ZEITmagazin: Herr Kosslick, Sie werden oft als charmante Stimmungskanone beschrieben. Gibt es auch noch einen anderen Dieter Kosslick?

Dieter Kosslick: Die Berlinale ist nicht nur das größte Filmfestival, sondern auch eine der größten Partys der Welt. Dieses ganze Küssen und Umarmen, das gehört eben dazu. Aber eigentlich bin ich gar kein Party-Onkel. Ich bin auch ein ernsthafter, politischer Mensch.

ZEITmagazin: Sie waren sogar eine Zeit lang in der Politik aktiv – als Redenschreiber des Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose.

Dieter Kosslick: Da war ich nur der Ghostwriter im Hintergrund. Sich in den Kopf eines anderen reindenken zu können ist auch heute noch etwas ganz Wichtiges für mich. Ich will nicht einfach ein Festival runterreißen, sondern ein Gastgeber sein, bei dem sich alle wohlfühlen. Jedes Jahr schreibe ich zur Begrüßung 2500 Kärtchen – und jedem Einzelnen etwas Persönliches drauf.

ZEITmagazin: Waren Sie schon immer so empathisch?

Dieter Kosslick: Andere Menschen waren mir immer schon wichtig. Das hängt mit meiner katholischen Erziehung zusammen. Ich war 15 Jahre lang Messdiener. Und während des Studiums wurde ich politisiert, das hatte einfach damit zu tun, dass man sich für andere engagiert.

ZEITmagazin: Sie sind von Ihrer Mutter allein erzogen worden.

Dieter Kosslick: Mein Vater ist 1948 bei einem Unfall in der Fabrik ums Leben gekommen. Eine Tragödie. Ich war erst drei Monate alt. Aber meine Mutter war ein tough cookie – klein und zäh. Sie ging dann selbst in die Fabrik, jeden Morgen um sechs Uhr.

ZEITmagazin: Und wer hat sich um Sie gekümmert?

Dieter Kosslick: Ich war ein Schlüsselkind. Meine Mutter hat mich unten im Haus abgegeben, da gab es eine wunderbare Bäckerei. Ich war den ganzen Tag ziemlich allein, habe selbstversunken gespielt und bis zu meinem achten Lebensjahr extrem wenig geredet. Aber die Bäckerin spielte eine wichtige Rolle in meinem Leben. Als ich in der vierten Klasse war, überzeugte sie meine Mutter davon, dass ich aufs Gymnasium gehen solle.

ZEITmagazin: Sie hat Sie sozusagen gerettet?

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Dieter Kosslick: Ja, ihr verdanke ich viel. Auch meine Leidenschaft für Backwaren. Sie hatte immer eine frische Brezel für mich und legte den Grundstein dafür, dass ich heute Wert auf Essen lege, das eine gute Qualität hat. Ich bin ein Food-Fighter geworden, was ich aber auch noch einem Freund verdanke. Der überredete mich 1996, als ich wegen eines komplizierten Armbruchs zu Hause bleiben musste, zu einer Fastenkur. Mit dem Ergebnis, dass ich kein Fleisch mehr runterbrachte. So habe ich ein völlig neues Leben als Vegetarier begonnen. Heute lebe ich in einem ganz anderen Kosmos.

ZEITmagazin: Wie war die Beziehung zu Ihrer Mutter?

Dieter Kosslick: Wir lebten in einem kleinen Dorf bei Pforzheim. Sie war eine schwäbische Mutter, dominant und streng. Die Leute sollten nicht merken, dass kein Mann im Haus war, hat sie mir sehr oft gesagt. Einerseits gab es eine starke Zuwendung, und sie erfüllte mir viele Wünsche. Andererseits wurde ich sehr katholisch, zur Ehrfurcht erzogen. Bis ich 18 war, hatte ich sozusagen noch den Matrosenanzug an, wenn ich mit meiner Mutter zusammen war. Ich spielte damals in einer Rock-’n’-Roll-Band und kam oft erst morgens um vier erschöpft heim, aber um sechs musste ich in die Frühmesse. Love and punishment.

ZEITmagazin: Schwäbische Disziplin?

Dieter Kosslick:Schwaben ist das Land, in dem es immer noch die Kehrwoche gibt. Meine Cousine hatte drei Staubsauger, darunter einen für die Straße. Jeden Samstag knien da die Leute am Boden, um das Trottoir zu säubern. Das ist schwäbischer Zen-Buddhismus. Denn die äußere Ordnung gibt dem aufrechten Schwaben eine innere Ordnung. Ein Zug, der mich mein Leben lang verrückt gemacht hat: Ich kann es nicht haben, wenn abends was Unerledigtes auf dem Schreibtisch liegen bleibt. Bei der Berlinale gibt es noch andere Schwaben und Schwäbinnen, und so ist es kein Zufall, dass die Berlinale als das am präzisesten ablaufende Filmfestival der Welt beschrieben wird.

ZEITmagazin: Was haben Sie noch von Ihrer Mutter mitbekommen?

Dieter Kosslick: Verantwortungsgefühl. Die Triebfeder, etwas werden zu wollen, gerade weil man aus kleinen Verhältnissen kommt. Den Ehrgeiz, es auf keinen Fall so zu machen wie die anderen. Und den Umgang mit Frauen. Ich habe immer mit Frauen zusammengearbeitet. Auch die Berlinale wird überwiegend von Frauen gemanagt. Frauen sind effizienter und zielorientierter, bei Männern geht es immer um Konkurrenz, ums Stärkersein. Mit Frauen kommt man schneller voran. Bei Männern müsste ich mich viel zu sehr damit beschäftigen, ob am nächsten Tag mein Stuhl noch da ist.