Samenspenden Der ideale Spender
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"Samen aufwecken" im Krankenhaus

»Denken Sie daran, die Tür zu verriegeln«, sagte K., der Laborchef. Nach mehreren vergeblichen selbst organisierten Versuchen hatten wir uns für unser Projekt nun professionelle Hilfe gesucht. Meine Samenspende sollte eingefroren werden. Ich befand mich, nach erneuten Tests, in einem speziellen Raum mit einem Sofa und einer Stehlampe sowie einem grauen Ordner mit provokanten Zeitschriften – dem merkwürdigsten, ich würde fast sagen, unnatürlichsten Raum im ganzen Krankenhaus. Ich setzte mich auf die Couch, noch etwas verwirrt, nachdem ich gerade ein Formular ausgefüllt hatte. Ich sollte ankreuzen, wie ich mich selbst einschätze: Spontaneität, Optimismus, Ehrgeiz, Eitelkeit, Unsicherheit. Dank dieses Formulars konnte das Kind sich, falls ich verschwinden würde, immer noch ein Bild von mir machen.

Eine in Plastik eingeschweißte Anleitung enthielt die Punkte »Samen aufwecken«, »Auffangen in einem Kunststoffbehälter« und »Deckel sofort fest verschließen«. Ich schaute auf die Rückseite, in der Hoffnung, genauere Anweisungen zu finden – Antworten auf Fragen, die sich in der letzten Zeit angesammelt hatten. Wie halte ich den Behälter während des Aufweckens auf Körpertemperatur? Wie lange bleibt die Innenseite des Behälters steril ohne Deckel? Darf ich kurz vorher pinkeln? Dies alles ist noch harmlos im Vergleich zum »Auffangen«. Ich möchte nicht behaupten, dass ich Heldentaten begehe, aber »Aufwecken« und »Auffangen« sind zwei Tätigkeiten, die je eine eigene Steuerung erfordern. Für die eine Handlung ist eine gewisse Zügellosigkeit notwendig, die andere erfordert präzise Kontrolle, zwei widersprüchliche Aktivitäten, die einander in meinem Fall manchmal völlig unerwartet blockierten. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass bei menschlichen Reproduktionsprozessen generell Ängste und Hemmungen mitspielen und trotzdem überall vor Gesundheit strotzende Kinder herumspringen.

K., der Laborchef, hatte mir zuvor zwei Tage Abstinenz auferlegt, aber daran hatte ich mich schon lange gewöhnt. In einem Flugblatt des Geburtszentrums wurde eine »ideale Sex-Frequenz« von 48 Stunden empfohlen. »Samen«, verdeutlichte K., »werden millionenweise produziert, aber auch wieder abgebaut.« Ich war ehrgeizig genug, so viele Millionen wie möglich zu generieren. Nach meiner Erfahrung war nicht die Enthaltung das Problem, sondern das Regulieren – beziehungsweise Aufmuntern – meiner Leidenschaften zwischen den Enthaltungen. K. meinte, man könne Samenspender mit Zuchtbullen vergleichen, die bei zwei bis drei wöchentlichen Extraktionen produktiv blieben. »Wenn man die Tiere aus ihrem Rhythmus bringt, sinkt der Erlös sofort.« Das war mir längst klar. Ich hatte mich in diesem Bereich in den letzten Monaten auf vernünftige Zeitpunkte programmiert. Wenn dann der nächste Eisprung vorhergesagt wurde – wie in einer Art Wettervorhersage –, führte jede kleine Änderung oft zu einem psychologischen und logistischen Dilemma.

Nachdem ich meine Pflicht getan hatte, ließ K. mich durch das Mikroskop schauen. Jede Zelle war zu 90 Prozent ein sich bewegender Schwanz. »Der Teufel«, sagte er, »befindet sich im Kopf: der Code deines Körpers.« Man muss ein hartes Herz haben, um beim Anblick dieser schwimmenden Datenbanken nichts zu empfinden. Noch dazu wurden meine Spermien nun auch noch »verbessert«. Nach einem ganzen Nachmittag des Filtrierens, Siebens und Aufbereitens teilte K. das Material in kleine Portionen auf, ließ diese wie ein Magier in einem Gefäß mit dampfendem, flüssigem Stickstoff verschwinden und sagte, ich müsse mir über eine Sache klar werden: »Dies ist dein Material, und du kannst jederzeit entscheiden, ob und wie es verwendet wird.« Ich bin nüchtern genug, um zu wissen, dass es nichts Außergewöhnliches war, was ich da abgegeben hatte – je intensiver ich mich bewusst an der Schaffung eines neuen Lebens beteiligte, desto mehr erkannte ich, wie viel Zufall dabei im Spiel ist. Auf der anderen Seite: War ein gewisser Grad an Zufriedenheit nicht eine Mindestanforderung für das, was ich gerade tat?

K.s Arbeit war übrigens umsonst, es stellte sich heraus, dass es mittlerweile doch schon einen Gewinner gab: J. war schwanger, und damit war auch meine Aufgabe erledigt. Zu dieser Zeit wuchs um mich herum das Interesse. Allmählich wussten alle meine Verwandten und Freunde, was los war. Ich betonte stets meine hauptsächlich biologische Rolle – egal: Die Ankündigung der Geburt hatte eine große Wirkung auf die Menschen, die mich umgaben. Jeder hatte eine Meinung dazu, die geäußert und diskutiert wurde. Freunde kamen mit Ratschlägen und sogar Geschenken, viele meinten, ich sollte mit J. und I. über eine Besuchsregelung sprechen und Vereinbarungen über meinen Umgang mit dem Kind schließen.

Einmal bildete sich eine Gruppe von Männern um mich herum, die mir rieten, meine Interessen stärker durchzusetzen. Jeder erinnerte sich an einen anderen Fall, in dem ein Vater ausrangiert wurde und sich hintergangen fühlte. Ich stellte mir vor, dass es bei J. und I. zu Hause ähnliche Diskussionen gab. In meiner Fantasie waren sie umringt von Frauen, die sich an Geschichten von durchgedrehten Spendern erinnerten. Spender, die sich in den Vordergrund drängten, sich plötzlich Rechte aneigneten und nur durch schwerwiegende Maßnahmen auf Distanz gehalten werden konnten – ähnlich, wie im Zoo männliche Elefanten und Bären (und vielleicht auch Meerschweinchen und Zwergziegen) in getrennte Käfige eingesperrt werden müssen, weil sie eine Gefahr für Neugeborene sein könnten. An der Pinnwand im Geburtshaus hatte ich, in Großbuchstaben und rot unterstrichen, das Wort »Couvade« gelesen: das Syndrom, bei dem Männer in unmittelbarer Nähe schwangerer Frauen weibliche Hormone produzieren und Schwangerschaftssymptome zeigen – nicht nur aus Solidarität, sondern auch wegen ambivalenter Gefühle und aus Eifersucht.

Leser-Kommentare
    • ascola
    • 02.02.2013 um 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

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