die wiederum das Kölner Archiv genau kennen (oder: kannten), weil sie dort geforscht und gearbeitet hatten. Leider sei ja nach 2009 erst mal gar nichts passiert. »Gleich nach dem Unglück hätte man einen Überzeugungsprozess starten müssen, der deutlich macht, was für eine Katastrophe dieser Einsturz für den gesamten Kulturbereich bedeutete«, sagt Nolte. »Stattdessen ging es nur um die Frage: Wer ist schuld? Das war einfach nur peinlich.« Wie soll es weitergehen? »Es muss ein ganz anderer Ansatz her, sonst ist die Stiftung zum Scheitern verurteilt.«

Ein Scheitern wäre eine Blamage für die Bürger ebenso wie für die Landespolitik. Ist es wieder der Kölner Klüngel, der es nicht hinbekommt? Der zugereiste Stiftungsmann Lafaire ist mit dem Klüngel, dessen Beziehungen, Abhängigkeiten und Gewohnheiten nicht warm geworden – und das in dieser emotional erregbaren Stadt.

Stephan Grünewald, Vorstand der Agentur Rheingold und Autor des Buches Köln auf der Couch, nennt zwei Gründe, warum sich das Projekt Wiederherstellung so quälend hinschleppt. »Den Einsturz haben die Kölner als traumatisch erlebt, denn sie leben in der Zuversicht, dass ihre Stadt sie wie eine Mutter nährt und trägt, versorgt und feiern lässt. Diese Sicherheit war mit dem Einsturz über Nacht untergegangen. Das hat man der Stadt sehr übel genommen.« Die Folge davon sei: »Mer jevve nix« für das, was von der Kommune angeschoben wird.