Pinar SelekDie alte Türkei

Wie das Land mit Kritikern umgeht, ist eine Schande. von 

Dieses Urteil aus der Türkei kann nichts anderes erzeugen als trauriges und wütendes Kopfschütteln. Da wird die bekannte türkische Soziologin Pnar Selek zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil sie angeblich Mitglied der verbotenen PKK sei und in deren Auftrag 1998 einen Bombenanschlag in Istanbul verübt haben soll. Obwohl ihr nichts nachzuweisen ist. Obwohl keines der zahlreichen Gutachten die Vorwürfe gegen sie untermauerten.

Und obwohl sie bereits dreimal freigesprochen wurde.

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Doch hier geht es nicht um Pnar Selek allein. Sicher war die politische Aktivistin aufgrund ihrer Veröffentlichungen vielen starren Köpfen bei der Armee, in der Justiz und in der Regierung verhasst: Sie schrieb ein Buch über den Zusammenhang zwischen überhöhter Männlichkeit und Militärdienst; sie setzte sich für Frauen, Straßenkinder, Prostituierte und Transsexuelle ein; und sie führte Interviews mit PKK-Kämpfern für eine Studie über die Bedeutung von Gewalt.

Dem Gericht geht es darum, ein Exempel zu statuieren. Es ist eine Botschaft an die sehr lebendige türkische Zivilgesellschaft, sie lautet: Wir sprechen Urteile – nicht weil wir im Recht sind, sondern weil wir es können. Nicht nachvollziehbare Urteile wie das gegen Selek und andere Intellektuelle, die massenhafte, grundlose Inhaftierung von Journalisten und Anwälten, all das zeigt das Antlitz der alten Türkei. Einer Türkei, die alle paar Jahre von einem Militärputsch heimgesucht wird, und eines Staats, der so schwach ist, dass er Härte zeigen muss.

Vielleicht ist Selek ein Opfer dieser Schwäche geworden. Ihr Urteil fällt in eine Zeit, in der die Regierung ernsthaft mit den Kurden verhandelt, um einen langen, blutigen Konflikt zu beenden. Nicht alle im Staatsapparat finden das richtig. Gut möglich, dass die zuständigen Richter als Vertreter der alten Türkei, die nicht mit Terroristen verhandelt, die vermeintliche Bombenlegerin der PKK bestraften, um das Bild des verhandelnden, also schwachen Staates, zu korrigieren.

Zum Glück lebt Pnar Selek seit einigen Jahren im Ausland, derzeit in Straßburg. Unklar ist, ob die Türkei einen Auslieferungsantrag stellen wird. Fragt man sie nach ihrer Heimat, erzählt Selek, wie sehr sie ihr Land liebe und dass sie unbedingt zurück in die Türkei wolle. Daraus wird jetzt erst einmal nichts. Dafür ist der Weg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht allzu weit.

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Leserkommentare
  1. Hierzulande sieht es gleichfalls nach Schikane aus:

    http://www.zeit.de/gesell...

    Da bin ich mal gespannt, wie das mal ausgeht.

    • simmal
    • 15. April 2013 16:11 Uhr

    Ich hoffe diese Fälle bleiben Ausnahmen und werden nicht zur Regel. Das wäre sonst das Ende jeder freien Gesellschaft

  2. “Interpol’s red notice is “the closest instrument to an international arrest warrant in use today.” Selek currently lives in the French city of Strasbourg and is pursuing her thesis at Strasbourg University. She may now face detention by French police and could be sent back to Turkey …

    Pınar Selek also said it remained to be seen whether Interpol or France would act on the red notice”

    http://www.hurriyetdailyn...

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