MartensteinÜber den Kampf der EU gegen versteckte Haselnüsse

Es sind bekanntlich die kleinen Dinge, die zählen. Diesmal sind es Beipackzettel für Torten, die Harald Martenstein von Europa entfremden. Dabei träumt er auf Europäisch! von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Am 13.12.2014 werden in der EU Beipackzettel für Torten eingeführt, EU-Richtlinie 1169/2011.

Beipackzettel für Torten? Wie gesagt, ich werde langsam zum Europagegner. Ich finde die europäische Einigung toll, ich träume auf Europäisch. Ich habe nicht einmal etwas dagegen, dass die Griechen Geld bekommen. Aber ich will nicht von so einer Monsterbürokratie regiert werden. Beipackzettel für Torten sind für mich eine Art Kriegserklärung an den gesunden Menschenverstand.

Anzeige

Bisher war es so: Wenn ein Mensch gegen, sagen wir, geröstete Haselnüsse allergisch war, dann ist dieser Mensch, wenn er Lust auf Torte verspürte, in eine Konditorei gegangen. Der Mensch hat sich eine schöne Torte ausgesucht. Dann hat er dem Konditor oder der Konditorin die folgende, hier im Originalwortlaut wiedergegebene Frage gestellt: »Sind da geröstete Haselnüsse drin?«

Es konnte natürlich im Extremfall passieren, dass im Laden eine Verkäuferperson stand, die nicht Bescheid wusste. Und dann? Was ist dann passiert, in dieser europäischen Krisensituation? Die Verkäuferperson sagte: »Ich weiß nicht, ob da Nüsse drin sind. Aber in der gedeckten Apfeltorte sind garantiert keine, und die schmeckt superlecker, die kann ich empfehlen.«

Dieses Verfahren hat jahrhundertelang bestens funktioniert. Europas Völker haben oft Kriege gegeneinander geführt, aber mit ihren Torten sind sie wunderbar klargekommen.

Vom 13.12.2014 an muss es nicht nur zu jeder Torte, nein, auch zu jeder gottverdammten Praline in ganz Europa einen Beipackzettel mit sämtlichen Inhaltsstoffen geben. Begründet wird dies mit dem Schutz der Allergiker. Konditoreien sind oft Kleinbetriebe. Es wird noch viel mit der Hand gearbeitet. Manchmal sind keine Haselnüsse da. Dann nimmt der Konditor was anderes, vielleicht Walnüsse. In Zukunft muss er, bevor er das macht, einen neuen Beipackzettel drucken. Statt einfach zu fragen, muss der Allergiker sich durch einen Zettel mit kleiner Schrift hindurchkämpfen, oder er fragt einfach trotzdem. Ja, vermutlich wird der Allergiker einfach trotzdem fragen. Wegen solcher Sachen werde ich Europagegner.

Es gibt auch sinnvolle EU-Richtlinien, das muss mir jetzt keiner erzählen. Aber eine Tendenz zur Überregulierung, zu Allmachtsfantasien ist unverkennbar. Sie befreien die Märkte und kontrollieren stattdessen das Leben.

Irgendwann, in dreißig Jahren oder so, kommt die Genehmigungspflicht für Eltern. Das liegt in der Logik der gesamteuropäischen Entwicklung. Wer Kinder kriegen will, muss vorher seine oder ihre Eignung nach EU-einheitlichen Kriterien nachweisen und den Kinderschein machen. Wieso ist das eigentlich nicht schon längst eingeführt? Aus Respekt vor der Privatsphäre? Der Tod ist doch ebenso privat wie die Geburt, zur Sterbehilfe gibt es auch jede Menge Gesetze. Eltern sollten eine gewisse Mindestbildung, ausreichende Wohnfläche und pädagogische Grundkenntnisse besitzen sowie die charakterliche Eignung. Mein Gott – es ist zurzeit komplizierter, Taxifahrer zu werden als Vater oder Mutter! Obwohl Eltern nachweislich so viel Schaden anrichten können! Wenn gewalttätige Leute keine Kinder mehr auf die Welt setzen dürfen, na, das klingt doch erst mal gut.

Andererseits können sich auch Menschen, die schlechte Eltern hatten, später durchaus ihres Lebens erfreuen, Glück oder Unglück hängen sehr vom Einzelfall ab. Das Glück ist extrem schwer zu normieren. Der EU-weite Kinderschein schreit geradezu nach komplizierten Ausführungsbestimmungen und Einzelfallregelungen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Korrektur vom 31.1.13: Es handelt sich nicht um die EU-Richtlinie 1164/2011, wie in der Print-Ausgabe des ZEITmagazins zu lesen ist, sondern um die EU-Richtlinie 1169/2011.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Der im Text angegebene Link führt zu einer anderen Verordnung, richtig ist
    http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2011:304:0018...

    Eine Leserempfehlung
    • EKGT
    • 31. Januar 2013 12:17 Uhr

    Der Artikel spricht mir aus der Seele. Auch ich bin überzeugte Europäerin, befürchte aber weiterzunehmende Ablehnung der EU durch detailverliebten Regelungswahn.
    Wenn meine These zutrifft- nämlich, dass Die EU dadurch in den Kernzielen Frieden und wirtschaftliches Bestehen in der globalisierten Welt beschädigt wird- stellt sich die Frage, wie dieser Prozess aufzuhalten ist.

    3 Leserempfehlungen
    • Rychard
    • 31. Januar 2013 12:56 Uhr

    EU-All-App vor, das Alltagsprobleme automatisch an alle EU Kommision übermittelt und alle wichtigen EU Kommissäre zu einer EU Sitzung mit EU Beschluss zu einer EU Verordnung EU weit verpflichtet, nachdem alle anderen Eu Richtlinien, die erwähnt und berücksichtigt aber als nicht weitreichend gEnUg diskutiert und behandelt betrachtet werden, von allen EU Beamten zur täglichen Hauptmahlzeit selbst verdaut werden müssen ..

    Eine Leserempfehlung
    • Sannie
    • 31. Januar 2013 14:55 Uhr

    Wenn Sie von ein, zwei gemahlenen Sesamsamen tot umfallen würden, wäre Ihr Blick vermutlich etwas weiter.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wieso gab es früher (gar nicht mal so lange her) keine "Allergiker"?
    Vielleicht sollten diese Menschen was anderes in ihrem Leben ändern, und nicht nur die Folgen? Oder deren Eltern haben bereits Mist gebaut (falsche Ernährung, falsches Leben?), weiß man's?
    Gibt's solch Leute auch außerhalb von Großstädten?
    Aber ernsthaft: Wieso gab's sowas früher nicht? Weil wir als Kinder alle auch im Dreck gespielt haben?
    Heut' laufen die Kleinen ja nicht mal vom Kindergarten um die Ecke nach Hause - nein, die Mami muss sie mit dem Auto die 500 Meter fahren ... Vielleicht ist sowas (und ähnliches) daran Schuld. DAS sollte man ändern. Aber....

    • Twipsy
    • 31. Januar 2013 14:56 Uhr

    Nun ja, früher, da stand der Konditor noch in der Backstube und hat mit seinen Eiern hantiert. Soll ich ihnen was verraten, Herr Martenstein? Selbst, wenn es heute noch kleine Konditoreien gibt: Sie beziehen zu 90% ihre Rohstoffe von Dr. Oetker und seinen Tochterfirmen. Wird alles nur noch angerührt. Und dann kommt noch das Produkthaftungsgesetz ins Spiel. Wenn heute ein Allergiker eine Nuss erwischt und einen allergischen Schock bekommt, steht morgen die Staatsanwaltschaft bei Dr. Oetker auf dem Hof. Deshalb sagt Dr. Oetker zu seinen Kunden: Vorsicht, wir setzen hier 1000 Tonnen am Tag um, es kann schon mal passieren, dass uns da eine Nuss durchrutscht. Wenn der Konditor das nicht so an den Endverbraucher weitergibt, steht die StA bei ihm! Und deshalb können Sie auch heute schon(!) bei jedem Bäcker, Konditor, Metzger etc. eine Zutatenliste einsehen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Hoch auf das tolle Produkthaftungsgesetz. Na das ist doch mal eine tolle Vorlage für viele weitere, "nützliche" Gesetze. Ich freue mich auch schon auf die neue TV- oder Radiowerbungsrichtlinie bei Backwaren: Diese Kekse können Spuren von irgendwas enthalten. Bitte konsultieren Sie den Beipackzettel oder fragen Sie den Händler oder Hersteller...

  2. Ein Hoch auf das tolle Produkthaftungsgesetz. Na das ist doch mal eine tolle Vorlage für viele weitere, "nützliche" Gesetze. Ich freue mich auch schon auf die neue TV- oder Radiowerbungsrichtlinie bei Backwaren: Diese Kekse können Spuren von irgendwas enthalten. Bitte konsultieren Sie den Beipackzettel oder fragen Sie den Händler oder Hersteller...

    Antwort auf "Kleinbetriebe?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was haben Sie gegen das Produkthaftungsgesetz?

    Wenn in meinem Auto die Bremsen nicht funktionieren und die Autohausklitsche, in der ich das gekauft habe, pleite ist, möchte ich mich schon an den Hersteller wenden können, nachdem ich verunfallt bin.

  3. Redaktion

    Wie von Herrn Schlierbach angegeben, handelt es sich bei der Verordnung um eine andere, als die ursprünglich im Text angegebene. Wir haben den Fehler korrigiert.

  4. "Ausgenommen sind [...] Lebensmittel, einschließlich handwerklich hergestellter Lebensmittel, die direkt in kleinen Mengen von Erzeugnissen
    durch den Hersteller an den Endverbraucher oder an lokale Einzelhandelsgeschäfte abgegeben werden, die die
    Erzeugnisse unmittelbar an den Endverbraucher abgeben"

    Siehe Anhang V der Verordnung.
    Einfach mal durchlesen, ueber was man schreibt.

    Erinnert doch stark an: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/martensteins-gefuehltes-wissen/

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Europäische Union | Allergiker | Eltern | Geburt | Glück | Logik
Service