Anti-Terror-KampfWer ist der Feind?

Wer ist im Norden Malis Feind, und wer ist potenzieller Partner? von Charlotte Wiedemann

Französische Soldaten auf der Straße nach Gao in Mali

Französische Soldaten auf der Straße nach Gao in Mali  |  © Pascal Guyot/AFP/Getty Images

Wer ist im Norden Malis Feind, und wer ist potenzieller Partner? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten – und die Unterschiede zwischen der malischen und der europäischen Sicht sind beträchtlich.

Von den sechs bewaffneten Formationen in Nordmali passen nur zwei zum westlichen Bild von internationalen Terroristen: die unter algerischer Führung stehende Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi) sowie die Bewegung für Einheit und Dschihad Westafrikas (Mujao), gleichfalls stark durchsetzt von Nichtmaliern. Schon bei Letzterer jedoch wird es immer schwieriger, zwischen eingereisten Besatzern und einheimischen Anhängern zu unterscheiden. Mujao gewann in der Stadt Gao Helfer unter den Bewohnern; darum kommt es dort nach der Einnahme durch die Franzosen jetzt zu blutigen Racheakten an tatsächlichen oder vermeintlichen Kollaborateuren.

Bei den vier anderen bewaffneten Formationen sind die Grauzonen noch größer. Diese Gruppen bestehen überwiegend aus Maliern; einige arbeiten mit Al-Kaida zusammen, andere vertreten die sozialen und wirtschaftlichen Interessen verschiedener Ethnien Nordmalis, vor allem der Tuareg. Erst im Dezember gründeten malische Araber eine Ansar al-Scharia. Die Rolle arabischer Milizen ist in Nordmali besonders dubios, denn sie wurden noch von Malis früherer Regierung als Ordnungsmacht bewaffnet. Das klingt furchtbar wirr – und ist es auch. Vieles im heutigen Chaos von Nordmali ist die Folge schlechten Regierens: Staatliche Politik brachte Ethnien gegeneinander auf, paktierte zum eigenen Profit mit einzelnen einflussreichen Personen und überließ ansonsten alle ihrem Schicksal.

Das hat nicht nur die Landgewinne des Terrorismus begünstigt, sondern zeitigt auch jetzt in den militärisch »befreiten Zonen« schlimme Folgen: Vertreter der arabischen Bevölkerungsgruppe klagten in einem dramatischen Appell über Angriffe, die auf »ein ethnisches Erscheinungsbild« zielten. In Timbuktu, sagen sie, seien zahllose arabische Geschäfte geplündert worden.

Die bewaffneten Kämpfer der Tuareg verteilen sich auf drei Gruppen, eine ist säkular (Mouvement Nationale pour la Libération de l’Azawad, MNLA), die zweite radikal-islamistisch (Ansar Din) und die dritte – nun ja, bewegt sich in der Mitte. Diese Islamische Bewegung für Azawad, kurz MIA, hat sich gerade erst von den Radikalen abgespalten. Die Mittelgruppe MIA will jetzt verhandeln; sie zielt auf eine Schlüsselrolle für das weitere Vorgehen der Franzosen in der Tuareg-Region Kidal. In den vergangenen Tagen öffnete die wendige MIA die Tore von Kidal deshalb einem alten Bekannten: den säkularen Tuareg-Rebellen der MNLA. Möglicherweise müssen die Franzosen Kidal also gar nicht freikämpfen, sondern könnten mit den Tuareg zu einer Übereinkunft gelangen.

Und damit sind wir beim heikelsten Punkt der französisch-malischen Zusammenarbeit. Die säkularen Tuareg-Kämpfer haben Zugang zum Pariser Außenministerium, treten im französischen Fernsehen auf – während die malische Öffentlichkeit verlangt, sie in Den Haag als Kriegsverbrecher anzuklagen. Die säkulare MNLA gilt als Hauptverursacher der Krise, weil sie den Islamisten überhaupt erst die Steigbügel hielt. Und sie wird abgrundtief gehasst aus Gründen, die bis in die Zeiten der Sklaverei zurückreichen. Dass die MNLA ihrerseits die malische Armee gar nicht in den Norden lassen will, weil diese »genozidäre« Absichten hege, zeigt, wie sehr die malische Krise noch immer eine innere Krise ist, nicht nachhaltig aufzulösen durch militärische Akteure von außen.

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Leserkommentare
    • scoty
    • 10. Februar 2013 10:35 Uhr

    das die Franzosen dies auch nicht wissen.

    Schnell raus da und mit anderen Mitteln ( Spione und Drohnen ) die Terroristen bekämpfen.

  1. Moin,

    und wieder ein Land das auseinanderfällt. Ich hoffe nur, dass es Ägypten nicht genauso geht.

    CU

    3 Leserempfehlungen
  2. ...verworrenen Situation "lechzen" die bellizistischen "Olivgrünen" mit ihren "sozialdemokratischen" Kumpanen danach - hier im "französischen Hinterhof" - militärisch mitzumischen.

    Wenns nicht so traurig wäre könnte man über die Idiotie der deutschen "Außenpolitik" lachen...

    P.S. Wetten im Frühjahr sind alle Soldaten wieder zuhause, und Frieden, Glück, Demokratie und Wohlstand sind in Mail eingekehrt?
    (Achtung: Ironie!)

    3 Leserempfehlungen
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    (Achtung, keine Ironie)

    Und wieder so ein Spielverderber.

  3. Mit keinem Wort wird Libyen erwähnt. Eine Nachrecherche wäre sicher hilfreich. Überall wo bestehende Machtstrukturen ausgehebelt wurden, rückten die Radikalislamisten nach. So zu tun, als wäre Mali ein gesonderter Fall für sich, entspricht nicht den Verhältnissen. Die Sicherheitspolitik des Westens ist ein Desaster. Wir bekämpfen die Radikalislamisten nicht, wir begünstigen ihren Aufstieg, sei es durch Instrumentalisierung um ungeliebte Regime zu stürzen, sei es durch Ausbeutung der Dritten Welt. Ehemlige CIA-Mitarbeiter die in Afghanistan tätig waren berichten, dass die wenigsten Kaida-Kämpfer politisch motiviert waren. Viele seien aus wirtschaftlicher Notwendigkeit als Söldner aufgebrochen. In Europa war das Söldnerwesen bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet. Auch heutige Berufsarmeen basieren darauf. Die US-Armee besteht aus Söldnern. Viele Soldaten sind Angehörige der ärmsten Schichten, die sich einen Aufstieg und eine Ausbildung erhoffen. Die Armut bildet hier eine Konstante. Bekämpfen wir die Armut, entziehen wir den "Warlords" ihre Grundlage.

    7 Leserempfehlungen
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    • Aflaton
    • 10. Februar 2013 14:57 Uhr

    leider jedoch bleibt"s dabei - ueberall. Sieht an sich die Schuldenpolitik der Weltbank und anderer Player an, dann kann man verzweifeln, zumal, wenn man sich nicht nr in Afghanistan das Ganze vor Ort angesehen hat und Tage- und Naechte mit der Weltbank in DC verhandelt hat.
    Eigentlich sind wir ueberall bald so weit, dass die Erfordernis fuer Schuldenschnitt und Waehrungsreboot fuer viele immer offenkundiger sein sollte.
    Der Westen - insbesondere Deutschland mit seiner Zauderpolitik jedoch scheint da aehnlich konzeptlos wie die Sowjets anno 1989. Und - pragmatische Aenderungsvorschlaege werden ja auch immer wieder erfolgreich erst abgebuegelt, dann marginalisiert und dann tot geschwiegen in der Wueste der Alternativlosigkeit.
    Letztlich muesste "die erste Welt" die Signale setzen. Hm.

    • Moika
    • 10. Februar 2013 11:12 Uhr

    Ob die Franzosen sich genau darüber im Klaren waren, worauf sie sich - siehe Bericht - wirklich eingelassen haben?

    Ich kann nur hoffen, daß die rund 80 Prozent des Urans, das sie für ihre Kernkraftwerke aus dem Mali beziehen, nicht der einzige Grund war. Hollande wird mit seinen Truppen bald an die Grenze des belastbaren kommen - und dann?

    Ich fürchte, wir werden den Kopf für die vollkommen verfehlte Politik nach dem Ende der Kolonialzeit mit hinhalten dürfen. Ob wir dazu bereit sind, wird sich in Kürze zeigen.

    2 Leserempfehlungen
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    Der war gut - die Franzosen führen diesen Krieg mehr oder weniger ununterbrochen seit 1965... Da die noch im gesrtigen Artikel von den Franzosen in Nordmali stationierten 1800 tschadischen Regierungssoldaten heute leider nicht mehr erwähnt werden, verschleiert das die Kontinuität - die Tuareg kämpften bis Anfang der 90er mit Gaddafi im Tschad gegen Franzosen und tschadische Regierungstruppen.

    Im letzten Monat hättest auch du dich informieren können. Das Uran stammt aus Niger und nicht aus Mali, aber das kann man ja mal verwechseln.

    Seit Dezember 2012 gibt es aktuelle Analysen deutscher Stiftungen.
    Heinrich-Böll-Stiftung
    http://www.boell.de/downl...
    Friedrich-Ebert-Stiftung
    http://library.fes.de/pdf...
    Da sollte wohl auch die französische Regierung über die Situation im Bilde gewesen sein.

    Laut Friedrich-Ebert-Stiftung gibt es in Mali viele Regionen, die von Bamako vernachlässigt werden. Aber nur die Tuareg beginnen bewaffnete Aufstände. Sie fordern ein unabhängiges Azawad, obwohl sie nur 2% der malischen Bevölkerung stellen und auch in Azawad nur eine 34% Minderheit darstellen. Dabei werden sie seit vielen Jahren wirtschaftlich und politisch bevorzugt. Das erkennen sie aber nicht, weil sie sich statt mit Mali mit Tuareg im Maghreb oder Libyen vergleichen, denen es aufgrund der Öleinnahmen der Staaten wesentlich besser geht. Sie haben überzogene Forderungen! (FES Abs1:5, 1.Absatz)

    Die Feinde sind alle bewaffneten Aufständischen. Aber Vernichtung führt zu keiner Lösung. Deshalb muss es Verhandlungen zwischen Tuareg und Bamako geben. Diplomatische Vermittler sind beispielsweise die Schweiz. Aber auch Algerien war schon Vermittler.

    Es geht jetzt erst um Befriedung und Aufarbeitung der Kriegsverbrechen.
    Dann braucht man demokratische Wahlen, Friedensverhandlungen und die Sicherstellung guter Regierungsführung.

  4. Die Kunst wird darin bestehen, die Grupen herauszufiltern mit denen man zusammenarbeiten kann, was nicht einfach sein wird !

    UND wie im Kommentar No4 angemerkt wird:
    Ein zukünftiger Regierungssoldat oder Polizist,
    der von seinem Sold seine Familie nicht ernähren kann,
    wird nicht zuverlässig sein.
    Jemand der keine Perspektive hat wird notfalls für die Radikalen als Söldner kämpfen.
    Diese Fehler wurden schon in Afganistan gemacht !

    Eine Leserempfehlung
  5. Der war gut - die Franzosen führen diesen Krieg mehr oder weniger ununterbrochen seit 1965... Da die noch im gesrtigen Artikel von den Franzosen in Nordmali stationierten 1800 tschadischen Regierungssoldaten heute leider nicht mehr erwähnt werden, verschleiert das die Kontinuität - die Tuareg kämpften bis Anfang der 90er mit Gaddafi im Tschad gegen Franzosen und tschadische Regierungstruppen.

    • zfat99
    • 10. Februar 2013 12:11 Uhr

    "Menschenrechtsorganisationen werfen der malischen Armee außergerichtliche Hinrichtungen von Tuareg und Arabern vor"

    In Österreich und der Schweiz wird berichtet, ...

    http://derstandard.at/136...

    Frankreich hat Militär vor Ort und unterstützt die malische Armee, Oberbefehlshaber der französischen Armee ist der französische Staatspräsident.

    Die Proteste vermisse ich.

    3 Leserempfehlungen
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    Das konnte man erwarten. Im Krieg sterben Menschen unter verschiedenen Bedingungen. Mehr ist nicht bekannt. Waren es Kampfhandlungen, Nachgefechte, Massaker oder Volkszorn? Man weiß es noch nicht.

    In Bosnien gab es auch Massengräber, deren Fundsituation bereits auf Massaker schließen ließen. Und doch dauerte es lange, bis die Vorgänge gerichtsverwertbar aufgearbeitet wurden.

    Seit Mitte Januar ermittelt der IStGH in Mali wegen Kriegsverbrechen. Sie werden auch in Mali die Vorfälle untersuchen und sie der Justiz zuführen. Es wird wohl schwierig werden und lange dauern.

    Glücklicherweise versucht die internationale Justiz die Siegerjustiz abzulösen!

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  • Schlagworte Mali | Militäraktion | Islamismus | Islamistischer Terrorismus
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