Samenspenden Der ideale Spender

Ein Mann, der nie Kinder wollte, verhilft zwei Frauen zu einem Sohn. Warum er es tat und was die Entscheidung mit einem anstellt, erzählt er hier.

Gesetze, Gefühle, Gesundheit: Was spielt eine Rolle, wenn man seinen Samen spendet?

Gesetze, Gefühle, Gesundheit: Was spielt eine Rolle, wenn man seinen Samen spendet?

»Meine Freundin und ich«, »Kind« und »Du« und »Spender«. Die E-Mail war schwer zu lesen – ich saß auf dem Balkon meiner Wohnung im 18. Stock in Berlin-Mitte, und die Sonne schien auf den Bildschirm. Trotzdem begriff ich sofort und dachte: Ja, das tue ich.

Ich kannte J. noch aus Amsterdam, und dorthin würde ich selbst bald wieder ziehen. Damit hatte aber meine Begeisterung über diese Bitte nicht viel zu tun. Vielleicht eher mit der Stimmung, in der ich mich befand: Mein Freund und ich hatten uns gerade getrennt, ich lebte ohne die gewollten und ungewollten Strukturen, an die ich mich in den letzten Jahren gewöhnt hatte, darunter auch: von jemandem gebraucht zu werden, ihm behilflich zu sein, dafür geliebt zu werden. Wenn der Nachbar mich gebeten hätte, ihm zu helfen, einen Schrank zu versetzen, hätte er mir vielleicht das gleiche freudige Gefühl vermittelt wie die Mail von J.

Klar, dieser Wunsch fiel in eine andere Kategorie – J. bat mich um eine Gunst, die unwiderrufliche und weitreichende Konsequenzen haben würde. Sie wollte schwanger werden und, so hatte ich es mittlerweile auch entziffert, das Kind, für dessen Zeugung ich Material liefern sollte, mit ihrer Freundin erziehen. Ein Projekt, das eine gewisse Organisation erfordern würde sowie vorausschauendes Denken und die Fähigkeit, gemeinsam wichtige Entscheidungen zu treffen. Doch was die praktische Seite betrifft, kam es mir so einfach vor, wie Blut zu spenden. Gesellschaftlich schien es mir kaum ein Problem; dass ein Kind zwei Mütter hat, ist mittlerweile nicht unüblich, sowohl juristisch als auch psychologisch wären die Hindernisse zu bewältigen, dachte ich. Es gab nur eine Autorität, die sich in dieser Angelegenheit wirklich konservativ gebärdete, und das war die Biologie – auch wenn es schon japanische Labormäuse mit zwei Müttern gab.

Ich hatte von meiner Wohnung aus einen Ausblick auf die Leipziger Straße und sah die Hochhäuser, die sich bis zum Potsdamer Platz aufreihten. Es war angenehm, so weit schauen zu können – irgendwie relativierte sich dadurch mein neuer Status als Junggeselle, das Grübeln darüber. Diese Gebäude waren in einer Zeit errichtet worden, als man noch glaubte, alles sei machbar, und an Menschen, die sich über die vorgegebene Welt hinwegsetzen.

In dieser Stimmung formulierte ich meine Antwort: »Ja, okay, kein Problem, ich möchte gerne Spender sein.« Ich stellte mir eine Welt vor, in der Kinder nur geboren werden, wenn sie wirklich erwünscht sind, erzogen von Eltern, die Raum und Aufmerksamkeit zu bieten haben. Diese Kinder wären kein Produkt primitiver Intrigen, die sich damals in meinen Augen in fast allen Liebesbeziehungen abspielten, sie wären kein Produkt der Manipulation oder der Verrücktheit der Biologie. Ich würde nur das Material liefern – eine Art Sabotage all des Wahnsinns, der die Reproduktion umgibt, ein weiterer Schritt in Richtung Zivilisation. Außerdem war ich noch nie um so eine Kleinigkeit gebeten worden: eine männliche Keimzelle, davon müssten etwa hunderttausend in einen Kubikmillimeter passen. Es wurden mir keine Pflichten auferlegt. Es würde mich kein Geld kosten.

J. und ihre Freundin I. waren, so schrieb sie einen Tag später, nicht auf der Suche nach einem Spender mit großem Kinderwunsch. Für solche Fälle gibt es viele mögliche Konstruktionen mit einem unterschiedlichen Grad an Verantwortung und Engagement. Bei uns wäre es anders: Das Kind sollte ihr Kind sein und bleiben. Dies alles war freundlich formuliert, J. entschuldigte sich sogar für ihr eigennütziges Auftreten, vielleicht hatte sie Angst, dass ich mich wie ein Stück Fleisch behandelt fühlte, und wie zivilisiert wäre das? Mich störte ihre Haltung nicht, im Gegenteil. Ich war dankbar für die Bestätigung meiner physischen Präsenz, die ich zwischen den Plattenbauten von Berlin-Mitte mehr brauchte als die Bestätigung meiner Leidenschaft, Witzigkeit und Intelligenz.

Einige Wochen später war meine Zeit in Berlin vorbei. Im ICE nach Amsterdam sah ich mich mit einem weiteren Aspekt unseres Projekts konfrontiert. In meinem Waggon waren nur Kinder, ein Schulausflug vermutlich. Sie machten so viel Lärm, dass ein älteres Ehepaar aufstand und wegging. Normalerweise wäre ich den beiden sofort gefolgt, nun blieb ich sitzen. Die Kinder waren aufgeregt. Sie trugen Designerkleidung, spielten mit elektronischen Gadgets und hatten alle eine Tüte Chips auf dem Schoß. Ich stellte mir die gesamte Biomasse auf der Welt vor, alle Pflanzen und Tiere und die einzelligen Organismen, ein Volumen, das sich langsam in essende, wachsende Kinder und ihre Produkte sowie ihre Abfälle verwandelte. Gleichzeitig war ich auf dem Weg in die Niederlande, wo ich mich an der Entstehung eines weiteren Individuums beteiligen würde. Bisher hatte ich, außer durch meine persönliche Existenz, nicht übermäßig zum ökologischen Drama beigetragen. Ich war stolz darauf, kein Auto zu fahren, keinen Wäschetrockner zu besitzen und – mein Joker als homosexueller Mann – kein Kind zu haben. Nun bemerkte ich zum ersten Mal eine Neigung an mir, die ich noch nicht gekannt hatte. Es schien, als ob eine Kraft auf mich wirkte, der ich zwar widerstehen konnte, aber nicht wollte. Ich kam auf den Gedanken, dass J. und I. auch ohne mich ein Kind bekommen würden. Ohne mich? Irgendwo tief in mir war gegen alle Vernunft eine Rührung über die Spende entstanden, ich war nicht bloß bereit mitzumachen, ich wollte es wirklich.

Einen Partner schiebt man normalerweise nicht mal schnell zur Seite, aber ich konnte jederzeit durch einen anderen Mann ersetzt werden

Mit J. und I. schloss ich bald eine Art Bündnis. Wir trafen uns häufig und plauderten oft bis spät in die Nacht. Es war mir schnell klar, dass »das Kind«, über das wir auch gelegentlich sprachen, zwei hoch motivierte Elternteile bekommen würde. Und ich? Wäre nicht der Vater, wohl aber der Spender, das Kind und ich würden einander kennenlernen.

In Amsterdam wohnte ich in einem Backsteinhaus in einer Nachbarschaft mit engen Straßen. Auch hier, wie an meinem Berliner Standort, lebten die Menschen zweifellos im Rahmen eines Plans, aber hier herrschte eine andere Utopie, verkörpert durch zwergenhafte Vorgärten, unterschiedliche Fassaden und individuell dekorierte Fahrräder. Meine Straße trug außerdem einen Spitznamen: »die Geburtsstraße«. Von meinem Fenster aus hatte ich einen Blick auf ein Geburtshaus, Läden für Spielzeug, Kinderbücher, Kinderkleidung, Umstandsmode – und deren Kundschaft, Frauen mit dicken Bäuchen. Sie besuchten die Straße, um das Beste vom Besten für ihre Kinder zu erwerben. Dies alles drückte einen anderen Umgang mit Idealen aus als in dem Berliner Nachkriegsviertel, in dem ich gewohnt hatte. Hier in Amsterdam standen die persönlichen Wertvorstellungen im Vordergrund, hier suchte man die Kriterien dafür, wie das Leben zu sein hat, in sich selbst statt in der Umgebung. Hier wurde ich also unweigerlich an die Visionen erinnert, die ich seit Jahren gehegt hatte, nämlich der ideale Partner zu sein und womöglich der ideale Angestellte, Kollege, Sohn. Natürlich bezweifelte ich, dass ich auch nur eines dieser Ideale wirklich erfüllte. Ich nahm aber die Chance wahr, endlich einmal alles richtig zu machen. Ich brauchte dazu nicht anders zu sein, als ich war, nein, je weniger ich mich veränderte, desto besser wäre es. Sogar meine etwas unsympathische Abneigung dagegen, Vereinbarungen zu treffen, arbeitete zu meinen Gunsten, ich müsste keine spezielle Ausbildung im nahen »Geburtsstudio« machen, denn ich war es doch schon: der ideale Spender.

Was »ideal« ist, lässt sich normalerweise schwer definieren, aber als Spender konnte ich mich, im Gegensatz zu dem idealen Nachbarn oder Bruder, auf den unterschiedlichsten Gebieten messen und berechnen lassen. Die meisten Instanzen, die diese Aufgabe übernahmen, befanden sich gleich in der Peripherie der Geburtsstraße. Der erste Befund wurde mir von der Assistentin eines Fruchtbarkeitsarztes mitgeteilt. Eine Woche zuvor hatte sie Gummihandschuhe angezogen, einen Kunststoffbehälter mit meiner Samenprobe in Empfang genommen und rasch mit einem Barcode-Aufkleber versehen. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei, und schaute auf ihren Bildschirm. Die Kurve hätte meines Erachtens nicht besser sein können. Sie drehte den Schirm von mir weg. »Es ist gut genug. Sie haben genug Zellen pro Milliliter.«

»Aber wie viele genau sind es? Wie ist denn meine Bewertung?«

Sie sah mich verächtlich an. »Es sieht erst mal okay aus, und ich könnte Ihnen irgendwelche Zahlen nennen, aber…« Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Wir wissen noch so wenig über die Qualität der männlichen Samen.«

Sie war die Erste, die mir einen Spiegel vorhielt. Damit aus dem Spender ein idealer Spender werden konnte, musste er sich erst einmal beweisen – und wohl nicht nur in Bezug auf die Fruchtbarkeit. Bevor der erste »Schwimmwettkampf« – wie J. und I. das Projekt genannt hatten – stattfinden konnte, gab ich bei zahlreichen Adressen im weiteren Umkreis der Geburtsstraße alle denkbaren Körperflüssigkeiten ab. Eine Instanz war der öffentliche Gesundheitsdienst. Die Mitarbeiterin erfasste gründlich mein Sexualleben. Es war innerhalb von zwei Minuten klar: Ich war zwar kein Prostituierter, und die Menge variabler Kontakte war äußerst gering, dennoch war und blieb ich ein »Mann mit Kontakten«, der vorhatte – ich hatte sie über die Spende informiert –, ungeschützten Sex mit einer Frau zu haben.

»Ungeschützter Sex?«, fragte ich. Der »Schwimmwettkampf« sollte doch in meiner Abwesenheit, mittels einer Pipette in die Wege geleitet werden.

Die Mitarbeiterin steckte eine Nadel in meinen Arm. »Wir kümmern uns um das Risiko. Ein Virus unterscheidet nicht zwischen einem leidenschaftlichen körperlichen Abenteuer und einem Transfer mittels eines desinfizierten Plastikbechers. Eine Krankheit hat in beiden Fällen den gleichen Ehrgeiz, sich zu verbreiten.« Sie zog die Nadel wieder heraus, versorgte den Einstich und fühlte sich offenbar dazu berufen, mich ein wenig zu beruhigen. »Sie sollten wissen, was alles während einer Schwangerschaft passieren könnte. Es kann so viel schiefgehen, Ihr Verhalten ist nur eines der Risiken. Sie brauchen sich nur an die Regeln zu halten.«

Natürlich würde ich das tun, aber ich fragte mich: Wer hatte diese Regeln aufgestellt? Ich stellte mir Konferenzen von Psychologen und Sexualwissenschaftlern vor, Diskussionen darüber, welche Handlungen hinsichtlich des statistischen Risikos hinnehmbar seien und welche nicht. Erneut wurden mir Fragen gestellt, diesmal von einer Freiwilligen der HIV-Stiftung. Bei ihr verschwieg ich den Anlass meines Besuchs. »Warum machen Sie sich Sorgen?«, fragte sie. »Sie halten sich an die Regeln. Und bei Ihrer Frequenz ...ist ihr Risiko zu vernachlässigen.«

Ich sagte: »Ich möchte absolut niemandem etwas antun.« Sie seufzte. »Sie gehen nachher wieder auf die Straße, dort können Sie von einem Auto überfahren oder vom Blitz getroffen werden. Man kann auch davon krank werden, dass man sich selber verrückt macht. Risiken in Kauf zu nehmen gehört zum Erwachsenwerden.«

Sie streute Salz in die Wunde. Ich war zwar erwachsen, aber das Kind existierte noch nicht einmal. Mein geplanter Anteil, die Keimzelle, die mir in Berlin noch unbedeutend und winzig erschienen war, hatte sich, gerade wegen ihrer unvorstellbaren Zerbrechlichkeit und Kleinheit, in ein Objekt der Sorge verwandelt. Gerade wegen dieser Verletzbarkeit und möglicher Konsequenzen musste ich mich verantwortlich fühlen – und mich nach meinen eigenen Regeln zu verhalten.

Inzwischen hatte der erste, selbst organisierte Schwimmwettkampf zu jedermanns Überraschung keinen Gewinner hervorgebracht. Auch im nächsten Monat nicht und ebenso wenig in den zwei Jahren danach. Trotz meiner Aversion gegen verbindliche Absprachen hatte sich dafür eine Art Regelmäßigkeit in mein Leben geschlichen. Ich besuchte J. und I. alle vier Wochen und häufig auch zwischendurch. Dann taten wir, was Freunde tun: Wir fuhren Rad, besuchten Konzerte, unternahmen harmlose Dinge, bei denen allerdings viel schiefgehen kann – Meinungsverschiedenheiten über Politik, Kleidung und Fußball können auftreten, und es kann passieren, dass es einfach nichts mehr zu sagen gibt. Ich war auf der Hut. Zum Beispiel wenn eine schwere Badewanne verschoben werden sollte und J. und I. mich dabei beobachteten. Ich dachte: Wahrscheinlich achten sie nicht darauf, aber wenn ich die Wanne nun auf meine Zehen fallen lasse, dann wird klar, wie es um meine Gene bestellt ist. Und wenn auch mein begrenztes Muskelvolumen vielleicht kein Argument wäre, dann vielleicht doch ungeschicktes Verhalten. Einen Partner oder Ehegatten schiebt man normalerweise nicht mal schnell zur Seite, aber ich konnte jederzeit durch einen anderen Mann ersetzt werden – für einen idealen Spender eine schwer zu verkraftende Angelegenheit.

Dass es nicht passierte, erzeugte in mir, zu Recht oder nicht, das Gefühl, auserwählt worden zu sein. Und noch etwas: Ich fühlte mich – zumindest vorerst – einer Freundschaft versichert. Mit anderen Worten: Solange das Kind noch nicht im Leben von J. und I. war, war ich dort. Das schien mir wichtig. Ich stellte mir vor, wie die Mütter dem Kind später erzählen würden, in welch einer sicheren, ruhigen und freundlichen Atmosphäre die noch fehlenden Bausteine seiner Existenz erworben wurden. Ich war übrigens weit von der Zufriedenheit entfernt, mit der ich tagaus, tagein die künftigen Väter durch die Geburtsstraße spazieren sah, während sie ihre Frauen zu irgendwelchen Kursen begleiteten. Ihren Stolz könnte man auf eine frühe Entwicklungsstufe der Evolution zurückführen, als Fortpflanzung noch eine der wichtigsten Aufgaben des Lebens war. Damals war Vaterschaft wohl ein Zeichen von Überlegenheit, ein Mann hatte den Wettbewerb mit anderen Männern mittels Gewalt oder Verführungstechniken gewonnen. Die Rolle des Samenspenders ist bescheidener. Er hat ein anderes Selbstbild. Das Einzige, was er beweist, ist, dass er sein genetisches Material in einem Behälter auffangen kann, und so stellen viele sich ihn wahrscheinlich auch vor. Übrigens ist das gar keine so einfache Aufgabe.

»Denken Sie daran, die Tür zu verriegeln«, sagte K., der Laborchef. Nach mehreren vergeblichen selbst organisierten Versuchen hatten wir uns für unser Projekt nun professionelle Hilfe gesucht. Meine Samenspende sollte eingefroren werden. Ich befand mich, nach erneuten Tests, in einem speziellen Raum mit einem Sofa und einer Stehlampe sowie einem grauen Ordner mit provokanten Zeitschriften – dem merkwürdigsten, ich würde fast sagen, unnatürlichsten Raum im ganzen Krankenhaus. Ich setzte mich auf die Couch, noch etwas verwirrt, nachdem ich gerade ein Formular ausgefüllt hatte. Ich sollte ankreuzen, wie ich mich selbst einschätze: Spontaneität, Optimismus, Ehrgeiz, Eitelkeit, Unsicherheit. Dank dieses Formulars konnte das Kind sich, falls ich verschwinden würde, immer noch ein Bild von mir machen.

Eine in Plastik eingeschweißte Anleitung enthielt die Punkte »Samen aufwecken«, »Auffangen in einem Kunststoffbehälter« und »Deckel sofort fest verschließen«. Ich schaute auf die Rückseite, in der Hoffnung, genauere Anweisungen zu finden – Antworten auf Fragen, die sich in der letzten Zeit angesammelt hatten. Wie halte ich den Behälter während des Aufweckens auf Körpertemperatur? Wie lange bleibt die Innenseite des Behälters steril ohne Deckel? Darf ich kurz vorher pinkeln? Dies alles ist noch harmlos im Vergleich zum »Auffangen«. Ich möchte nicht behaupten, dass ich Heldentaten begehe, aber »Aufwecken« und »Auffangen« sind zwei Tätigkeiten, die je eine eigene Steuerung erfordern. Für die eine Handlung ist eine gewisse Zügellosigkeit notwendig, die andere erfordert präzise Kontrolle, zwei widersprüchliche Aktivitäten, die einander in meinem Fall manchmal völlig unerwartet blockierten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass bei menschlichen Reproduktionsprozessen generell Ängste und Hemmungen mitspielen und trotzdem überall vor Gesundheit strotzende Kinder herumspringen.

K., der Laborchef, hatte mir zuvor zwei Tage Abstinenz auferlegt, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. In einem Flugblatt des Geburtszentrums wurde eine »ideale Sex-Frequenz« von 48 Stunden empfohlen. »Samen«, verdeutlichte K., »werden millionenweise produziert, aber auch wieder abgebaut.« Ich war ehrgeizig genug, so viele Millionen wie möglich zu generieren. Nach meiner Erfahrung war nicht die Enthaltung das Problem, sondern das Regulieren – beziehungsweise Aufmuntern – meiner Leidenschaften zwischen den Enthaltungen. K. meinte, man könne Samenspender mit Zuchtbullen vergleichen, die bei zwei bis drei wöchentlichen Extraktionen produktiv blieben. »Wenn man die Tiere aus ihrem Rhythmus bringt, sinkt der Erlös sofort.« Das war mir längst klar. Ich hatte mich in diesem Bereich in den letzten Monaten auf vernünftige Zeitpunkte programmiert. Wenn dann der nächste Eisprung vorhergesagt wurde – wie in einer Art Wettervorhersage –, führte jede kleine Änderung oft zu einem psychologischen und logistischen Dilemma.

Nachdem ich meine Pflicht getan hatte, ließ K. mich durch das Mikroskop schauen. Jede Zelle war zu 90 Prozent ein sich bewegender Schwanz. »Der Teufel«, sagte er, »befindet sich im Kopf: der Code deines Körpers.« Man muss ein hartes Herz haben, um beim Anblick dieser schwimmenden Datenbanken nichts zu empfinden. Noch dazu wurden meine Spermien nun auch noch »verbessert«. Nach einem ganzen Nachmittag des Filtrierens, Siebens und Aufbereitens teilte K. das Material in kleine Portionen auf, ließ diese wie ein Magier in einem Gefäß mit dampfendem, flüssigem Stickstoff verschwinden und sagte, ich müsse mir über eine Sache klar werden: »Dies ist dein Material, und du kannst jederzeit entscheiden, ob und wie es verwendet wird.« Ich bin nüchtern genug, um zu wissen, dass es nichts Außergewöhnliches war, was ich da abgegeben hatte – je intensiver ich mich bewusst an der Schaffung eines neuen Lebens beteiligte, desto mehr erkannte ich, wie viel Zufall dabei im Spiel ist. Auf der anderen Seite: War ein gewisser Grad an Zufriedenheit nicht eine Mindestanforderung für das, was ich gerade tat?

K.s Arbeit war übrigens umsonst, es stellte sich heraus, dass es mittlerweile doch schon einen Gewinner gab: J. war schwanger, und damit war auch meine Aufgabe erledigt. Zu dieser Zeit wuchs um mich herum das Interesse. Allmählich wussten alle meine Verwandten und Freunde, was los war. Ich betonte stets meine hauptsächlich biologische Rolle – egal: Die Ankündigung der Geburt hatte eine große Wirkung auf die Menschen, die mich umgaben. Jeder hatte eine Meinung dazu, die geäußert und diskutiert wurde. Freunde kamen mit Ratschlägen und sogar Geschenken, viele meinten, ich sollte mit J. und I. über eine Besuchsregelung sprechen und Vereinbarungen über meinen Umgang mit dem Kind schließen.

Einmal bildete sich eine Gruppe von Männern um mich herum, die mir rieten, meine Interessen stärker durchzusetzen. Jeder erinnerte sich an einen anderen Fall, in dem ein Vater ausrangiert wurde und sich hintergangen fühlte. Ich stellte mir vor, dass es bei J. und I. zu Hause ähnliche Diskussionen gab. In meiner Fantasie waren sie umringt von Frauen, die sich an Geschichten von durchgedrehten Spendern erinnerten. Spender, die sich in den Vordergrund drängten, sich plötzlich Rechte aneigneten und nur durch schwerwiegende Maßnahmen auf Distanz gehalten werden konnten – ähnlich, wie im Zoo männliche Elefanten und Bären (und vielleicht auch Meerschweinchen und Zwergziegen) in getrennte Käfige eingesperrt werden müssen, weil sie eine Gefahr für Neugeborene sein könnten. An der Pinnwand im Geburtshaus hatte ich, in Großbuchstaben und rot unterstrichen, das Wort »Couvade« gelesen: das Syndrom, bei dem Männer in unmittelbarer Nähe schwangerer Frauen weibliche Hormone produzieren und Schwangerschaftssymptome zeigen – nicht nur aus Solidarität, sondern auch wegen ambivalenter Gefühle und aus Eifersucht.

Die vorformulierten Vereinbarungen mit Samenspendern – überall im Internet zu finden – schließen jedes unangemessene Verhalten aus. Wer als Mann einmal das Gefühl bekommen möchte, auf ein Stück Fleisch reduziert zu werden, der sollte einen solchen Vertrag unterzeichnen: »Partei B (der Spender) verpflichtet sich zur Lieferung einer bestimmten Menge Samen, ohne Geld dafür zu bekommen, und er stimmt dem sofortigen Einfrieren zu. Er erklärt, nicht krank zu sein und/oder an einer genetischen Störung zu leiden. Sollte ein Kind entstehen, dann ist B verpflichtet, Material für ein zweites Kind zur Verfügung zu stellen. Vormundschaft, Besuchsrecht, Sorgerecht sind ausgeschlossen. Er wird nicht Vater genannt werden, das Kind bekommt nicht seinen Namen, auch ein eventueller Vormund wird nie seine Bedürfnisse berücksichtigen. Falls das Kind mit 16 Jahren Interesse an B zeigt, dann wird er darüber informiert. Er verpflichtet sich in dem Fall zu freundschaftlichen Kontakten mit dem Kind.« J. und I. konnten sich in dieser Terminologie nicht wiederfinden und erstellten eine kürzere, humaner formulierte Version, ergänzt durch den Wunsch eines bewussten Kontaktes zwischen dem Kind und mir. »Und was heißt das, ein bewusster Kontakt?«, fragte man den idealen Spender. »Wie wir das interpretieren, entscheiden wir gemeinsam«, antwortete ich. Der Kontakt zu wem auch immer ist sowieso sehr unbeständigen und unberechenbaren Entwicklungen unterworfen – wie kann man die Beziehung zu jemandem formulieren, der noch nicht einmal existiert? Ich sagte auch, ich wolle nicht an einem Kind zerren, es werde somit einen gewollten Kontakt geben oder gar keinen. Als ich stolz hinzufügte, dass J., I. und ich gerade zueinandergefunden hatten aufgrund unserer Ablehnung allzu konkreter Vereinbarungen, wurde ich kopfschüttelnd angeschaut – ich wurde nunmehr gar nicht als ideal angesehen, sondern als Schwächling, der sich nicht verantwortungsbewusst benimmt – als ob ich ein 18-Jähriger wäre, der mal eben ein Kind gezeugt hat und dann davonrennt. »Was, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert? Wo wirst du sein?« Ich versuchte mir das Gesicht eines vorwurfsvollen Jugendlichen von 14 oder 16 Jahren vorzustellen.

Tatsächlich gab es erst mal keinen Grund zur Sorge. Ich besuchte J. und I. auch weiterhin, ohne die monatliche biologische Notwendigkeit. War ich aber auf einmal doch ein wenig zu neugierig, zu interessiert oder einfach nur zu präsent? War ich schon längst im Griff des Couvade-Syndroms? Produzierte ich noch genügend männliche Hormone oder zu viele? Doch einerlei, ob angetrieben von Syndromen, Hormonen oder Interessen, so wie ich in den letzten Jahren von J. und I. verhätschelt worden war, so sicher konnten sie jetzt mit meiner Freundschaft rechnen. Und nicht nur sie, mittlerweile auch ihr Sohn, M.

Ob man Kinder zeugen sollte, warum und auf welche Weise, all diese Fragen hatten jetzt eine einfache Antwort: M.

Der Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sehen würde, fing klassisch an. Die Nachricht von seiner Geburt hatte den Speicher meines Kurzzeitgedächtnisses vollständig gelöscht. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich mein Fahrrad geparkt hatte, und ging zu Fuß in Richtung des Hauses von J., I. – und M. Der erste Teil des Gehwegs war sowieso gesperrt, die Geburtsstraße wurde saniert und zur Fußgänger- und vor allem zur kinderfreundlichen Zone befördert. Nach einigen Metern gab es schon eine Kollision mit einem ausladenden Mountain-Buggy, und sowohl die damit umherspazierende Mutter als auch alle anderen Mütter auf der Terrasse des nahe gelegenen Cafés sahen mich alarmiert an. Während ich überlegte, wie M. aussehen würde und ob er aufgeregt war, weil er nun auf der Welt war, stieß ich mir auch den anderen Knöchel, diesmal an einem Picknicktisch in der Mitte der Straße, an dem ein Kindergeburtstag gefeiert wurde.

Zu Hause bei J. und I. war ich wieder bei Sinnen, wenn auch noch etwas unsicher auf den Beinen. I. sagte: »So« und legte mir M. in den Arm. Hier war er, der kleine Kerl, der nie darum gebeten hatte, da zu sein – aber besonders erwünscht war.

Ob man Kinder zeugen soll, warum und auf welche Weise, mit welchen Absichten, unter welchen Umständen, ob es überhaupt so etwas wie einen idealen Spender gibt, all diese Fragen hatten jetzt eine einfache Antwort: M. Ich fühlte mich ruhig und zufrieden, aber wie war es mit M.? Seine Augen, Nase, Ohren und Hände hatten mit der Erforschung der Welt begonnen. Ich dachte: Irgendwann wird er mich, auch wenn es nur eine Sekunde dauert, anschauen, als ob ich ein Rätsel wäre. Wie er dann das Puzzle zusammensetzen wird, bleibt abzuwarten. Außer meinen Beine zitterten nun auch meine Arme, woraus J. schloss, dass M. fror. Nachdem sie ihn ins Bett gelegt hatte, schaute ich ihn noch ein wenig an. M. ist ein Wunschkind. Ob ich sein Wunschspender bin? Ich hoffe schon.

J. B. Matto ist ein Pseudonym. Matto ist Autor und lebt in Amsterdam. Er ist 46 Jahre alt

 
Leser-Kommentare
    • ascola
    • 02.02.2013 um 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

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