Grand Central Terminal Große Halle des Volkes

Der Grand Central Terminal ist das prächtigste, belebteste und merkwürdigste Gebäude von New York. Eine Liebeserklärung zum 100.  Geburtstag des Bahnhofs. von Christoph Bartmann

Keine Bahnhofshalle der Welt nimmt es mit dieser auf. Der Main Concourse des Grand Central Terminal in New York ist zum Wegfahren viel zu schade. Wenn schon, dann möchte man hier ankommen, und zwar richtig groß.

Alles ist auf Überwältigung angelegt. Aus tausend Glühbirnen verbreiten Kandelaber ein festliches Licht, marmorne Freitreppen führen in die von Säulen umfasste Schalterhalle, in deren Mitte ein rundes Tickethäuschen steht – der Treffpunkt schlechthin für New Yorker – mit einer goldenen Uhr auf dem Dach, deren Ziffernblätter in alle vier Himmelsrichtungen zeigen. Blickt man von hier aus in die Höhe, fallen zunächst die enormen Bleiglasfenster an den Frontseiten ins Auge. Wer den Kopf noch weiter in den Nacken legt, sieht das blaugrüne Dachgewölbe mit seinem goldenen Sternenhimmel. Die Tierkreiszeichen sind übrigens seitenverkehrt dargestellt, als würde der Betrachter nicht von unten, sondern von oben, aus der Perspektive Gottes, daraufblicken.

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Für einen Zweckbau ist Grand Central von verschwenderischem Glanz. Der Bahnhof war die Pforte, durch die man das Innere des amerikanischen Kontinents betrat, eine gewaltige und entsprechend stolze Maschinerie zur Eroberung des Raums. Seine wahre Funktion aber lag immer in der Inszenierung der Ankunft. Grand Central ist entworfen als große Empfangshalle für New York. Als das Bahnfahren noch voll Glamour war, wurde den Passagieren des 20th Century Limited, wenn er aus Chicago einfuhr, ein roter Teppich ausgerollt.

Heute, einhundert Jahre nach der Eröffnung, kommen die Züge höchstens noch aus Poughkeepsie oder New Canaan. Aber noch immer ist der Bahnhof das prächtigste, belebteste und merkwürdigste Gebäude von New York. Und der Main Concourse bildet seine Bühne, eine Große Halle des Volkes, in der wir alle die Darsteller sind.

Den besten Blick auf diese Bühne hat man von Ciprianis Restaurant, oben auf dem Westbalkon über der Halle. Von hier sieht man wie aus einer Loge hinab auf das Gewimmel und Gewühl. Auf die Pendler, 100 Millionen Menschen im Jahr, die zur Arbeit in die Stadt strömen. Noch größer ist die Zahl der Nichtreisenden: derjenigen, für die der Bahnhof, der sich zwischen der 43. und der 45. Straße mächtig in den Weg stellt, nichts weiter ist als eine Passage auf dem Weg zur Arbeit irgendwo in Manhattan. Der Touristen, die durch die Halle streifen, auf der Suche nach der berühmten whispering gallery im Untergeschoss, wo ein Flüstern von der einen Ecke des Kreuzgewölbes in die andere getragen wird. Und der New Yorker, die zum Essen oder Einkaufen hierherkommen.

Essen ist in Grand Central zur Hauptsache geworden, ob in der berühmten Oyster Bar unter der Halle, in Michael Jordan’s Steak House oder im Grand Central Market, dem langen Gang zwischen Halle und Ostausgang, wo sich KaDeWe-gleich die Delikatessen türmen. Neuerdings beherbergt der Bahnhof auch einen Apple Store, den größten Amerikas, der den gesamten Ostbalkon über der Großen Halle einnimmt. Eine Kathedrale der kultischen Begegnung, der die Würde des Main Concourse aber nicht stört, sondern eher verstärkt. Wo andere Bahnhöfe ihre Seele an den Kommerz verkauft haben, bewahrt sich Grand Central, selbst eine Kathedrale, mühelos seine Erhabenheit.

Karte New York

© ZEIT-Grafik

Das ist das Grand-Central-Paradox: Der hektischste Ort, den man sich denken kann, ruht atmosphärisch in sich selbst. Es gibt nicht viele Plätze in New York, von denen man das sagen könnte. Kaum ein Café oder Restaurant, in dem man nicht – gern mit dem Zusatz Take your time – schnell die Rechnung sähe. Ein paar Ankerplätze der Geborgenheit sind, neben dem Central Park, die großen Museen: das Metropolitan Museum oder das American Museum of Natural History. Und merkwürdigerweise eben Grand Central. Drei Beaux-Arts-Paläste aus der Ära, als New York vom Ehrgeiz getrieben war, Paris nachzubauen, nur größer.

Mich zieht es jedenfalls immer wieder, außerhalb der Stoßzeiten und ohne irgendwelche Reisepläne, in die Halle, um einen jener kostbaren New Yorker Momente des Innehaltens zu erleben. Grand Central muss einmal ein sehr romantischer Ort gewesen sein. Und noch ist der Zauber nicht verflogen. Keine Stunde vergeht, in der sich nicht ein Brautpaar vor der goldenen Uhr des Tickethäuschens fotografieren ließe. Das ist der Mittelpunkt der Bühne – und der establishing shot für zahllose Filme, nach dem dann jeder weiß: This is New York. Dort zwischen der Rotunde mit der Uhr, den Ticketschaltern auf der einen und den Bahnsteigen auf der anderen Seite der Halle schlägt Cary Grant, betont unauffällig mit seiner Sonnenbrille bei hellem Tageslicht, in Hitchcocks North by Northwest seinen Verfolgern ein Schnippchen: Irgendwie gelingt es ihm, den 20th Century Limited nach Chicago zu erreichen, wo er dann im Speisewagen die doppelbödige Bekanntschaft von Eva Marie Saint macht. Nie war das Bahnfahren eine erotischere Angelegenheit als in diesen Szenen.

Grand Central ist großes Theater. Tatsächlich hat ja ein Opernhaus, das Pariser Palais Garnier, die Inspiration für den Bau geliefert. Wie in der Oper soll gestaunt werden, über die Technik, die verborgen hinter der Bühne untergebracht ist, und über die Effekte, die sie hervorruft. Ehe die Reisenden in das dunkle Bergwerk der Bahnsteige finden, die auf mehreren Ebenen angelegten Katakomben der Gleise, gehen sie erst einmal verloren in dem Gewirr aus Hallen, Balkonen, Korridoren und Treppen. Überwältigt von einer Architektur, die ganz darauf angelegt zu sein scheint, zu verwirren. Auch von außen trotzt dieser Belle-Époque-Palast jeder Funktionalität: Hat man je etwas gesehen wie den Park Avenue Viaduct, der den Autoverkehr der Park Avenue über eine Art Außengalerie auf halber Höhe des Bahnhofs herumführt? Fast wie beim Grand Prix von Monaco werden die Fahrzeuge in engen Kurven an Grand Central vorbei und dann durch weitere Schikanen in das Helmsley Building hinein und durch zwei riesige Portale wieder hinaus ins Freie gelotst. Grand Central unterwirft die Umgebung seinen Gesetzen, er steht im Weg und macht sich breit, wo sonst alles in die Höhe drängt.

100 Jahre Grand Central: Bilder aus den Anfangstagen des Gebäudes und vom Alltag heute. Klicken Sie auf das Bild

100 Jahre Grand Central: Bilder aus den Anfangstagen des Gebäudes und vom Alltag heute. Klicken Sie auf das Bild  |  © Hal Morey/Getty Images

Es gab eine Zeit, ehe die Idee des Denkmalschutzes aufkam, da dachte man ernsthaft über einen Abriss dieser sperrigen Kathedrale nach. 1963 wurde die nur wenige Blocks entfernte Pennsylvania Station dem Fortschritt geopfert. Seitdem steht dort die klotzige Halle des Madison Square Garden, und New Yorks größter Bahnhof existiert nur noch unterirdisch. Immerhin war der Schrecken nach dem Abriss so groß, dass Grand Central geschont und später mit großem Aufwand renoviert wurde. Jackie Onassis war damals die prominenteste Fürsprecherin des Bahnhofs.

Rund um Grand Central soll New York bald aussehen wie Shanghai oder Dubai

Wenn jetzt mit vielerlei Festakten der hundertste Geburtstag des Grand Central Terminal gefeiert wird, dann wäre gleichzeitig auch der fünfzigste Jahrestag seiner Rettung zu feiern. Und der zwanzigste seiner Pensionierung. Damals nämlich zog sich Amtrak, die einstige Staatseisenbahn, ganz in die Penn Station zurück und überließ Grand Central der Metropolitan Transportation Authority, und damit dem Nahverkehr. Seitdem ist Grand Central nur noch ein Pendlerbahnhof.

Aber was heißt nur noch? So wenig wie es den Typus des New Yorker Pendlers, den commuter, ohne Grand Central gäbe, so wenig gäbe es Grand Central ohne den commuter, über den der Erz-New-Yorker Schriftsteller E. B. White 1929 dichtete: Commuter – one who spends his life / In riding to and from his wife: / A man who shaves and takes a train / And then rides back to shave again. Wir stellen uns Don Draper vor, den zwiespältigen Helden aus der Fernsehserie Mad Men, wie er abends im Barwagen heim nach Ossining sitzt, mit einem mehrstöckigen Whiskey vor sich und vielen Männern in grauem Flanell ringsherum. Die bemannten bar cars existieren noch, unregelmäßig verkehren sie auf der Strecke nach New Haven. Sie heißen jetzt wenig verlockend cafe cars, und niemand sitzt dort mehr zum Lunch mit drei Martinis. Immerhin Whiskey gibt es in diesen leicht verbeulten, mit falschem Holz vertäfelten Waggons noch zu kaufen.

Wer in den Suburbs wohnt, vom rechten Ufer des Hudson River bis hinauf nach Connecticut, und in Manhattan arbeitet, kommt weiter um Grand Central nicht herum. Nur wer wie Cary Grant nach Chicago reisen will, für den steht kein Zug mehr bereit. Heute ist Grand Central so etwas wie der Eunuch unter den Bahnhöfen, mit glattem Gesicht zwar und strahlender Stimme, doch kastriert.

Christoph Bartmann

Christoph Bartmann ist Direktor des Goethe- Instituts in New York. Im Hanser Verlag erschien zuletzt von ihm: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten (2012).

Die Gefahr, dass Grand Central und das umliegende Viertel zum Denkmal einer eleganten, aber vergangenen Epoche herabsinken könnten, hat auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg erkannt. Er will in den nächsten Jahren städtebaulich aufrüsten: Neue, moderne Wohn- und Bürotürme werden die alten Geschäftshäuser mit ihren Säulen und Stuckaturen ersetzen. New York soll, gerade um Grand Central herum, ein bisschen mehr so aussehen wie Shanghai oder Dubai. Die namhaftesten Architekten der Welt werden hier in Midtown East dafür sorgen, dass die Stadt den Anschluss nicht verliert.

Nur der alte Bahnhof wird nicht angetastet. Andere Bahnpaläste aus der Gründerzeit hat man abgerissen oder wie den Pariser Gare d’Orsay irgendwann in ein Museum verwandelt. Grand Central hat es geschafft, ein Museum zu werden, eine Große Halle des Volkes, und wird dabei doch immer Bahnhof bleiben.

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Leserkommentare
  1. Demnach müsste der Bahnhof 1000 Jahre alt sein.
    Damals gab es noch das Weltbild, dass der Sternenhimmel sich als Kuppel um die Erde wölbt.

    Ich vermute, dass es ein Fehler war und Gottes Blick dann reininterpretiert wurde.

  2. Bedauerlicherweise rissen die New Yorker die noch bombastischere Empfangshalle des Pennsylvania-Bahnhofs ab. Doch Grand Central mit seinen 123 Bahnsteigen in mehreren unterirdischen Etagen ist sehenswert, nicht zuletzt das Sondergleis zum Waldorf-Astoria für Staatsgäste wie Churchill. Bei einem Spaziergang entlang der Park Avenue kann man in der Tiefe die Züge verkehren sehen.

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