LiebeskolumneWer hat mehr Guthaben auf dem Liebeskonto?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Was ist schlimmer - Kinder oder Arbeit?

Was ist schlimmer - Familie oder Beruf?

Was ist schlimmer - Familie oder Beruf?

Die Frage: Mortimer und Gerda waren ein Herz und eine Seele, solange sie zusammen eine kleine Agentur für Internetdienstleistungen aufbauten. Nach dem ersten Kind zogen sie in ein eigenes Haus und sorgten gemeinsam für das Baby. Gerda wollte ein zweites Kind: »Geschwister können miteinander spielen!«

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

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Aber das Baby schrie fast jede Nacht, und der »große« Bruder, schon trocken und oft bereit, still zu spielen, nässte wieder ein und zerrte an Gerdas Nerven. Gerda hörte auf, in der Agentur zu arbeiten. Seither hängt der Haussegen schief. Gerda hält Mortimer vor, wie gut er es habe und zählt alle ihre Opfer und Mühen auf. Mortimer kontert mit einer ebenso langen Liste über beruflichen Stress und finanzielle Verantwortung, die er klaglos für die Familie trage.

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wenn Arbeitskräfte klagen, dass sie zu viel Stress für zu geringen Lohn ertragen müssen, gilt das heute als Vorbote eines Burn-outs. Solche Erschöpfungszustände gibt es auch in Familien, wenn die Partner unerwartete Kränkungen verarbeiten müssen. Gerda hat es sich einfacher vorgestellt, ein zweites Kind großzuziehen. Sie dachte, die positiven Erfahrungen mit dem Erstgeborenen würden sich steigern – stattdessen haben sie sich nicht einmal wiederholt.

Gerda beneidet Mortimer um die Fähigkeit, die Kinderprobleme an sie zu delegieren. Mortimer rechnet Gerda vor, andere Frauen wären froh, wohlversorgt zwei Kinder großziehen zu können. Die beiden sollten versuchen, die Krise durch gemeinsame Trauer über unerfüllte Erwartungen zu verarbeiten.

Die Liebeskolumne

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlag erschienen.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

 
Leser-Kommentare
  1. Fallbeschreibung und Aussagen in der Analyse stimmen nicht überein: Hat Gerda freiwillig allein die Pflege der Kinder übernommen? Hat Mortimer sie gezwungen, gar bewußt im Stich gelassen? Hat er wirklich gesagt, "sie könne froh sein..." und damit den Stress "delegiert"? Bevor nicht klar ist, was beide, in welchem Dialog und warum entschieden haben, kann eine Schlichtung nicht erfolgen. Richtig ist, dass Glückserwartungen eben nur solche sind und keine Garantie auf Einlösung haben. Da beide den gemeinsamen IT-Betrieb beherrschen, wäre eine "Teilzeitlösung" möglich. Man wechselt sich in Beruf und Kindererziehung ab. In der IT-Brache geht so etwas sicher. Da ist auch der Kunde flexibel und vieles geht vom Heimarbeitsplatz aus. Herr Schmidbauer hat in einem Punkt sehr recht: die unerwartete und unerbetene Last trägt sich gemeinsam am besten. Schreikinder wachsen sich erfahrungsgemäß zurecht. Nur Geduld!

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