Grand Central Terminal Große Halle des Volkes
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 Es gab eine Zeit, da dachte man ernsthaft über einen Abriss nach

Grand Central ist großes Theater. Tatsächlich hat ja ein Opernhaus, das Pariser Palais Garnier, die Inspiration für den Bau geliefert. Wie in der Oper soll gestaunt werden, über die Technik, die verborgen hinter der Bühne untergebracht ist, und über die Effekte, die sie hervorruft. Ehe die Reisenden in das dunkle Bergwerk der Bahnsteige finden, die auf mehreren Ebenen angelegten Katakomben der Gleise, gehen sie erst einmal verloren in dem Gewirr aus Hallen, Balkonen, Korridoren und Treppen. Überwältigt von einer Architektur, die ganz darauf angelegt zu sein scheint, zu verwirren. Auch von außen trotzt dieser Belle-Époque-Palast jeder Funktionalität: Hat man je etwas gesehen wie den Park Avenue Viaduct, der den Autoverkehr der Park Avenue über eine Art Außengalerie auf halber Höhe des Bahnhofs herumführt? Fast wie beim Grand Prix von Monaco werden die Fahrzeuge in engen Kurven an Grand Central vorbei und dann durch weitere Schikanen in das Helmsley Building hinein und durch zwei riesige Portale wieder hinaus ins Freie gelotst. Grand Central unterwirft die Umgebung seinen Gesetzen, er steht im Weg und macht sich breit, wo sonst alles in die Höhe drängt.

100 Jahre Grand Central: Bilder aus den Anfangstagen des Gebäudes und vom Alltag heute. Klicken Sie auf das Bild

100 Jahre Grand Central: Bilder aus den Anfangstagen des Gebäudes und vom Alltag heute. Klicken Sie auf das Bild  |  © Hal Morey/Getty Images

Es gab eine Zeit, ehe die Idee des Denkmalschutzes aufkam, da dachte man ernsthaft über einen Abriss dieser sperrigen Kathedrale nach. 1963 wurde die nur wenige Blocks entfernte Pennsylvania Station dem Fortschritt geopfert. Seitdem steht dort die klotzige Halle des Madison Square Garden, und New Yorks größter Bahnhof existiert nur noch unterirdisch. Immerhin war der Schrecken nach dem Abriss so groß, dass Grand Central geschont und später mit großem Aufwand renoviert wurde. Jackie Onassis war damals die prominenteste Fürsprecherin des Bahnhofs.

Rund um Grand Central soll New York bald aussehen wie Shanghai oder Dubai

Wenn jetzt mit vielerlei Festakten der hundertste Geburtstag des Grand Central Terminal gefeiert wird, dann wäre gleichzeitig auch der fünfzigste Jahrestag seiner Rettung zu feiern. Und der zwanzigste seiner Pensionierung. Damals nämlich zog sich Amtrak, die einstige Staatseisenbahn, ganz in die Penn Station zurück und überließ Grand Central der Metropolitan Transportation Authority, und damit dem Nahverkehr. Seitdem ist Grand Central nur noch ein Pendlerbahnhof.

Aber was heißt nur noch? So wenig wie es den Typus des New Yorker Pendlers, den commuter, ohne Grand Central gäbe, so wenig gäbe es Grand Central ohne den commuter, über den der Erz-New-Yorker Schriftsteller E. B. White 1929 dichtete: Commuter – one who spends his life / In riding to and from his wife: / A man who shaves and takes a train / And then rides back to shave again. Wir stellen uns Don Draper vor, den zwiespältigen Helden aus der Fernsehserie Mad Men, wie er abends im Barwagen heim nach Ossining sitzt, mit einem mehrstöckigen Whiskey vor sich und vielen Männern in grauem Flanell ringsherum. Die bemannten bar cars existieren noch, unregelmäßig verkehren sie auf der Strecke nach New Haven. Sie heißen jetzt wenig verlockend cafe cars, und niemand sitzt dort mehr zum Lunch mit drei Martinis. Immerhin Whiskey gibt es in diesen leicht verbeulten, mit falschem Holz vertäfelten Waggons noch zu kaufen.

Wer in den Suburbs wohnt, vom rechten Ufer des Hudson River bis hinauf nach Connecticut, und in Manhattan arbeitet, kommt weiter um Grand Central nicht herum. Nur wer wie Cary Grant nach Chicago reisen will, für den steht kein Zug mehr bereit. Heute ist Grand Central so etwas wie der Eunuch unter den Bahnhöfen, mit glattem Gesicht zwar und strahlender Stimme, doch kastriert.

Christoph Bartmann

Christoph Bartmann ist Direktor des Goethe- Instituts in New York. Im Hanser Verlag erschien zuletzt von ihm: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten (2012).

Die Gefahr, dass Grand Central und das umliegende Viertel zum Denkmal einer eleganten, aber vergangenen Epoche herabsinken könnten, hat auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg erkannt. Er will in den nächsten Jahren städtebaulich aufrüsten: Neue, moderne Wohn- und Bürotürme werden die alten Geschäftshäuser mit ihren Säulen und Stuckaturen ersetzen. New York soll, gerade um Grand Central herum, ein bisschen mehr so aussehen wie Shanghai oder Dubai. Die namhaftesten Architekten der Welt werden hier in Midtown East dafür sorgen, dass die Stadt den Anschluss nicht verliert.

Nur der alte Bahnhof wird nicht angetastet. Andere Bahnpaläste aus der Gründerzeit hat man abgerissen oder wie den Pariser Gare d’Orsay irgendwann in ein Museum verwandelt. Grand Central hat es geschafft, ein Museum zu werden, eine Große Halle des Volkes, und wird dabei doch immer Bahnhof bleiben.

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Leserkommentare
  1. Demnach müsste der Bahnhof 1000 Jahre alt sein.
    Damals gab es noch das Weltbild, dass der Sternenhimmel sich als Kuppel um die Erde wölbt.

    Ich vermute, dass es ein Fehler war und Gottes Blick dann reininterpretiert wurde.

  2. Bedauerlicherweise rissen die New Yorker die noch bombastischere Empfangshalle des Pennsylvania-Bahnhofs ab. Doch Grand Central mit seinen 123 Bahnsteigen in mehreren unterirdischen Etagen ist sehenswert, nicht zuletzt das Sondergleis zum Waldorf-Astoria für Staatsgäste wie Churchill. Bei einem Spaziergang entlang der Park Avenue kann man in der Tiefe die Züge verkehren sehen.

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