Eine Sechs vor dem Komma ist in diesem Jahr Pflicht. Die IG Bau fordert 6,6 Prozent für die rund 750.000 Beschäftigten der Branche. 6,0 Prozent mehr Lohn verlangt der Marburger Bund für die 50.000 Ärzte an kommunalen Krankenhäusern. 6,5 Prozent fordern die 30.000 Beschäftigten des Energieriesen E.on.

Mit dieser Zahl zieht gerade auch eine ganze Phalanx von Gewerkschaften in die erste richtig große Tarifauseinandersetzung dieses Jahres: So viel fordern ver.di, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Gewerkschaft der Polizei und der Beamtenbund dbb für die etwa 700.000 Angestellten im öffentlichen Dienst der Länder. Ihre Verhandlungen haben in dieser Woche begonnen. Sie betreffen mittelbar weitere zwei Millionen Menschen, weil der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst meist ohne große Veränderungen auf die Beamten und Pensionäre übertragen wird.

Am Ende wird zwar keine der Gewerkschaften wirklich sechs Prozent oder mehr für ihre Klientel herausholen, aber trotzdem könnten in diesem Jahr die Löhne wieder deutlich steigen. Vorausgesetzt, aus dem jüngsten Konjunkturknick wird nicht doch noch ein neuer Absturz. Die meisten Experten erwarten, dass die deutsche Wirtschaft 2013 leicht wächst, und dann dürften die Gehälter spürbar anziehen. Denn inzwischen hat eine Trendwende eingesetzt: Die Löhne in Deutschland stagnieren nicht mehr. Die Zeit sinkender Reallöhne ist vorbei.

Es geht insgesamt um rund 12 Millionen Beschäftigte

Für einen Teil der Arbeitnehmer steht bereits fest, was ihnen 2013 bringt. Etwa für die zwei Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen. Anders als ihre Länderkollegen profitieren sie noch von einem Tarifabschluss aus dem vergangenen Jahr. Schon seit Jahresanfang erhalten sie deshalb 1,4 Prozent mehr Gehalt, und von August an kommen noch einmal 1,4 Prozent obendrauf. Auch in der Chemieindustrie gilt ein Tarifabschluss vom vergangenen Jahr fort. Er hob die Gehälter um 4,5 Prozent an. Dagegen müssen die Lohnsteigerungen im Baugewerbe, im Einzelhandel, in der Metall- und Elektroindustrie und eben im öffentlichen Dienst der Länder noch ausgehandelt werden. Es geht insgesamt um rund zwölf Millionen Beschäftigte.

Die Bedingungen der Branchen sind unterschiedlich – für die Metaller sind Deutschlands Exporterfolge entscheidend. Ihre Tarifrunde beginnt im Mai, sie hoffen darauf, dass sich die Konjunkturaussichten bis dahin noch verbessern. Die Angestellten im öffentlichen Dienst dagegen könnten davon profitieren, dass die Steuereinnahmen stark gestiegen sind und Wahlen bevorstehen. Den Arbeitern auf dem Bau wiederum hilft der boomende Wohnungsbau.

Im Schnitt über alle Branchen erwarten Konjunkturexperten, dass die Arbeitnehmer in diesem Jahr etwa so abschneiden wie in den vergangenen Jahren – was für sie eine gute Nachricht wäre. Denn seit nunmehr drei Jahren in Folge steigen die durchschnittlichen Bruttogehälter pro Jahr um rund drei Prozent. Das ergibt sich aus dem Lohnindex des Statistischen Bundesamtes. Nach Abzug der Inflation blieb ein reales Plus von 1 bis 1,5 Prozent im Jahr. Das klingt zwar nach bescheidenen Zuwächsen, stellt aber den stärksten Reallohnanstieg seit 20 Jahren dar. Selbst ein gewerkschaftsnaher Ökonom wie Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie- und Konjunkturforschung (IMK), mag da nicht klagen: »Deutschland ist bei der Lohnentwicklung jetzt auf dem richtigen Weg, auf dem müssen wir bleiben.«

Und so wie es aussieht, bleibt das Land tatsächlich auf diesem Pfad. Die Konjunkturexperten etlicher Institute – vom ifo in München, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel und auch von Horns IMK in Düsseldorf – sagen auch für dieses Jahr um etwa drei Prozent steigende Löhne voraus. Das entspräche preisbereinigt wiederum etwas mehr als einem Prozent realem Plus. Betrachtet werden dabei die tatsächlich gezahlten durchschnittlichen Stundenlöhne, die oft von den Tariflöhnen abweichen, in guten Zeiten sogar nach oben.