EssaySo ein Snob!

Roberto Calassos schwelgerischer Essay über den Dichter Baudelaire. von Ina Hartwig

Charles Baudelaire

Charles Baudelaire  |  © Hulton Archive

Den italienischen Verleger und Schriftsteller Roberto Calasso muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Frei wirkt er, frei und elegant und übermütig, wie er da in schwungvollen Assoziationsbögen über den französischen Dichter Charles Baudelaire (1821 bis 1867) schreibt. Wer sein Publikum, wer seine Leser sind oder sein könnten, scheint Calasso gleichgültig zu sein; ja, man gewinnt im Lauf der Lektüre von immerhin fast 500 Seiten den Eindruck, dieser begeisterte Signore berausche sich an sich selbst, seiner reichen Bildung, seinen Vorlieben, Gedanken und Empfindungen. Ein Essay also im strengen, klassischen Sinne, keine Abhandlung, keine gelehrte Studie, die das Feld verbindlich sortierte. Wer Systematik erwartet, lasse die Finger von diesem schillernden, bisweilen eitlen, allerdings auch extrem anregenden Buch mit dem verlockenden Titel Der Traum Baudelaires.

Der italienische Originaltitel von 2008 lautet La Folie Baudelaire und geht auf einen Ausdruck des gefürchteten Literaturkritikers Sainte-Beuve zurück, der die »Verrücktheit Baudelaires« halb fasziniert, halb abgestoßen zur Kenntnis nahm. Sainte-Beuve, der so genial spotten konnte über die größten Literaten seiner Zeit – darunter eben Baudelaire – und der andererseits mittelmäßige Autoren übermäßig lobte, ist eine von vielen prägnanten Figuren, die Calasso temperamentvoll porträtiert und um Baudelaire versammelt. Sie alle tragen ihren Teil zur sich konstituierenden artistischen Moderne bei, und sei es, indem sie sich ihr widersetzen.

Anzeige

Deren Schlüsselbegriffe wie Ennui, Spleen, Rausch, Dekadenz und Dummheit (in Abgrenzung gegen die Diktatur der Intelligenz) entwickelten in ihrer Zeit eine enorme Sprengkraft. Calasso schafft es, den Sinn dafür zu schärfen, indem er sich auf die historische Ebene von Baudelaires Lebenszeit begibt. Heutige Deutungen interessieren ihn so wenig wie die Baudelaire-Forschung überhaupt. Bevölkert wurde jene Moderne von Literaten, Künstlern, Dandys und Prostituierten, und man wird den Eindruck nicht los, Roberto Calasso hätte ganz gut hineingepasst in die Szenerie. Der äußeren Gefahr des Historismus trotzt er durch Snobismus von innen.

Die Schauplätze der antibürgerlichen Kunst hießen jetzt Straße, Atelier, Museum und Bordell. Das Zentrum der Welt war, selbstverständlich, Paris. In einem der bekanntesten Gedichte Baudelaires aus den Fleurs du Mal, An eine Passantin, kreuzen sich Blicke eines männlichen Ich und einer unbekannten Schönen, und wie ein »Blitz« scheint die Möglichkeit der Liebe auf, um sofort in die Dunkelheit einer metaphorischen Nacht zurückzusinken: So sieht sie aus, die ästhetisch-soziale Revolution in der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts.

Sainte-Beuve reagierte nervös auf dieses Neue und lästerte treffsicher, Baudelaire habe mit seiner Dichtung einen »koketten und geheimnisvollen Kiosk« errichtet, »wo man sich mit Haschisch berauscht, um dann darüber zu diskutieren, wo man Opium und tausend abscheuliche Drogen aus Tassen von feinstem Porzellan nimmt«. Im Nachhinein klingt das eher wie ein großes Kompliment, und Calasso meint selbst, damit sei im Kern eigentlich alles über Baudelaire gesagt (was nicht stimmt).

Die Übersetzung von Reimar Klein liest sich vorzüglich. Aber warum die Gedichte im französischen Original zitiert werden, bleibt ein Rätsel. Klar, die Übersetzungen Baudelaires reichen an das Original nicht heran, aber einfach das Original stehen zu lassen kann keine Lösung sein. Hinzu kommt, dass Calasso sich für Baudelaires Gedichte weniger interessiert als für dessen Prosakunst, die er zu Recht für unterschätzt hält. Und jener »Traum Baudelaires«, der der deutschen Übersetzung den Titel gab, repräsentiert exakt diese Kunst der Prosa; sie ist opak und wild, von zupackender Knappheit.

Am Morgen des 13. März 1856 wird Baudelaire durch ein Geräusch, verursacht von seiner langjährigen Lebensgefährtin Jeanne Duval, aus einem bizarren Traum gerissen. Er schreibt ihn gleich für einen Freund auf. Es geht um ein »Museumsbordell«, das Baudelaire in der Absicht betritt, der Chefin »eines meiner Bücher, das eben erschienen war, zu schenken«. Aber er möchte nicht nur sein Buch übergeben, sondern auch mit einem der Mädchen »vögeln«, wobei es hinderlich sei, dass »der Schwanz zum aufgeknöpften Hosenschlitz heraushängt«. Das sei »unanständig, auch an einem solchen Ort«. Am Ende des Traums unterhält der Bordellbesucher sich ausführlich mit einer lebenden männlichen Skulptur, einem »Monstrum«, das sich hässlich fühlt neben den verführerischen Mädchen. »Eine verblüffende Erzählung«, konstatiert Calasso, »vielleicht die kühnste des neunzehnten Jahrhunderts.«

Leserkommentare
  1. interessanter Artikel. Herr Calasso war mir bislang unbekannt.

    Constantin Guys' Werk spielt übrigens eine Rolle in dem Roman 'Au Pair' von W. F. Hermans.

  2. Danke für den Artikel! Gekauft.

  3. Um zu entscheiden, was wichtig oder noch wichtiger gewesen wäre, muss man das Buch eben selbst lesen; auch um zu wissen, was sich Calasso selbst mit diesem Text vorgenommen hat und dann entscheiden zu können, ob der Autor dies auch einlöst. So viel aber weiß ich als Leser von "Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia", "Die Literatur und die Götter" und "K.", dass 10 Seiten Calasso anregender und gewinnbringender sind als hunderte Seiten anderer zeitgenössischer Autoren. Von Villon ist der von Zech verdeutschte Vers "Wer's lang hat, der lässt's lang hängen" überliefert - das fällt mir zur vermeintlichen Eitelkeit Calassos ein, die der Kritiker moniert, um, wie's scheint, was zum Mäkeln zu haben. Der Mann weiß eben viel und hat noch mehr zu sagen und ist dabei, anders als so viele andere Essayisten, kein Schwätzer. Muss man ihn also nicht angönnern mit einem "der Signore". Perlomeno questo signore sa scrivere!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Essay | Buch | Literatur | Belletristik | Charles Baudelaire
Service