Samenspenden Der ideale Spender
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Bislang war ich stolz darauf, kein Kind zu haben

Einige Wochen später war meine Zeit in Berlin vorbei. Im ICE nach Amsterdam sah ich mich mit einem weiteren Aspekt unseres Projekts konfrontiert. In meinem Waggon waren nur Kinder, ein Schulausflug vermutlich. Sie machten so viel Lärm, dass ein älteres Ehepaar aufstand und wegging. Normalerweise wäre ich den beiden sofort gefolgt, nun blieb ich sitzen. Die Kinder waren aufgeregt. Sie trugen Designerkleidung, spielten mit elektronischen Gadgets und hatten alle eine Tüte Chips auf dem Schoß. Ich stellte mir die gesamte Biomasse auf der Welt vor, alle Pflanzen und Tiere und die einzelligen Organismen, ein Volumen, das sich langsam in essende, wachsende Kinder und ihre Produkte sowie ihre Abfälle verwandelte. Gleichzeitig war ich auf dem Weg in die Niederlande, wo ich mich an der Entstehung eines weiteren Individuums beteiligen würde. Bisher hatte ich, außer durch meine persönliche Existenz, nicht übermäßig zum ökologischen Drama beigetragen. Ich war stolz darauf, kein Auto zu fahren, keinen Wäschetrockner zu besitzen und – mein Joker als homosexueller Mann – kein Kind zu haben. Nun bemerkte ich zum ersten Mal eine Neigung an mir, die ich noch nicht gekannt hatte. Es schien, als ob eine Kraft auf mich wirkte, der ich zwar widerstehen konnte, aber nicht wollte. Ich kam auf den Gedanken, dass J. und I. auch ohne mich ein Kind bekommen würden. Ohne mich? Irgendwo tief in mir war gegen alle Vernunft eine Rührung über die Spende entstanden, ich war nicht bloß bereit mitzumachen, ich wollte es wirklich.

Einen Partner schiebt man normalerweise nicht mal schnell zur Seite, aber ich konnte jederzeit durch einen anderen Mann ersetzt werden

Mit J. und I. schloss ich bald eine Art Bündnis. Wir trafen uns häufig und plauderten oft bis spät in die Nacht. Es war mir schnell klar, dass »das Kind«, über das wir auch gelegentlich sprachen, zwei hoch motivierte Elternteile bekommen würde. Und ich? Wäre nicht der Vater, wohl aber der Spender, das Kind und ich würden einander kennenlernen.

In Amsterdam wohnte ich in einem Backsteinhaus in einer Nachbarschaft mit engen Straßen. Auch hier, wie an meinem Berliner Standort, lebten die Menschen zweifellos im Rahmen eines Plans, aber hier herrschte eine andere Utopie, verkörpert durch zwergenhafte Vorgärten, unterschiedliche Fassaden und individuell dekorierte Fahrräder. Meine Straße trug außerdem einen Spitznamen: »die Geburtsstraße«. Von meinem Fenster aus hatte ich einen Blick auf ein Geburtshaus, Läden für Spielzeug, Kinderbücher, Kinderkleidung, Umstandsmode – und deren Kundschaft, Frauen mit dicken Bäuchen. Sie besuchten die Straße, um das Beste vom Besten für ihre Kinder zu erwerben. Dies alles drückte einen anderen Umgang mit Idealen aus als in dem Berliner Nachkriegsviertel, in dem ich gewohnt hatte. Hier in Amsterdam standen die persönlichen Wertvorstellungen im Vordergrund, hier suchte man die Kriterien dafür, wie das Leben zu sein hat, in sich selbst statt in der Umgebung. Hier wurde ich also unweigerlich an die Visionen erinnert, die ich seit Jahren gehegt hatte, nämlich der ideale Partner zu sein und womöglich der ideale Angestellte, Kollege, Sohn. Natürlich bezweifelte ich, dass ich auch nur eines dieser Ideale wirklich erfüllte. Ich nahm aber die Chance wahr, endlich einmal alles richtig zu machen. Ich brauchte dazu nicht anders zu sein, als ich war, nein, je weniger ich mich veränderte, desto besser wäre es. Sogar meine etwas unsympathische Abneigung dagegen, Vereinbarungen zu treffen, arbeitete zu meinen Gunsten, ich müsste keine spezielle Ausbildung im nahen »Geburtsstudio« machen, denn ich war es doch schon: der ideale Spender.

Was »ideal« ist, lässt sich normalerweise schwer definieren, aber als Spender konnte ich mich, im Gegensatz zu dem idealen Nachbarn oder Bruder, auf den unterschiedlichsten Gebieten messen und berechnen lassen. Die meisten Instanzen, die diese Aufgabe übernahmen, befanden sich gleich in der Peripherie der Geburtsstraße. Der erste Befund wurde mir von der Assistentin eines Fruchtbarkeitsarztes mitgeteilt. Eine Woche zuvor hatte sie Gummihandschuhe angezogen, einen Kunststoffbehälter mit meiner Samenprobe in Empfang genommen und rasch mit einem Barcode-Aufkleber versehen. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei, und schaute auf ihren Bildschirm. Die Kurve hätte meines Erachtens nicht besser sein können. Sie drehte den Schirm von mir weg. »Es ist gut genug. Sie haben genug Zellen pro Milliliter.«

»Aber wie viele genau sind es? Wie ist denn meine Bewertung?«

Sie sah mich verächtlich an. »Es sieht erst mal okay aus, und ich könnte Ihnen irgendwelche Zahlen nennen, aber…« Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Wir wissen noch so wenig über die Qualität der männlichen Samen.«

Sie war die Erste, die mir einen Spiegel vorhielt. Damit aus dem Spender ein idealer Spender werden konnte, musste er sich erst einmal beweisen – und wohl nicht nur in Bezug auf die Fruchtbarkeit. Bevor der erste »Schwimmwettkampf« – wie J. und I. das Projekt genannt hatten – stattfinden konnte, gab ich bei zahlreichen Adressen im weiteren Umkreis der Geburtsstraße alle denkbaren Körperflüssigkeiten ab. Eine Instanz war der öffentliche Gesundheitsdienst. Die Mitarbeiterin erfasste gründlich mein Sexualleben. Es war innerhalb von zwei Minuten klar: Ich war zwar kein Prostituierter, und die Menge variabler Kontakte war äußerst gering, dennoch war und blieb ich ein »Mann mit Kontakten«, der vorhatte – ich hatte sie über die Spende informiert –, ungeschützten Sex mit einer Frau zu haben.

Leser-Kommentare
    • ascola
    • 02.02.2013 um 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

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