Kölner U-BahnFertig im Jahre 2613

Der Berliner Flughafen ist nichts gegen die Kölner U-Bahn. Am Rhein hat man beim Bauen die Ruhe weg. von Raoul Löbbert

Will eine Großstadt nicht nur groß, sondern wichtig sein, fängt sie an, groß zu bauen. Dann reicht wie in Berlin ein gemütlicher Innenstadt-Flughafen nicht mehr. Dann muss ein neuer her, wobei gilt: Je größer er ist und je länger es dauert, ihn zu erreichen, desto wichtiger ist er. So etwas baut man, weil man es erstens kann und erst zweitens braucht. Während des Bauens stellt man dann fest, dass man es weder kann noch braucht. Das ist dann, drittens, für eine Stadtverwaltung ein guter Grund, alles noch einmal umzubauen.

Der Bürger verzweifelt inzwischen. Oder er sieht es als Übung in Demut – so wie der Kölner. Seit neun Jahren wird in Köln an der neuen U-Bahn gebaut. Das kostet die Stadt so viel wie ein Flughafen, richtet aber mehr Schaden an, weil sich die Tunnelbohrmaschinen Tosca, Rosa und Carmen durch historischen Boden wühlen mussten. 2004 neigte sich der Kirchturm von St. Johann Baptist und wurde fortan nur »schiefer Turm von Köln« genannt. Fünf Jahre später stürzte das Stadtarchiv ein. Und nun, da die erste Haltestelle eröffnet ist und die Linie 5 freie Fahrt hat (für eine Station!), da vibriert das Zentrum des Kölner Universums: der Dom. Aber anders als der Berliner geifert der Kölner nicht nach Rücktritten oder Untersuchungsausschüssen. Er nimmt es gelassen, weiß er doch, dass der Dom mit dem Krieg und Kardinal Meisner Schlimmeres erlebt hat als ein Zittern.

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Zudem vergibt der Kölner dem Sünder rasch – so rasch, dass der seine Sünde manchmal noch gar nicht begangen hat. Das liegt daran, dass der Kölner selber gerne sündigt. Sein Zorn ist deshalb kurz und meistens folgenlos. So wundert der Kölner sich auch nicht, wenn jemand den Stahl aus dem Stahlbeton einiger neuer U-Bahn-Haltestellen stiehlt. Der Kölner nimmt die Dinge halt, wie sie sind, nicht, wie sein sollen. Dabei lässt er ausreichend Raum für das Unerklärliche. So wurde, als die Stadt mit dem Bau begann, vorsorglich das Vordach der Philharmonie abmontiert. Heute steht fest: Das Vordach ist verschwunden, eine eingelagerte Uhr ebenfalls. Ein Berliner würde Schlamperei vermuten, der Kölner weiß: zwei Wunder! Natürlich bleibt dem Kölner nicht verborgen, dass solche Wunder auch in anderen Großstädten mit Großbaustellen geschehen. Aber der Kölner ist großzügig. Er gönnt das den anderen Städten. Der Unterschied ist: Andere Städte nehmen die Sache ernst und wollen irgendwann fertig werden, Köln will nur bauen. So wäre der Dom noch heute ein seelenloses Gerippe, wären im 19. Jahrhundert nicht die Romantiker und die Preußen gekommen und hätten ihn vollendet. Damals befürchtete man: Die Welt geht unter, wenn der Dom fertig ist. Insgeheim ist Köln immer noch beleidigt, dass dem damals nicht so war.

Das ist auch der Grund, warum der Kölner die U-Bahn mit anderen Maßstäben misst als der Planer: Wird sie in 600 Jahren und nicht 2019 fertig, denkt er, ist das immer noch früh genug. Bis dahin kriecht er Bahn – ja, kriecht, nicht fährt, denn an allen neuralgischen Punkt der Stadt ist die Erde aufgerissen, liegt begrabene Vergangenheit offen da, geht nichts mehr, fährt nichts mehr, sondern kriecht, allerhöchstens. Und das wegen einer U-Bahn, die keine ist, aber gerne eine wäre. Denn in Köln gibt es eigentlich nur Straßenbahnen. Kurzzeitig gehen die in den Untergrund. Dort bleiben sie eine Weile, dann tauchen sie wieder auf – oder auch nicht. Morgens steht der Kölner etwa in der Linie 1 oder 7 und sieht zu, wie ihn die Fahrradfahrer überholen. Am Heumarkt schaut er dann in eine der größten Baugruben der Stadt und sucht in dem Abgrund nach den Ruinen vergangener Zeitalter; überall brachte der U-Bahn-Bau die in den letzten Jahren zutage. Vielleicht fällt ihm dabei dieser alte Karnevalswitz aus den zwanziger Jahren ein: »Mer buddele und buddele, bis dat mer Weltstadt sind.« Oder er geht gern ins Kino und denkt: Es stimmt, das Leben ist eine Baustelle – zumindest hier. In Köln.

Wie die Rückrunde des FC, die Bausünden nach dem Weltkrieg oder die Bierleichen nachmittags an Weiberfastnacht, so ist auch die neue U-Bahn eine Herausforderung: Kann ich Köln lieben trotz allem – oder gerade deswegen? Kann ich vor der neuen Station »Rathaus«, diesem Dings aus Leim und Latten, stehen, ohne mich zu fragen: Warum haben andere Städte Haltestellen wie Kathedralen, und wir haben nur diese finnische Saunahütte? Kann ich mit der neuen U-Bahn in Richtung Hauptbahnhof fahren – im Schritttempo, weil der Dom sonst anfangen könnte zu schunkeln – und mich nicht wundern, warum ein Spaziergänger vor mir dort ankommt und nicht mal aus der Puste ist?

Und was ist mit dem Alltagswahnsinn? Hier straft die Linie 1 den Streckennetzplan regelmäßig Lügen und fährt den Weg der Linie 9. Oder die 9 den der 18. Oder die 7 den der 1. Oder alle zusammen fahren gar nicht. Dann schneit es. Ganz zu schweigen von den Geisterzügen mit dem Buchstaben »E« – wie »Ende«. Niemand weiß, wo sie losfahren, wohin sie wollen und ob sie dazwischen überhaupt einmal halten. Hier dauern vier Minuten auf der elektronischen Anzeige am Bahnsteig mal fünf, mal sechs, mal zwei, aber niemals vier Minuten – und wenn doch, geht die Welt wirklich unter. Hier bringt es auch nichts, aufs Auto umzusteigen. Im Schnitt kann man in Köln nur 23,2 Kilometer pro Stunde fahren, so langsam ist man in keiner anderen Stadt in Deutschland. Aber wo soll man auch hin? Es gibt gefühlt 23,2 suchende Autos für jeden freien Parkplatz. Nein, es bringt nichts, aus Köln fortzuwollen. Diese Stadt lässt einen nicht los. Sie zwingt einen, zu Hause zu bleiben, bis man merkt, dass es da eigentlich auch ganz schön ist. Ja, es ist gefährlich, hier zu wohnen. Irgendwann geht man den Weltstädten verloren und vermisst nicht mal etwas. Kann man in Köln wohnen und Köln trotzdem lieben? – Oh ja, nur so!

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Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Großartiger Artikel!

    13 Leserempfehlungen
  2. Wunderbarer Artikel, danke dafür.

    13 Leserempfehlungen
  3. Der Kölner an sich weiss, was es mit der Unendlichkeit auf sich hat und lebt daher im Jetzt. Habe die Leute dort immer mit einem süffisanten Humor erlebt. Und stimmt, die effektivsten Verkehrsmittel sind dort: die eigenen Füsse, Fahrräder und heute die Umzugswagen. Und wenn man in den Strassenbahnen steht und in den Baugruben die Ruinen vergangener Zeitalter anschaut, nun, wahrscheinlich waren auch die damals nicht zur Gänze fertig, bevor sich die Erde neuer Zeiten darüber legte ;-)

    5 Leserempfehlungen
  4. Vielen Dank dafür aus Düsseldorf ;-)

    4 Leserempfehlungen
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    Grüße aus Köln ;)

  5. sitzen beim Kölsch zusammen. Sagt der Kölner:
    "Also, bei uns wird ja viel und sehr tief gebuddelt. Und stell Dir mal vor, was man da in 20 Meter Tiefe so alles gefunden hat? Das ist sensationell!"

    Der Berliner:
    "Na, watt denn?"

    Der Kölner:
    "Jede Menge verrosteter Drähte. Na überleg mal, wat dat bedeutet. Das bedeutet, dass die Kölner schon vor über tausend Jahren ein gut ausgebautes städtisches Telefonnetz hatten."

    Der Berliner winkt ab:
    " Also in Berlin wird ja auch ganz viel und auch tief und schon lange gebuddelt. Und stell Dir mal vor, was man da in 25 Meter Tiefe gefunden hat. Sensationell ! Nichts, gar nichts !"

    Der Kölner:
    "Ja und?"

    Der Berliner:
    " Mensch, überleg mal, das bedeutet, dass die Berliner vor über 2000 Jahren schon ein drahtloses Telefonnetz hatten."

    Karnevalistische Grüße aus der Nähe von Köln.

    Schöner Artikel !

    15 Leserempfehlungen
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    Die Geschichte stammt aus "Marius" von Marcel Pagnol.

  6. 6. ......

    Da kommen einem die Tränen...vor lauter Lachen..

    3 Leserempfehlungen
    • scoty
    • 11. Februar 2013 17:02 Uhr

    :) Hallo Zeit

    Eine Leserempfehlung
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    hat der Dom gebrauicht und er wäre heute noch nicht fertig, hätte Friedrich Wilhelm IV. nicht ein bisschen Geld ausgeben wollen.

  7. "Er nimmt es gelassen, weiß er doch, dass der Dom mit dem Krieg und Kardinal Meisner Schlimmeres erlebt hat als ein Zittern."

    12 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Köln | U-Bahn | Reise | Nahverkehr
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