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Seit Generationen vertreiben die Tschäggättä im Kanton Wallis zur Fastnachtszeit den Winter. Oder das Böse. Oder beides. von Holger Fröhlich

Eigentlich liegt das Dorf im Winterdunkel friedlich da. Die Hütten tragen schwere Mützen von Schnee, und aus den Fenstern fällt warmes Stubenlicht und etwas Schattenspiel auf die Gässchen. Der Wind hat sich gelegt, ein eisiges Flüsslein gurgelt ins Tal. Das Dorf könnte die perfekte Idylle sein – wären da nicht die furchterregenden Gestalten irgendwo in der Finsternis hinter den Ställen, dort, wo sich die Felsen weit oben in der Nacht verlieren. Sie sind nicht zu sehen, doch jeder Dörfler weiß, dass sie bereits auf einen günstigen Moment zum Angriff lauern.

Da, gerade als eine Böe etwas Neuschnee von jenseits der Baumgrenze ins Tal fegt, klingt von fern eine Kuhglocke. Dann zwei, dann viele und nah und immer näher – und plötzlich lösen sich die Schatten aus der Nacht und zwei Meter große Wesen, breit wie Ochsen, mit zottigem Fell und hässlich wie der Teufel, rennen heran. Wen sie zu packen bekommen, den reißen sie mit sich und lassen ihn erst gehen, wenn sein Gesicht schwarz ist vom Ruß ihrer Pranken. Wer sich zwischen Mariä Lichtmess und Aschermittwoch ins Lötschental verirrt, der sollte auf der Hut sein. Denn in der Fastnachtszeit, während andernorts heiter geschunkelt wird, jagen die bösen Tschäggättä ihre Opfer in kleinen Rudeln. Sie treiben unbescholtene Passanten in die Enge, werden auch mal handgreiflich und begleichen nebenbei manch alte Rechnung im Dorf. Mit ihnen ist nicht zu spaßen.

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Das schmale Hochtal im Schweizer Kanton Wallis, in dem jeder zweite Rieder oder Rittler heißt, verbindet erst seit den fünfziger Jahren ein schmales Sträßchen mit der Außenwelt. Zuvor waren die Bewohner im Winter eingeschneit und auch im Sommer meist auf sich gestellt. Eingeklemmt von steilen Hängen, haben sie Bräuche konserviert, die es draußen im Lande nicht mehr gibt und deren wahren Ursprung sie selbst vergessen haben. Einer dieser Bräuche ist das Tschäggättun, das nächtliche Marodieren übellauniger Gestalten, deren Schultern bis über die Ohren reichen. Die einen sagen, es sei ein heidnischer Brauch, um das Böse zu vertreiben oder den Winter oder beides. Andere sehen im Schwärzen der Opfer ein christliches Bußeritual. Wieder andere erzählen von den Ureinwohnern des Tals, die von den Alemannen auf die unwirtliche Schattenseite vertrieben wurden und die nur überleben konnten, indem sie nachts die Speisekammern der Besatzer plünderten. Da sie den mächtigen Alemannen unterlegen waren, schnitzten sie sich albtraumhafte Masken, um die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen. Beweisen lässt sich keine der Geschichten.

Doch wer steckt heute unter den stinkenden Fellen und dämonischen Masken? Bruno Rittler aus Blatten am Ende des Tals muss es wissen. Der einsilbige Maskenschnitzer um die 50 hilft seinen Nachbarn beim Umziehen, bei der Verwandlung zur Tschäggätta. Sein Keller wirkt wie die Garderobe der Hölle. Von rußigen Wänden starren Fratzen an Fleischerhaken ins Leere. Alle paar Minuten betritt ein Dorfbewohner den Raum und verlässt ihn als Ungeheuer.

Gerade ist Nathanael an der Reihe. Ein netter Junge, 13 Jahre alt, kein bisschen furchterregend. Bruno Rittler setzt ihm ein mächtiges Polster auf die schmalen Schultern, legt ihm zwei Ziegenfelle über und zurrt ihm die schwere Glocke so fest um den Bauch, dass der Junge taumelt. Bei alldem spricht Rittler kein Wort. Zur Begrüßung ein Nicken, zum Umdrehen eine knappe Geste, zwischendrin ein paar Züge an der Pfeife im Holzregal, die ständig auszugehen droht und es doch nie tut.

Karte Schweiz

© ZEIT-Grafik

Nathanael wirkt nun doppelt so breit, sein Gesicht ernster. Bruno Rittler reicht ihm eine Maske mit schiefen Zähnen und irren Augen und weicht schnell einen Schritt zurück, als sein Besucher sie vors Gesicht zieht. Eine Tschäggätta ist für ihn mehr als ein verkleideter Walliser. Sie ist von Natur aus wütend, ein Wesen aus dem Dunkel, dessen Aura nun auch auf Nathanael übergeht. Die Dörfler kennen die großen Wilden seit ihrer Kindheit und können sich doch nicht an sie gewöhnen.

Thomas Werlen, ein Schnitzer aus Ferden, ist 71 Jahre alt, und noch immer steckt ihm etwas von jener Angst in den Knochen, die er einst als Junge vor den Tschäggättä hatte. Damals, das war, als der Waschlappen im Winter am Spülstein festgefroren war und das kleine Wasserkraftwerk nur Strom für zwei Glühbirnen pro Haus lieferte. Als die Küche der einzige Ort mit Holzofen war und der Lehrer mit dem Rohrstock erzog. Beim Schlachter gab es ganze Unterkiefer vom Rind zu kaufen, die konnten die Tschäggättä für die Zähne in den Masken verwenden. Die übergroßen Schulterpolster waren noch nicht verbreitet, die Glocken kleiner. Das heißt, die Tschäggättä waren wendiger und schneller als heute. Nach Schulschluss lauerten sie den Kindern auf dem Heimweg auf, sagt Werlen, und seine fast blinden Augen leuchten dabei. Die Handschuhe waren schon damals »gitschäggud«, mit Ruß verschmiert, und wer nicht schnell vor der Bande davonlief, der war es auch.

Leserkommentare
  1. Die Kollegen sollten ruhig mal die Wallstreet, den Londoner Finanzbezirk und auch die Frankfurter Banken erschrecken.

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