Michael KöhlmeierDer Schelm als Monster

Michael Köhlmeier ist mit dem Roman "Die Abenteuer des Joel Spazierer" ein ungeheurer Wurf gelungen. von Michael Maar

Unser Held und Icherzähler begleitet einen Kneipenbekannten mit zu dessen Wohnung, wo er ihm eine Waffe abkaufen will. Lieber eine kleine Magnum oder einen 25er Colt Automatic? Oder noch besser eine 38er Walther, die hätten im Zweiten Weltkrieg nur die Offiziere bekommen. Der Erzähler lässt sich zeigen, wie man sie lädt und wie man den Schalldämpfer aufschraubt. Die Waffe solle er mit beiden Händen halten. »Das tat ich und schoss ihm schnell hintereinander zwei Kugeln in den Kopf.«

In Michael Köhlmeiers letztem Roman Madalyn schrieb ein Sebastian Lukasser, den wir seit Abendland als sein Alter Ego kennen, an einem dicken Buch über einen jugendlichen Mörder. Dieses Buch liegt jetzt vor, 650 Seiten stark, eine Fortsetzung und Weiterführung von Abendland und, um es vorwegzunehmen, ein ungeheurer Wurf.

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Die Konstruktion der Abenteuer des Joel Spazierer ist einfach. Lukasser lädt die Hauptfigur, einen alten, mittlerweile bedürftigen Freund, zu Gast in seine Wiener Wohnung, woraufhin dieser ihm aus Dankbarkeit oder Beichtbedürfnis sein Leben erzählt. Diese Lebensbeichte liegt uns als Roman vor, in dem Lukasser die Nebenrolle eines Mentors übernimmt, der dem ungeübten Erzähler Tipps gibt, wie er anfangen und worauf er verzichten solle, und der ihm auch das Genre nennt, das er bediene, nämlich das des Schelmenromans. Kurz, es ist das alte Spiel der sich selbst zeichnenden Hand.

Das Wort Schelm allerdings trifft die Hauptfigur nicht, und wenn sie an Felix Krull erinnert, dann so wie Kain an Abel. Joel Spazierer, der 1949 in Budapest geboren wird, als Kind mit seiner Familie nach Österreich flieht und nach langer Haftstrafe Karriere in der DDR macht, ist ein Genie der Manipulation, diesseits von Gut und Böse; klinisch gesprochen, ein Psychopath – so perfekt er andere lesen und steuern kann, so gefühlskalt bleibt er dabei. Schon als Neunjähriger ist er Stricher, später Erpresser, Fälscher, Dieb und mindestens fünffacher Mörder, kaltblütig, rachsüchtig, habgierig, höchstbegabt, ein charmantes Monster ohne Moral.

Spazierer selbst führt alles auf ein Erlebnis in der Kindheit zurück. Stalins Paranoia der sogenannten Ärzteverschwörung greift auf Ungarn über, Spazierers Großvater wird vom Geheimdienst inhaftiert und gefoltert (Perforation der Kniescheibe), die Großmutter wird abgeholt, und das vierjährige Kind verbringt fünf Tage allein in der Wohnung. In diesen Tagen bildet sich sein spezielles Ich- und Allmachtsgefühl heraus. Seitdem fühlt er sich von Tieren beschützt, die ihm zurate eilen, wenn es ernst wird; sie sind, ohne dass das Wort fiele, seine schamanistischen Begleiter. Manchmal sprechen sie aus ihm, was so schaurig klingt, wenn es plötzlich aus ihm bellt, miaut, grunzt und stöhnt, dass der Zuhörer sich übergeben muss.

Gebrauchen kann er sie öfter, die tierischen Begleiter, bei seinem heftig schlingernden Lebensweg, der keinem Gesetz zu folgen scheint als dem der sich zufällig bietenden Okkasion. Das scheinbare Schlingern führt uns durch die sechziger Jahre bis heute, wobei wir Spezialkenntnisse erwerben über den Zellenalltag im Gefängnis, über Passfälschung, kalten Heroinentzug, Verhörtechniken der Stasi, Autosuggestion beim Töten oder die Tricks des Profi-Schachs. Historisch schließt sich der Bogen vom Ungarneinmarsch bis zum Zerfall der DDR, unter Berührung wichtiger Zeitmarker wie der Entführung Aldo Moros, der Kubareisen sozialistischer Jugendlicher oder der Drogenverwahrlosung großstädtischer Jugend. Spazierer war überall dabei und hat das meiste mit eigenen Augen gesehen, und wenn er uns über seine Gespräche mit Mielke und Erich und Margot erzählt, dann meint der Leser, auch er sei dabei gewesen.

Allein diese letzten Kapitel über Spazierers Hochstapler-Abenteuer in der DDR sind ein grandioser Spaß, unterbrochen von einer wahrhaft infernalischen Passage, in der Spazierer in Moskau entführt und in einem stillgelegten Tunnel in einem Käfig gehalten wird. In den Nachbarkäfigen werden Gefangene geschlachtet, ausgeweidet und geröstet; Spazierer wird, um eine Fingerkuppe erleichtert, erst durch die Maschinengewehre seiner vietnamesischen Bodyguards befreit.

Warum hat er Bodyguards? Weil er sich bei seiner Einreise in die DDR mit gefälschtem Pass als Enkel Ernst Thälmanns ausgibt, des letzten Heiligen der dahindämmernden Republik. Der angebliche Enkel steigt in die höchsten Kreise auf, hat zwei Töchter von zwei Frauen und wird 1983 an der Humboldt-Uni Professor für wissenschaftlichen Atheismus. Nur einer weiß Bescheid und kennt seinen wahren Namen – denn Mielke weiß alles.

 

Leserkommentare
  1. Das kleine Österreich macht sich in letzter Zeit mit Spitzenleistungen bemerkbar. Sei es

    - die Wirtschaft (BIP/Kopf nominal Österreich: 49.809 USD, BIP/Kopf nominal in Deutschland: 43.742 USD; Arbeitslosigkeit Dezember 2012 in Ö: 4,30 Prozent, D: 5,30 Prozent),

    - der Film (Haneke, Waltz, Seidl) oder - wie hier -

    - die "schöne Literatur".

    Sind vielleicht die Österreicher tatsächlich die "besseren Deutschen"? :)

    Eine Leserempfehlung

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