Samenspenden Der ideale Spender
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Wir vereinbaren einen "bewussten Kontakt"

Die vorformulierten Vereinbarungen mit Samenspendern – überall im Internet zu finden – schließen jedes unangemessene Verhalten aus. Wer als Mann einmal das Gefühl bekommen möchte, auf ein Stück Fleisch reduziert zu werden, der sollte einen solchen Vertrag unterzeichnen: »Partei B (der Spender) verpflichtet sich zur Lieferung einer bestimmten Menge Samen, ohne Geld dafür zu bekommen, und er stimmt dem sofortigen Einfrieren zu. Er erklärt, nicht krank zu sein und/oder an einer genetischen Störung zu leiden. Sollte ein Kind entstehen, dann ist B verpflichtet, Material für ein zweites Kind zur Verfügung zu stellen. Vormundschaft, Besuchsrecht, Sorgerecht sind ausgeschlossen. Er wird nicht Vater genannt werden, das Kind bekommt nicht seinen Namen, auch ein eventueller Vormund wird nie seine Bedürfnisse berücksichtigen. Falls das Kind mit 16 Jahren Interesse an B zeigt, dann wird er darüber informiert. Er verpflichtet sich in dem Fall zu freundschaftlichen Kontakten mit dem Kind.« J. und I. konnten sich in dieser Terminologie nicht wiederfinden und erstellten eine kürzere, humaner formulierte Version, ergänzt durch den Wunsch eines bewussten Kontaktes zwischen dem Kind und mir. »Und was heißt das, ein bewusster Kontakt?«, fragte man den idealen Spender. »Wie wir das interpretieren, entscheiden wir gemeinsam«, antwortete ich. Der Kontakt zu wem auch immer ist sowieso sehr unbeständigen und unberechenbaren Entwicklungen unterworfen – wie kann man die Beziehung zu jemandem formulieren, der noch nicht einmal existiert? Ich sagte auch, ich wolle nicht an einem Kind zerren, es werde somit einen gewollten Kontakt geben oder gar keinen. Als ich stolz hinzufügte, dass J., I. und ich gerade zueinandergefunden hatten aufgrund unserer Ablehnung allzu konkreter Vereinbarungen, wurde ich kopfschüttelnd angeschaut – ich wurde nunmehr gar nicht als ideal angesehen, sondern als Schwächling, der sich nicht verantwortungsbewusst benimmt – als ob ich ein 18-Jähriger wäre, der mal eben ein Kind gezeugt hat und dann davonrennt. »Was, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert? Wo wirst du sein?« Ich versuchte mir das Gesicht eines vorwurfsvollen Jugendlichen von 14 oder 16 Jahren vorzustellen.

Tatsächlich gab es erst mal keinen Grund zur Sorge. Ich besuchte J. und I. auch weiterhin, ohne die monatliche biologische Notwendigkeit. War ich aber auf einmal doch ein wenig zu neugierig, zu interessiert oder einfach nur zu präsent? War ich schon längst im Griff des Couvade-Syndroms? Produzierte ich noch genügend männliche Hormone oder zu viele? Doch einerlei, ob angetrieben von Syndromen, Hormonen oder Interessen, so wie ich in den letzten Jahren von J. und I. verhätschelt worden war, so sicher konnten sie jetzt mit meiner Freundschaft rechnen. Und nicht nur sie, mittlerweile auch ihr Sohn, M.

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Ob man Kinder zeugen sollte, warum und auf welche Weise, all diese Fragen hatten jetzt eine einfache Antwort: M.

Der Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sehen würde, fing klassisch an. Die Nachricht von seiner Geburt hatte den Speicher meines Kurzzeitgedächtnisses vollständig gelöscht. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich mein Fahrrad geparkt hatte, und ging zu Fuß in Richtung des Hauses von J., I. – und M. Der erste Teil des Gehwegs war sowieso gesperrt, die Geburtsstraße wurde saniert und zur Fußgänger- und vor allem zur kinderfreundlichen Zone befördert. Nach einigen Metern gab es schon eine Kollision mit einem ausladenden Mountain-Buggy, und sowohl die damit umherspazierende Mutter als auch alle anderen Mütter auf der Terrasse des nahe gelegenen Cafés sahen mich alarmiert an. Während ich überlegte, wie M. aussehen würde und ob er aufgeregt war, weil er nun auf der Welt war, stieß ich mir auch den anderen Knöchel, diesmal an einem Picknicktisch in der Mitte der Straße, an dem ein Kindergeburtstag gefeiert wurde.

Zu Hause bei J. und I. war ich wieder bei Sinnen, wenn auch noch etwas unsicher auf den Beinen. I. sagte: »So« und legte mir M. in den Arm. Hier war er, der kleine Kerl, der nie darum gebeten hatte, da zu sein – aber besonders erwünscht war.

Ob man Kinder zeugen soll, warum und auf welche Weise, mit welchen Absichten, unter welchen Umständen, ob es überhaupt so etwas wie einen idealen Spender gibt, all diese Fragen hatten jetzt eine einfache Antwort: M. Ich fühlte mich ruhig und zufrieden, aber wie war es mit M.? Seine Augen, Nase, Ohren und Hände hatten mit der Erforschung der Welt begonnen. Ich dachte: Irgendwann wird er mich, auch wenn es nur eine Sekunde dauert, anschauen, als ob ich ein Rätsel wäre. Wie er dann das Puzzle zusammensetzen wird, bleibt abzuwarten. Außer meinen Beine zitterten nun auch meine Arme, woraus J. schloss, dass M. fror. Nachdem sie ihn ins Bett gelegt hatte, schaute ich ihn noch ein wenig an. M. ist ein Wunschkind. Ob ich sein Wunschspender bin? Ich hoffe schon.

J. B. Matto ist ein Pseudonym. Matto ist Autor und lebt in Amsterdam. Er ist 46 Jahre alt

 
Leser-Kommentare
    • ascola
    • 02.02.2013 um 14:52 Uhr

    Fest steht, das hat ein bisschen was gekostet, die ganzen Prozeduren in Amsterdam werden sich nicht alle leisten können, die gerne wollen. Der Kleine wird bald froh sein - nicht erst mit 16 - seinen Kleinkind-Freunden auch eine Art Vater präsentieren zu können. Auch wenn der dann anders heißen muss. Warum eigentlich? es gibt so viele Arten von Väter, wie viele darunter sehen sich z. B. berufsbedingt nicht in der Lage dazu, allzu engen Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen oder zu halten, und leben also so, wie es in diesem Fall sogar gewünscht ist. Die sind dann juristisch die Väter, praktisch kaum. Wieso geht es nicht auch anders herum?

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