SamenspendenDer ideale Spender

Ein Mann, der nie Kinder wollte, verhilft zwei Frauen zu einem Sohn. Warum er es tat und was die Entscheidung mit einem anstellt, erzählt er hier. von J. B. Matto

"Meine Freundin und ich", "Kind" und "Du" und "Spender". Die E-Mail war schwer zu lesen – ich saß auf dem Balkon meiner Wohnung im 18. Stock in Berlin-Mitte, und die Sonne schien auf den Bildschirm. Trotzdem begriff ich sofort und dachte: Ja, das tue ich.

Ich kannte J. noch aus Amsterdam, und dorthin würde ich selbst bald wieder ziehen. Damit hatte aber meine Begeisterung über diese Bitte nicht viel zu tun. Vielleicht eher mit der Stimmung, in der ich mich befand: Mein Freund und ich hatten uns gerade getrennt, ich lebte ohne die gewollten und ungewollten Strukturen, an die ich mich in den letzten Jahren gewöhnt hatte, darunter auch: von jemandem gebraucht zu werden, ihm behilflich zu sein, dafür geliebt zu werden. Wenn der Nachbar mich gebeten hätte, ihm zu helfen, einen Schrank zu versetzen, hätte er mir vielleicht das gleiche freudige Gefühl vermittelt wie die Mail von J.

Anzeige

Klar, dieser Wunsch fiel in eine andere Kategorie – J. bat mich um eine Gunst, die unwiderrufliche und weitreichende Konsequenzen haben würde. Sie wollte schwanger werden und, so hatte ich es mittlerweile auch entziffert, das Kind, für dessen Zeugung ich Material liefern sollte, mit ihrer Freundin erziehen. Ein Projekt, das eine gewisse Organisation erfordern würde sowie vorausschauendes Denken und die Fähigkeit, gemeinsam wichtige Entscheidungen zu treffen. Doch was die praktische Seite betrifft, kam es mir so einfach vor, wie Blut zu spenden. Gesellschaftlich schien es mir kaum ein Problem; dass ein Kind zwei Mütter hat, ist mittlerweile nicht unüblich, sowohl juristisch als auch psychologisch wären die Hindernisse zu bewältigen, dachte ich. Es gab nur eine Autorität, die sich in dieser Angelegenheit wirklich konservativ gebärdete, und das war die Biologie – auch wenn es schon japanische Labormäuse mit zwei Müttern gab.

Ich hatte von meiner Wohnung aus einen Ausblick auf die Leipziger Straße und sah die Hochhäuser, die sich bis zum Potsdamer Platz aufreihten. Es war angenehm, so weit schauen zu können – irgendwie relativierte sich dadurch mein neuer Status als Junggeselle, das Grübeln darüber. Diese Gebäude waren in einer Zeit errichtet worden, als man noch glaubte, alles sei machbar, und an Menschen, die sich über die vorgegebene Welt hinwegsetzen.

In dieser Stimmung formulierte ich meine Antwort: "Ja, okay, kein Problem, ich möchte gerne Spender sein." Ich stellte mir eine Welt vor, in der Kinder nur geboren werden, wenn sie wirklich erwünscht sind, erzogen von Eltern, die Raum und Aufmerksamkeit zu bieten haben. Diese Kinder wären kein Produkt primitiver Intrigen, die sich damals in meinen Augen in fast allen Liebesbeziehungen abspielten, sie wären kein Produkt der Manipulation oder der Verrücktheit der Biologie. Ich würde nur das Material liefern – eine Art Sabotage all des Wahnsinns, der die Reproduktion umgibt, ein weiterer Schritt in Richtung Zivilisation. Außerdem war ich noch nie um so eine Kleinigkeit gebeten worden: eine männliche Keimzelle, davon müssten etwa hunderttausend in einen Kubikmillimeter passen. Es wurden mir keine Pflichten auferlegt. Es würde mich kein Geld kosten.

J. und ihre Freundin I. waren, so schrieb sie einen Tag später, nicht auf der Suche nach einem Spender mit großem Kinderwunsch. Für solche Fälle gibt es viele mögliche Konstruktionen mit einem unterschiedlichen Grad an Verantwortung und Engagement. Bei uns wäre es anders: Das Kind sollte ihr Kind sein und bleiben. Dies alles war freundlich formuliert, J. entschuldigte sich sogar für ihr eigennütziges Auftreten, vielleicht hatte sie Angst, dass ich mich wie ein Stück Fleisch behandelt fühlte, und wie zivilisiert wäre das? Mich störte ihre Haltung nicht, im Gegenteil. Ich war dankbar für die Bestätigung meiner physischen Präsenz, die ich zwischen den Plattenbauten von Berlin-Mitte mehr brauchte als die Bestätigung meiner Leidenschaft, Witzigkeit und Intelligenz.

Leserkommentare
    • ascola
    • 02. Februar 2013 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

    • henry86
    • 06. Februar 2013 11:58 Uhr

    »Partei B (der Spender) verpflichtet sich zur Lieferung einer bestimmten Menge Samen, ohne Geld dafür zu bekommen, und er stimmt dem sofortigen Einfrieren zu. Er erklärt, nicht krank zu sein und/oder an einer genetischen Störung zu leiden. Sollte ein Kind entstehen, dann ist B verpflichtet, Material für ein zweites Kind zur Verfügung zu stellen. Vormundschaft, Besuchsrecht, Sorgerecht sind ausgeschlossen. Er wird nicht Vater genannt werden, das Kind bekommt nicht seinen Namen, auch ein eventueller Vormund wird nie seine Bedürfnisse berücksichtigen. [...]«

    Bei allem Respekt - so ein Schriftstück ist einfach nur Menschenrechtswidrig. Es verstößt gegen die Rechte des Vaters und des Kindes.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Niederlande | Amsterdam | Berlin
Service