Magischer Protestantismus! »Wir haben hie keine bleibende Stadt sondern die zukuenfftige suchen wir.« So verdeutschte Martin Luther den Hebräerbrief (13,14). Die irdischste Lutherstadt heißt Eisleben. Dort wurde er 1483 geboren. Dort starb er 1546, im Haus des landgräflichen Schreibers Johann Albrecht, am Markt. Wundersamerweise begann nach Luthers Tod das Sterbehaus zu wandern. Derzeit weilt es am Andreaskirchplatz. Daselbst empfängt es, nach Jahren baubedingter Schließung, nun endlich wieder Lutherpilger. Und lehrt (Psalm 90,12) »bedencken dasz wir sterben muessen auf dasz wir klug werden«.

Das wollen wir. Am 23. Januar 2013 reist der Reporter, aus Lutherland stammend, via Halle gen Eisleben – wie Luther am 23. Januar 1546. Damals brach der sieche Reformator von Wittenberg auf, um einen Erbstreit seiner gebürtlichen Herren, der Grafen von Mansfeld, zu schlichten. Die winterliche Saale überflutete das Land. Luther konnte die »große Wiedertäuferin« zunächst nicht überqueren und quartierte in Halle bei seinem Reformations-Genossen Justus Jonas, der ihn hernach begleitete. In Rißdorf erlitt Luther einen Herzanfall. Als dessen Verursacher erkannte er den Teufel, in Gestalt der örtlichen Juden. Sie zu vertreiben, drängte er die Grafen. Auch in seinen letzten Predigten von der St.-Andreas-Kanzel wütete er wider die hebräischen Christusleugner, die ihn so tief enttäuscht hatten.

Die Erbschlichtung geriet strapaziös und zog sich hin. Brustkrämpfe quälten Luther. Er ahnte, dass er »in Eisleben bleiben« werde. Endlich, am 17. Februar, war der »verdrewsliche handel« juristisch beigelegt. Beim Abendessen scherzte Luther, heimgekehrt werde er sich »in den Sarg schlafen legen und den Würmern einen guten feisten Doktor zu verzehren geben«. Seine Herzschmerzen verschlimmerten sich. Man rieb ihn mit warmen Tüchern ab, man traktierte ihn mit Aquavit, Rosenessig und Lavendelwasser. Graf Albrecht verabreichte ihm wundertätiges »Einhorn« – geriebenen Narwal-Zahn mit Wein. Nichts half. »Lieber Gott«, rief der Kranke, »mir ist sehr weh und angst! Ich fahr dahin! Nimm mein Seelchen zu Dir!« Dreimal sprach er die Worte Christi am Kreuz: »In manus tuas commendo spiritum meum, redemisti me, Deus veritatis.« Dann schwanden ihm die Sinne. Justus Jonas schrie ihn an: »Allerliebster Vater, Ihr bekennt ja Christum, den Sohn Gottes, unseren Heiland und Erlöser?« Darauf sprach Luther: »Ja.« Und starb.

Schon eine Stunde nach Luthers Ende diktierte Justus Jonas seinen Bericht von der Todesnacht und sandte ihn im Galopp gen Wittenberg. Es eilte. Dass der Reformator rechtgläubig, getreu seiner Lehre gestorben sei, musste die Welt alsbald erfahren. Am 19. Februar trat Philipp Melanchthon vor die Wittenberger Studenten und sprach: »Es ist gestorben der Wagenlenker Israels.«

Doch rasch kursierten katholische Pamphlete: Der Ketzer Luther sei vom Teufel geholt worden, er habe sich totgesoffen, am Bettpfosten erhängt et cetera. An der Deutungshoheit über Luthers Tod hing das Schicksal der Reformation. Das Sterben beglaubige das Leben, so lehrte die römische Kirche. Im Angesicht des Todes versuche der Teufel den Menschen ein letztes, entscheidendes Mal. Verzweifele der Sterbende an Gott, verfalle seine Seele der Verdammnis, trotz zeitlebens angesammelter guter Werke. Deshalb brauche er zum seligen Tod die Sterbesakramente Beichte und Abendmahl. Das hatte Luther bestritten. Sola fide, unverdient und allein durch Glauben, gelange der Mensch zu Gott. Das Bekenntnis zu Christus reiche zur Seligkeit.

Aber wie konnte das Sterbehaus wandern?

In Eisleben warten drei Wissende: der Lutherstätten-Leiter Christian Philipsen, Luthers Pressesprecher Florian Trott (Katholik!) und Jochen Birkenmeier, der Kurator des neu konzipierten Sterbehauses. Gedenkort und Museum soll es sein, auch ein Lehrgebäude lutherischer Traditionsgeschichte. Unesco-Welterbe ist es seit 1996, zusammen mit Luthers Geburtshaus gleich ums Eck, der Wartburg und Wittenberg.