Samenspenden Der ideale Spender
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Meine Keimzelle hatte sich in ein Objekt der Sorge verwandelt

»Ungeschützter Sex?«, fragte ich. Der »Schwimmwettkampf« sollte doch in meiner Abwesenheit, mittels einer Pipette in die Wege geleitet werden.

Die Mitarbeiterin steckte eine Nadel in meinen Arm. »Wir kümmern uns um das Risiko. Ein Virus unterscheidet nicht zwischen einem leidenschaftlichen körperlichen Abenteuer und einem Transfer mittels eines desinfizierten Plastikbechers. Eine Krankheit hat in beiden Fällen den gleichen Ehrgeiz, sich zu verbreiten.« Sie zog die Nadel wieder heraus, versorgte den Einstich und fühlte sich offenbar dazu berufen, mich ein wenig zu beruhigen. »Sie sollten wissen, was alles während einer Schwangerschaft passieren könnte. Es kann so viel schiefgehen, Ihr Verhalten ist nur eines der Risiken. Sie brauchen sich nur an die Regeln zu halten.«

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Natürlich würde ich das tun, aber ich fragte mich: Wer hatte diese Regeln aufgestellt? Ich stellte mir Konferenzen von Psychologen und Sexualwissenschaftlern vor, Diskussionen darüber, welche Handlungen hinsichtlich des statistischen Risikos hinnehmbar seien und welche nicht. Erneut wurden mir Fragen gestellt, diesmal von einer Freiwilligen der HIV-Stiftung. Bei ihr verschwieg ich den Anlass meines Besuchs. »Warum machen Sie sich Sorgen?«, fragte sie. »Sie halten sich an die Regeln. Und bei Ihrer Frequenz ...ist ihr Risiko zu vernachlässigen.«

Ich sagte: »Ich möchte absolut niemandem etwas antun.« Sie seufzte. »Sie gehen nachher wieder auf die Straße, dort können Sie von einem Auto überfahren oder vom Blitz getroffen werden. Man kann auch davon krank werden, dass man sich selber verrückt macht. Risiken in Kauf zu nehmen gehört zum Erwachsenwerden.«

Sie streute Salz in die Wunde. Ich war zwar erwachsen, aber das Kind existierte noch nicht einmal. Mein geplanter Anteil, die Keimzelle, die mir in Berlin noch unbedeutend und winzig erschienen war, hatte sich, gerade wegen ihrer unvorstellbaren Zerbrechlichkeit und Kleinheit, in ein Objekt der Sorge verwandelt. Gerade wegen dieser Verletzbarkeit und möglicher Konsequenzen musste ich mich verantwortlich fühlen – und mich nach meinen eigenen Regeln zu verhalten.

Inzwischen hatte der erste, selbst organisierte Schwimmwettkampf zu jedermanns Überraschung keinen Gewinner hervorgebracht. Auch im nächsten Monat nicht und ebenso wenig in den zwei Jahren danach. Trotz meiner Aversion gegen verbindliche Absprachen hatte sich dafür eine Art Regelmäßigkeit in mein Leben geschlichen. Ich besuchte J. und I. alle vier Wochen und häufig auch zwischendurch. Dann taten wir, was Freunde tun: Wir fuhren Rad, besuchten Konzerte, unternahmen harmlose Dinge, bei denen allerdings viel schiefgehen kann – Meinungsverschiedenheiten über Politik, Kleidung und Fußball können auftreten, und es kann passieren, dass es einfach nichts mehr zu sagen gibt. Ich war auf der Hut. Zum Beispiel wenn eine schwere Badewanne verschoben werden sollte und J. und I. mich dabei beobachteten. Ich dachte: Wahrscheinlich achten sie nicht darauf, aber wenn ich die Wanne nun auf meine Zehen fallen lasse, dann wird klar, wie es um meine Gene bestellt ist. Und wenn auch mein begrenztes Muskelvolumen vielleicht kein Argument wäre, dann vielleicht doch ungeschicktes Verhalten. Einen Partner oder Ehegatten schiebt man normalerweise nicht mal schnell zur Seite, aber ich konnte jederzeit durch einen anderen Mann ersetzt werden – für einen idealen Spender eine schwer zu verkraftende Angelegenheit.

Dass es nicht passierte, erzeugte in mir, zu Recht oder nicht, das Gefühl, auserwählt worden zu sein. Und noch etwas: Ich fühlte mich – zumindest vorerst – einer Freundschaft versichert. Mit anderen Worten: Solange das Kind noch nicht im Leben von J. und I. war, war ich dort. Das schien mir wichtig. Ich stellte mir vor, wie die Mütter dem Kind später erzählen würden, in welch einer sicheren, ruhigen und freundlichen Atmosphäre die noch fehlenden Bausteine seiner Existenz erworben wurden. Ich war übrigens weit von der Zufriedenheit entfernt, mit der ich tagaus, tagein die künftigen Väter durch die Geburtsstraße spazieren sah, während sie ihre Frauen zu irgendwelchen Kursen begleiteten. Ihren Stolz könnte man auf eine frühe Entwicklungsstufe der Evolution zurückführen, als Fortpflanzung noch eine der wichtigsten Aufgaben des Lebens war. Damals war Vaterschaft wohl ein Zeichen von Überlegenheit, ein Mann hatte den Wettbewerb mit anderen Männern mittels Gewalt oder Verführungstechniken gewonnen. Die Rolle des Samenspenders ist bescheidener. Er hat ein anderes Selbstbild. Das Einzige, was er beweist, ist, dass er sein genetisches Material in einem Behälter auffangen kann, und so stellen viele sich ihn wahrscheinlich auch vor. Übrigens ist das gar keine so einfache Aufgabe.

Leser-Kommentare
    • ascola
    • 02.02.2013 um 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

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