Terror aus der WüsteMali ist nicht Afghanistan – oder?

Schon wieder zieht der Westen aus, um ein muslimisches Land zu befrieden. Drei Fragen zu den Chancen und Risiken der Militär-Mission von Charlotte Wiedemann, und

Wer ist der Feind?

Wer ist im Norden Malis Feind, und wer ist potenzieller Partner? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten – und die Unterschiede zwischen der malischen und der europäischen Sicht sind beträchtlich.

Von den sechs bewaffneten Formationen in Nordmali passen nur zwei zum westlichen Bild von internationalen Terroristen: die unter algerischer Führung stehende Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi) sowie die Bewegung für Einheit und Dschihad Westafrikas (Mujao), gleichfalls stark durchsetzt von Nichtmaliern. Schon bei Letzterer jedoch wird es immer schwieriger, zwischen eingereisten Besatzern und einheimischen Anhängern zu unterscheiden. Mujao gewann in der Stadt Gao Helfer unter den Bewohnern; darum kommt es dort nach der Einnahme durch die Franzosen jetzt zu blutigen Racheakten an tatsächlichen oder vermeintlichen Kollaborateuren.

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Bei den vier anderen bewaffneten Formationen sind die Grauzonen noch größer. Diese Gruppen bestehen überwiegend aus Maliern; einige arbeiten mit Al-Kaida zusammen, andere vertreten die sozialen und wirtschaftlichen Interessen verschiedener Ethnien Nordmalis, vor allem der Tuareg. Erst im Dezember gründeten malische Araber eine Ansar al-Scharia. Die Rolle arabischer Milizen ist in Nordmali besonders dubios, denn sie wurden noch von Malis früherer Regierung als Ordnungsmacht bewaffnet. Das klingt furchtbar wirr – und ist es auch. Vieles im heutigen Chaos von Nordmali ist die Folge schlechten Regierens: Staatliche Politik brachte Ethnien gegeneinander auf, paktierte zum eigenen Profit mit einzelnen einflussreichen Personen und überließ ansonsten alle ihrem Schicksal.

Das hat nicht nur die Landgewinne des Terrorismus begünstigt, sondern zeitigt auch jetzt in den militärisch »befreiten Zonen« schlimme Folgen: Vertreter der arabischen Bevölkerungsgruppe klagten in einem dramatischen Appell über Angriffe, die auf »ein ethnisches Erscheinungsbild« zielten. In Timbuktu, sagen sie, seien zahllose arabische Geschäfte geplündert worden.

Die bewaffneten Kämpfer der Tuareg verteilen sich auf drei Gruppen, eine ist säkular (Mouvement Nationale pour la Libération de l’Azawad, MNLA), die zweite radikal-islamistisch (Ansar Din) und die dritte – nun ja, bewegt sich in der Mitte. Diese Islamische Bewegung für Azawad, kurz MIA, hat sich gerade erst von den Radikalen abgespalten. Die Mittelgruppe MIA will jetzt verhandeln; sie zielt auf eine Schlüsselrolle für das weitere Vorgehen der Franzosen in der Tuareg-Region Kidal. In den vergangenen Tagen öffnete die wendige MIA die Tore von Kidal deshalb einem alten Bekannten: den säkularen Tuareg-Rebellen der MNLA. Möglicherweise müssen die Franzosen Kidal also gar nicht freikämpfen, sondern könnten mit den Tuareg zu einer Übereinkunft gelangen.

Und damit sind wir beim heikelsten Punkt der französisch-malischen Zusammenarbeit. Die säkularen Tuareg-Kämpfer haben Zugang zum Pariser Außenministerium, treten im französischen Fernsehen auf – während die malische Öffentlichkeit verlangt, sie in Den Haag als Kriegsverbrecher anzuklagen. Die säkulare MNLA gilt als Hauptverursacher der Krise, weil sie den Islamisten überhaupt erst die Steigbügel hielt. Und sie wird abgrundtief gehasst aus Gründen, die bis in die Zeiten der Sklaverei zurückreichen. Dass die MNLA ihrerseits die malische Armee gar nicht in den Norden lassen will, weil diese »genozidäre« Absichten hege, zeigt, wie sehr die malische Krise noch immer eine innere Krise ist, nicht nachhaltig aufzulösen durch militärische Akteure von außen.

Charlotte Wiedemann

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