Eigentlich ist die Sache mittlerweile klar: Gute Lehrer sind nicht nur begleitende Beobachter, sondern vor allem auch geschickte Aktivatoren: erwartend, erklärend, ermutigend, einfordernd. Folglich kann guter Unterricht gar nicht anders als lehrerzentriert sein. Im Zentrum steht der Pädagoge – für den allerdings seine Schüler im Zentrum stehen. So bilanziert jedenfalls der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart die XXL-Metastudie des australischen Unterrichtsforschers John Hattie zu den Wirkungsbedingungen schulischen Lernerfolgs (siehe auch ZEIT Nr. 2/13). Eine Bilanz, die erfahrene Praktiker wenig verwundert – und einen plausiblen Ausweg aus mancher Reformhuberei weist.

Was aber tun, wenn man als Referendar einen Seminarleiter hat, der immer noch dem Dogma des selbst gesteuerten Lernens frönt? Oder wenn man als gemeiner Lehrer einem Schulleiter untersteht, der bei der landesweiten Qualitätsanalyse punkten möchte, deren Gütekriterien indes lehrerarme Unterrichtsformen bevorzugen? Oder wenn eine grün-rote Landesregierung per Schulgesetz eigenverantwortliches Arbeiten festschreibt, obwohl dies nicht sonderlich wirksam, für schwächere Schüler gar kontraproduktiv ist?

Dass angehende Junglehrer, die eine feste Anstellung anstreben, in der Schule nicht allzu unabhängig sein können, darf man ihnen nicht vorwerfen. Von unkündbaren Lehrern indes wäre schon mehr Rückgrat zu erwarten. Zunächst einmal sind die »Fachleute für Unterricht« nämlich »zu Recht sehr autonom«, wie Jürgen Zöllner, zeitweiliger Chef der Kultusministerrunde, einmal in einem Interview bemerkt hat. Es gilt das Prinzip der pädagogischen Freiheit: Der Lehrer ist gehalten, diejenigen Mittel zu wählen, mit denen er seine Bildungsaufgabe möglichst gut einlösen kann.

Selbst Beamte müssen keineswegs offensichtlichen Unsinn ausführen, man ist vielmehr zur sogenannten Remonstration verpflichtet. Das heißt: Bestehen Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit oder Triftigkeit einer dienstlichen Anordnung, soll man bei seinem Vorgesetzten Einwand erheben – bei Nichterfolg auch auf der nächsten Dienstrangstufe. Nur so kann sich der Beamte von persönlicher Verantwortung für das geforderte Handeln entlasten – er darf sich das behördliche Insistieren sogar schriftlich geben lassen. Natürlich riskiert man einen Ruf als Querulant – aber ist der des Abnickers wirklich besser? Klar, nicht jeder Schulleiter schätzt kritische Fragen auf der Lehrerkonferenz – aber mehr als ein oder zwei zusätzliche Vertretungsstunden kann er einem ja kaum aufbrummen.

Auch das Anrücken der Abteilung für die Qualitätsanalyse ist nicht wirklich gefährlich – trotzdem verhalten sich ganze Kollegien plötzlich wie eine ängstliche Kinderschar angesichts des autoritären Vaters. Warum werden plötzlich Vorführstunden vorbereitet, die weder vom Arbeitsaufwand noch vom Materialeinsatz, noch von der Unterrichtsform her zielführend und alltagstauglich sind? Ist das jetzt eigentlich Abgeklärtheit (schließlich folgt der nächsten Wahl wahrscheinlich die nächste Pädagogik) – oder auch eine Portion Duckmäuserei? Warum zeigen erfahrene Lehrpersonen nicht den Unterricht, der sich an ihrer Schule, in ihrem Fach, mit ihrer Schülerschaft bewährt hat? Zumal die Qualitätsanalyse ja nicht einzelne Lehrer beurteilt, sondern nur die gemittelte Arbeitsweise des gesamten Kollegiums dokumentiert, und das nicht mal öffentlich.

Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein kritischer Bericht der Inspektoren – und damit die Verpflichtung des Kollegiums zur gemeinschaftlichen Fortbildung. Aber könnte man dort nicht die Probleme übertriebener Selbstständigkeit und das Potenzial differenzierter Lehrerlenkung debattieren? Vielleicht hätten zuvor gar ein, zwei Unverfrorene im Lehrerzimmer einen Sammelordner angelegt mit fundiertem Material über das Für und Wider bestimmter Lehr- und Lernformen. Dann würde sich schon zeigen, ob die Fortbilder nur lokale Spindoctoren sind, die Organisationsmethoden aus dem Unternehmensmilieu ins Pädagogische einschleppen – oder ob sie tatsächlich etwas vom Unterrichten verstehen.

Das heißt keineswegs, dass es für Lehrer nichts hinzuzulernen gäbe – im Gegenteil. Allzu oft fehlen uns Zeit und Gelegenheit, im Kollegium konkrete und verlässliche Absprachen über Leistungsstandards und Verhaltensnormen zu treffen, Steuerungswissen und Einfühlungsfähigkeit zu schulen. Nur gilt es eben, bei der Auswahl der Fortbilder Spreu und Weizen zu unterscheiden. Der Erziehungswissenschaftler Rainer Dollase würde nur solche Trainer empfehlen, die in der Lage sind, jedes Jahr einen Monat lang erfolgreich eine schwierige Mittelstufenklasse zu unterrichten.

Es ist eben kein Geheimnis, dass Schulinspektoren bisweilen zu eher bizarren Befunden kamen – »gute Leistungsergebnisse, aber falsche Unterrichtsmethoden«, hieß es dann sinngemäß. Genau diese Paradoxie könnte letztlich erleichtern: Die Evaluationskriterien entstammen offenbar nicht göttlicher Offenbarung, sondern einem laufenden, noch offenen, je nach Bundesland und Wahlperiode mäandrierenden Prozess. Irgendwann werden sich die Hattie-Befunde auch in den mittleren Amtsstuben herumgesprochen haben. Bis dahin könnte der gemeine Schulmeister doch ruhig zur Avantgarde von morgen gehören.