Guido Westerwelle © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Die Palmen grün, der Himmel blau, in der Ferne die Gipfel des Hohen Atlas leuchtend weiß – Marrakesch kann im Winter betörend schön sein. Vor dem Konferenzzentrum des Palmeraie Golf Palace stellt sich Guido Westerwelle in Positur. Beim Treffen der »Freunde des syrischen Volkes« hat er soeben seine Rede gehalten, nun drängt es ihn aus dem Saal, vor die Mikrofone und Kameras.

Westerwelle macht das routiniert, erst auf Deutsch, dann in fließendem Englisch. Assads Zeit sei abgelaufen. Man müsse sich auf den »Tag danach« vorbereiten, mit humanitärer Hilfe und Unterstützung für die »Nationale Koalition der syrischen Oppositions- und Revolutionskräfte«.

Syrien, Iran, Libyen, jetzt Mali: Die Krisenherde des Mittleren Ostens und Nordafrikas haben Westerwelles Amtszeit geprägt. Der Arabische Frühling ist sein Thema geworden. Der Kampf um Freiheitsrechte, der Aufbruch in die Moderne – für Westerwelle rührt dieses Ringen an den Kern seiner politischen Identität.

Vierundzwanzigmal ist Westerwelle in die Region gereist. Und wurde immer skeptischer. Früh schon warnten ihn Gesprächspartner, in Ägypten könnten die Fundamentalisten nach der ganzen Macht greifen. Ende Oktober 2012 besuchte er Bamako, die Hauptstadt Malis. Erst im Frühjahr hatte dort das Militär gemeutert und eine neue Regierung eingesetzt. Wen wundert’s, dass sich der deutsche Außenminister fragte, was das für ein Regime sei, das die Europäer um Hilfe bat.

Das Laute und Schrille ist verschwunden

Um Himmels willen keine militärischen Abenteuer eingehen, das ist ihm zur Richtschnur seines Handelns geworden. Kritik, Deutschland verweigere sich allzu schnell, prallt an ihm ab. Auch in Mali tue man genug: »Wir helfen logistisch, finanziell, humanitär und bei der Trainingsmission.« Von Kampftruppen jedoch will er nichts wissen.

Westerwelle ist vorsichtiger geworden, man könnte auch sagen: besonnener im Urteil. Nach drei Jahren im Amt hat Deutschlands Chefdiplomat den forschen Auftritt abgelegt. Verschwunden ist das Laute und Schrille, mit dem er sich an der FDP-Spitze inszenierte. Man entdeckt einen Zug an ihm, den man mit Westerwelle bisher so wenig in Zusammenhang brachte wie das wilde Leben mit Angela Merkel: Seriosität.

Marrakesch, das sei für ihn eine Rückkehr gewesen, erzählt er auf dem Heimflug nach Berlin. Im Mai 2011 war er hier, nach dem Bombenanschlag auf das Café de Paris; 16 Menschen starben damals. Westerwelle kam direkt vom FDP-Parteitag in Rostock. Er hatte den Bundesvorsitz an Philipp Rösler übergeben. Traurig sei er gewesen »über die Umstände, den Verlust des Amtes. Man hatte zehn Jahre lang gute Wahlergebnisse für die Partei errungen. Und dann wurde man von einigen in einer Weise angeschossen, dass man sich doch enttäuscht gefühlt hat.«

Nur weg also aus den Rostocker Messehallen an jenem Sonntagnachmittag! Weg nach Marokko. Der König sei ihm dankbar gewesen für seine Geste der Solidarität. Das Land bangte um den Tourismus. Er hatte das Gefühl, helfen zu können. Und dann, erinnert sich Westerwelle, habe es »einen Moment gegeben, wo ich mich auf die neue Zeit gefreut habe«. Eine Last war weg.

Vielleicht war dies der Moment, in dem aus dem Innenpolitiker Westerwelle der Außenminister wurde.