Krimiautoren : Geruch von Denunziation

Kommissare, Rechtsmediziner und Richter – alle wollen plötzlich Bestseller schreiben. Stoff finden sie genug in den Strafakten ihrer Fälle. Unser Autor Thomas Fischer ist Richter am Bundesgerichtshof. Er fragt: Wer schützt die Menschen, deren Leben auf diese Weise ausgeschlachtet wird?

Der Mörder als blutbesudelter Mitbürger wird dem Publikum neuerdings vorgestellt von Impresarios, die ihn persönlich geschnappt, verhört, durchsucht, ergründet, verurteilt und weggesperrt haben. Im Schatten dessen, was an Kriminal-Fiktion zum schnellen Hinabwürgen vor dem Einschlafen verramscht wird, wuchert die Subspezies der sogenannten »Wahren Fälle«. Die Autoren nennen diese Kriminalgeschichten: Wirklichkeit, ihre Akteninhalte: Literatur, ihre Deutungen: Wahrheit. Meist geht es um Mord, besser: um vorsätzliche Tötung. Für die Autoren – schreibende Kriminalbeamte, Rechtsmediziner, Psychiater, Staatsanwälte, Strafverteidiger und schließlich auch Richter – sind sie Tagesgeschäft. Der laienhafte Leser soll die »verstörenden Abgründe« kennenlernen, mit denen die Profis leben. Ein Spaziergang durch die Bibliothek des »wahren« Schreckens enthüllt Abgründe schon in Klappentexten wie diesem: »...eine fesselnde Darstellung der endlosen Qualen der Opfer«.

Mindestens drei Dutzend deutschsprachige Bücher von Kriminalober- oder Hauptkommissaren liegen bereit. Sie heißen: Geschnappt, Abgründe, Gesicht des Todes, Spur des Bösen, SOKO im Einsatz und so fort und sind verfasst von »legendären Ermittlern«, Spurensicherern und »Profilern«, meist mit Weltschmerz. Ein Hauptkommissar, geschieden, entnervt ob der Formblätter, verdient im Monat 2600 Euro netto und muss sehen, wo er bleibt. Wer ins Dezernat Kapitaldelikte aufsteigt, also an die blutigen Fälle kommt, weniger als 100 Gramm Alkohol pro Feierabend konsumiert und fleißig schreibt, dem bietet die Reality-Literatur einen kleinen Ausgleich.

Beliebt sind »Serienmörder«, die Krönung der Gattung. Wir wähnten sie in Amerika oder Schweden oder dachten, sie seien Kinsky-hafte Erscheinungen opiumvernebelter Themse-Nächte. Seit Götz George den Wurstmacher Haarmann gegeben hat, wissen wir: Es gibt den Serienkiller leider auch in Deutschland. Der Düsseldorfer Kriminalkommissar Stephan Harbort nähert sich ihm von allen Seiten, selbst von der intimen: Ich liebte eine Bestie. Die Frauen der Serienmörder. Andere Aspekte bietet er in zahlreichen weiteren Büchern. Besonders vielversprechend scheint mir der Titel: Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer.

Auch Rechtsmediziner verspüren den Drang, Schönheiten ihres Berufs literarisch aufzuarbeiten. Michael Tsokos, der die Rechtsmedizin in der Berliner Charité leitet, berichtet über 13 spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin. Markus Rothschild, Chef der Rechtsmedizin Köln, gibt Einblick in Die unglaublichsten Fälle der Rechtsmedizin, legt nach mit Spektakuläre Fälle... und bringt sodann Die erstaunlichsten Fälle... Rechtsmediziner untersuchen zersägte Köpfe, wissen alles über autoerotische Strangulation und sind in intimer Weise in das Verhältnis zwischen Mördern und Opfern einbezogen: Sie stecken Stangen in Stichkanäle, um die Winkelstellung des Mörderarms zu errechnen. Ihre Fallgeschichten haben ihre Reize, aber nach der vierten Impressionsfraktur des Schädelknochens lässt das Grauen nach, und trotz des bunten Straußes der in natürliche oder künstliche Körperöffnungen eingeführten Gegenstände siegt der gesunde Nachtschlaf. Literaten hat der Rezensent hier nicht gefunden.

Dass Rechtsanwälte gelegentlich auch Schriftsteller sind (und umgekehrt), ist begrüßenswert. Auf dem Markt der Gruselgeschichten herrscht leider auch hier ein Hang zum Mörder, dessen »authentische« Nähe dem Rechtsanwalt einerseits zu Ehre und Einkommen gereicht, andererseits die vermeintlichen »Einblicke in Abgründe« gestattet. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach aus Berlin hat mehrere Bücher geschrieben, die wahre Geschichten über Verbrechen enthalten und dem Leser erläutern sollen, »wie aus ganz normalen Menschen Schwerverbrecher werden«. Für wen sie »wahr« gewesen sind, weiß man nicht so genau. Vorsichtshalber ist dem Erstling: Verbrechen das Motto vorangestellt, »Wirklichkeit« sei nichts Genaues.

Nach 206 Seiten weiß der Leser: Ein Gedanke ist ein Gedanke ist ein Gedanke. Bei Schirach denken die Protagonisten besonders viel und dazu noch laut. Dabei sind ihre Innenwelten von bizarrer Leblosigkeit. Sie sprechen immerzu mit sich selbst, im Konjunktiv, der hier eine Form des Futurs ist: »Es würde wieder so ein Tag werden«, dachte Hassan, und Ingrid dachte: »Sie wusste, wie hübsch sie war. Sie würde sich jetzt auf eine der Anzeigen melden.« Der Horizont ist damit klar: Hassan und Ingrid passen einfach nicht zusammen. Schon folgt die Tat: Er würde das Messer ziehen. Niemals mehr würde er glücklich sein. Sie aber auch nicht.

Noch abgründigere Fälle erledigt der Rechtsanwalt Stephan Lucas aus Augsburg in seinem Werk Auf der Seite des Bösen. Meine spektakulärsten Fälle als Strafverteidiger. Versprochen ist ein »Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche«. Die Tür geht auf, der Kai kommt rein. Ist er der Mörder? Tapfer ergreift der Strafverteidiger zur Begrüßung die Hand, mit der der Kai die Kathleen erwürgt hat. Nun beginnt die interne Aufklärung unter besonderer Berücksichtigung der Denkfehler von Polizei und Staatsanwaltschaft. Zwar gilt: »In einen fremden Kopf kann bekanntlich keiner reinschauen.« Rechtsanwalt Lucas schaut aber trotzdem rein und findet: Der Kai ist unschuldig. Oder fast. Oder so.

Verlagsangebot

Leseperle der Woche

Entdecken Sie jede Woche neue Bücher und lesen Sie vorab erste Auszüge!

Alle Buchtipps

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren