Am 22. August 2011 macht ein Medizinstudent einen Fehler, der schlimmste Folgen hat. Er quält ihn bis heute und beschäftigt den gesamten Fachbereich. Im Evangelischen Krankenhaus in Bielefeld entnimmt er, 29 Jahre alt, einem Säugling eine Blutprobe, als eine Krankenschwester ins Zimmer tritt. Sie legt eine Spritze mit einem Antibiotikum bereit. Ein paar Worte fallen. Später im Gerichtssaal wird darüber gestritten, wer was zu wem gesagt habe. Es wird sich nicht eindeutig klären lassen. Klar wird aber: Anstatt das Medikament wie vorgesehen oral zu verabreichen, spritzt der Student es in eine laufende intravenöse Infusion. Daraufhin erleidet das zehn Monate alte Kind einen anaphylaktischen Schock, eine allergische Überreaktion des Immunsystems, und stirbt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt und bringt den Fall vor Gericht. Der junge Mediziner wird, obwohl er sich zur Zeit des Unglücks noch im Praktischen Jahr (PJ) befindet, für den Fehler allein verantwortlich gemacht. Am 22. Oktober 2012 befindet ihn das Amtsgericht Bielefeld der fahrlässigen Tötung für schuldig und verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen seines Gehalts, für ihn als Student sind das 1800 Euro. Er habe ohne ärztlichen Auftrag gehandelt, lautet die Begründung. Außerdem hätte er erkennen müssen, dass das Medikament nicht zur intravenösen Gabe bestimmt gewesen sei.

Während aus dem Krankenhaus niemand belangt wurde, bangt der Student um seine Zukunft als Arzt. Zwar hat er Mitte Januar die Approbation erhalten. Doch mit dem Urteil gilt er als vorbestraft. Ihn plagen nun nicht nur Seelennöte, sondern die Strafe wird auch drei Jahre lang in seinem Führungszeugnis stehen, das bei Bewerbungen angefragt werden kann. »Ich hätte nicht gedacht, dass man mir die alleinige Schuld für das Geschehene anlastet. Ich befürchte negative Folgen für mein weiteres Berufsleben«, lässt er auf Anfrage der ZEIT über seinen Anwalt ausrichten. Er selbst möchte anonym bleiben. Er hat Berufung eingelegt, die Verhandlung steht aus.

Noch nie wurde ein Medizinstudent strafrechtlich belangt

Schon jetzt aber sorgt das Verfahren für Wirbel. Einen Tag nach der Urteilsverkündung schrieb der Studiendekan Bernhard Marschall der Medizinischen Fakultät in Münster, wo der PJler eingeschrieben war, eine lange Mail an seine rund 2500 Medizinstudenten, in der er den Verurteilten verteidigte. Dieser habe während des PJ häufig intravenöse Injektionen durchgeführt und es auch diesmal als seinen Auftrag verstanden. In dieser Situation hätte fast jeder Student so gehandelt, behauptete Marschall. Die Münsteraner Studenten waren alarmiert. Sie gaben eine Stellungnahme heraus, in der sie von der Unsicherheit berichteten, die der Fall bei ihnen ausgelöst hat. Sie wüssten nun nicht mehr, was sie im PJ dürfen und was nicht.

Tatsächlich existiert kein Regelwerk, das die Aufgaben eines PJlers exakt definiert. Die angehenden Mediziner aus Münster schreiben: »Uns bleibt bei Bestehenbleiben dieses Urteils lediglich die Möglichkeit, jede potenziell patientenschädigende Maßnahme zu verweigern.« Das aber beträfe nahezu jede Behandlung. Würden sie ihre Drohung in die Tat umsetzen, hätten die Krankenhäuser ein Problem, denn PJler sind aus Dienstplänen nicht wegzudenken. Der Nachwuchs soll Ärzte und Pflegekräfte entlasten und führt Arbeiten aus, die jeden Tag geleistet werden müssen, wie Zugänge legen und Blut abnehmen. Im hektischen Klinikalltag bleibt keine Zeit, sich jedes Mal zu fragen, ob sie das dürfen.