Zero Waste Jam Hier kommt nur Abfall rein

Zero Waste Jam soll leckerer schmecken als herkömmliche Marmelade und ganz nebenbei auch Löffel für Löffel die Welt ein wenig besser machen.

Evelina Lundquist mit einem Glas Zero Waste Jam

Evelina Lundquist mit einem Glas Zero Waste Jam

Du sollst nicht mit dem Flugzeug verreisen!«, »Du sollst kein Fleisch essen!« Als Evelina Lundquist damit beginnt, in einer Art Sprechgesang die Gebote ihrer Litanei vorzutragen, ist ihr Publikum einigermaßen irritiert. Die Schwedin rapt nicht in einer Band, sie tritt in keinem Jesus-Musical auf und hat auch nicht zu einer Selbsterfahrungssitzung geladen. Es ist ein Abend der Schweizer Veranstaltungsreihe Invest In Me, die in Wien Station macht und bei der Jungunternehmer mit Theatermachern ungewöhnliche Produktpräsentationen erarbeiten.

Evelina, blond, Sommersprossen, dem Prototyp der Skandinavierin ziemlich nahe, macht auf der minimalistischen Bühne des Brut, einem Wiener Kleinkunsttheater, potenziellen Investoren eine neue Geschäftsidee schmackhaft: Zero Waste Jam – Marmelade aus Früchten, die sonst im Abfall gelandet wären. Sie werde natürlich, gesund, nahe beim Konsumenten und möglichst ohne den Verbrauch zusätzlicher Ressourcen produziert.

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Im Sommer 2012 startete die Truppe rund um Evelina ihren Pilotversuch. 2013 will das Social-Franchise-Unternehmen den regulären Geschäftsbetrieb aufnehmen: mit anfangs zehn Partnern in und um Wien.

Bei der Fair Fair im Juli, der Bio-Messe im Wiener Museumsquartier, gingen die ersten selbst produzierten Leckereien über den Ladentisch: Konfitüre, Marmelade, Kompott. Dazu ein paar Flaschen Rhabarbersirup. Hergestellt aus gespendeten Überschüssen der Arche Noah, einer Biogärtnerei bei Langenlois in Niederösterreich. Rund sechzig Kilo Obst kochten Evelina und ihre vier Geschäftspartner in der eigenen Küche ein und füllten sie in gebrauchte Einmachgläser, die sie davor im Backrohr bei 150 Grad sterilisiert hatten. Alles nach Großmutters Rezept: ohne Zusatzstoffe und allein auf Basis bereits vorhandener Ressourcen.

»Das englische Wort waste hat eine Doppelbedeutung«, erklärt Evelina, »es meint einerseits Abfall, andererseits Verschwendung, also die Schattenseiten unserer Konsumgesellschaft. Genau dagegen wendet sich unser Projekt.« In den Einmachgläsern mit den Etiketten aus Recyclingpapier steckt neben Fruchtfleisch und Gelierzucker auch ein Programm: Die Einkocherei will ein Zeichen setzen gegen schrankenlosen Konsum und food illiteracy, das Unwissen über Nahrungsmittel und deren Ursprung.

Mit diesem Ansatz trifft das Produkt das Lebensgefühl jener Menschen, die sich vor den Regalen der Supermärkte fragen, wie gesunde Ernährung, Umweltverträglichkeit, fairer Handel und Preisbewusstsein in ein Einkaufssackerl passen sollen. So erklärt sich, dass die Testgläser trotz des saftigen Verkaufspreises von 1,80 Euro für hundert Gramm Marmelade innerhalb von zwei Tagen ausverkauft waren.

Ein Lastenfahrrad soll für den Transport genügen

Das Geschäftsmodell von Zero Waste Jam ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint: Als Social-Franchise-Unternehmen geht es darum, die Lizenz für Produktion und Handel mit der Feinkost gegen Gebühr an Franchise-Nehmer abzutreten. Ähnlich wie bei Fast-Food-Ketten also – nur mit einem wesentlichen Unterschied. »Uns geht es nicht um Profitmaximierung, sondern darum, eine Reihe von sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemen zu lösen«, erklärt Evelina.

Wo Gewinne anfallen, bleiben diese im Unternehmen, um Produktionsabläufe zu optimieren oder die Idee weiter zu verbreiten. Vom Frühling 2013 an wollen Evelina und Betriebswirt Michael Bauer-Leeb, Evelinas Geschäftspartner, zunächst im Raum Wien mit der Ausbildung von Franchise-Nehmern beginnen. Interessierte gebe es mehr als genug. »Wir sind mit einer österreichischen und einer Schweizer Bank in Verhandlungen, die Zero Waste Jam gerne im großen Rahmen beziehen würden. Die eine möchte die Konfitüre als Weihnachtsgeschenk für Kunden, die andere in der Kantine anbieten«, sagt Evelina.

Wie erfolgreich das Geschäft sein wird, lässt sich schwer abschätzen. Einfach sei das Fußfassen in der Branche nicht, warnt Marmelade-König Martin Staud, Chef der gleichnamigen Wiener Konfitürenmanufaktur, der Zero Waste Jam vom kommenden Frühling an als Berater zur Seite stehen will. »Derzeit ist nicht die Beseitigung des Überflusses ein Problem«, erklärt der 1948 geborene Feinkost-Veteran, »sondern es ist schwierig, überhaupt an die Rohstoffe für die Produkte zu gelangen.«

Staud spielt natürlich in einer anderen Liga als die Jungunternehmer mit ihrer ultralokalen Geschäftsidee. Und so lässt man sich von derlei Bedenken nicht entmutigen. Ist doch Zero Waste Jam in ihrem Modell nicht von dem Auf und Ab auf dem Lebensmittelmarkt abhängig. Ihre Rohstoffe sollen aus Kleingärten, Parkanlagen und zweitklassiger Ware aus der Landwirtschaft kommen. Die Herstellung erfolgt möglichst nahe bei Produzenten und Endverbrauchern, damit keine aufwendigen Transporte anfallen. Idealerweise genügt ein Lastenfahrrad.

Vieles ist allerdings noch in Schwebe bei Zero Waste Jam: Business-Pläne wollen optimiert werden, die richtigen Kontakte geschlossen und Philanthropen gefunden werden, die bereit sind, Geld in das Projekt zu investieren. An unkonventionellen Ideen und Präsentationstalent fehlt es jedenfalls nicht. Nach der Präsentations-Performance im Brut sammeln sich neugierige Zuhörer um Evelina. »Das Problem ist nicht, dass wir die Umweltprobleme nicht kennen würden«, erklärt sie. Das Wissen darüber werde lediglich beiseitegeschoben. »Wir müssen anders denken lernen, außerhalb der Box. Ja, wir sollten weniger Fleisch essen und Güter konsumieren, die nicht um die halbe Welt gereist sind.« Das bedeute aber keine Einschränkung, man müsse nur das besser nutzen, »was ohnehin da ist«. Eben ohne Abfall leben.

 
Leser-Kommentare
    • Atan
    • 03.02.2013 um 7:40 Uhr

    in Deutschland und Österreich überwiegend Importartikel, während bei Getreide, Milch, Fleisch und Kartoffeln praktisch Selbstversorgung möglich ist. Die Verwendung des vermeintlich "überflüssigen" Obstes ist dabei nicht unproblematisch: gerade wenn es z.B. aus unbewirtschafteten Streuobstwiesen stammt, also kein Plantagenobst ist, führt der Austrag dieser biologischen Substanz zur schnelleren Zerstörung dieser wertvollen Biotope, denn Streuobstanlagen sind eigentlich sehr pflegeintensiv und auf ständigen Humuseintrag angewiesen.

    Gut möglich, dass obige Idee schlicht eine Steigerung von Verschwendung und Umweltzerstörung darstellt.

  1. Bis auf den Hinweis mit dem grenzwertigen Geschmack teile ich Ihren Kommentar. Diese Form der Vermarktung ist nicht die Lösung und völlig vom falschen Ende her gedacht. Da wird ein Problem nur isoliert betrachtet.

    Marmelade besteht nicht nur aus Obst und gut ist. Wie schon beschrieben wurde, muss das Obst erst - hier aufwändiger - gesäubert werden, dabei muss gesichert bleiben, dass nicht schon Verdorbenes in die Konfitüre gelangt! Man mag manch Regel im Lebensrecht übertrieben halten, aber Schimmelsporen haben nichts auf dem Frühstücksbrötchen verloren!

    Dann braucht es Zucker, Honig, etc. und die Gläser müssen, wenn sie auch "waste" sein sollen, gründlich gespült und darauf überprüft werden, ob sie überhaupt noch dicht sind. Bei wirklich selbst gemachter, selbst verzehrter Marmelade kommt es nicht darauf an, wenn mal ein Glas schlecht wird aus den o.g. Gründen - aber als Businessmodell?

    Das Problem mit der Logistik wird auch nicht gelöst. Knapp am Verderb befindliche Ware muss schnell transportiert werden, damit häufig! (Bei Beerenobst reden wir von Stunden!) Es muss viel hin und her transportiert werden, was dem eigentlichen Kern der Idee zuwider läuft, denn der ist ja vorrangig nicht Müll zu reduzieren, sondern etwas für die Umwelt zu tun. Oder was würde es nützen, den Müll auf Krümel reduziert zu haben, wenn die Ökobilanz, das zu bewerkstelligen, eine Katastrophe wird.

    Besser, man baut das Tafelkonzept und Nachbarpflücken aus und setzt auf Bewusstseinswandel MHD.

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    Hinzu kommt noch der nicht zu verachtende Energieaufwand es zu kochen...

    Hinzu kommt noch der nicht zu verachtende Energieaufwand es zu kochen...

  2. Hinzu kommt noch der nicht zu verachtende Energieaufwand es zu kochen...

    Antwort auf "Falsches Ende"
  3. "Beschädigtes Obst und Gemüse enden bei der Tafel, ebenso wie Privatspenden aus überladenen privaten Gärten. Das ist gut so. Eine zwischengelagerte "Verfeinerung" raubt der Tafel Ressourcen."

    Was soll an einer Tafel gut sein? Es gibt Kritiker, die nicht ganz zu unrecht monieren, dass die Tafeln inzwischen einen Stand erreicht haben, wo Armut auch zementiert wird. Man kann sich als Armer auf die Tafel verlassen und sieht keinen Grund, etwas an seiner Armut zu ändern.

    Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Tafeln haben durchaus ihre Berechtigung. Aber inzwischen haben Sie einen Stand erreicht, wo ich mir nicht mehr so sicher bin, dass das den Armen wirklich hilft.

    Ich kann nichts falsches daran erkennen, wenn Menschen bestrebt sind, ihren Abfall auf ein Minimum zu reduzieren und Nahrungsmittel soweit wie möglich verwerten können. Wenn dann weniger für die Tafeln abfällt, sehe ich dies nicht als Problem. Die Tafeln sind ja auch Ausruck unser inzwischen pervertierten Überflussgesellschaft. Oder finden Sie es gut, dass Bäckereien in Supermärkten geradezu genötigt werden, Überschüsse zu produzieren, um auch um 21:59 Uhr noch ein volles Sortiment bieten zu können, wenn um 22.00 Uhr Ladenschluss ist?

    3 Leser-Empfehlungen
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    "Man kann sich als Armer auf die Tafel verlassen und sieht keinen Grund, etwas an seiner Armut zu ändern."

    Wie soll denn eine 70-jaehrige mit Minimalrente etwas an ihrer Armut veraendern? Die alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern und Mini-Job, die sonst niemand einstellt?
    Als ob die Leute es gut finden, arm zu sein!

    "Man kann sich als Armer auf die Tafel verlassen und sieht keinen Grund, etwas an seiner Armut zu ändern."

    Wie soll denn eine 70-jaehrige mit Minimalrente etwas an ihrer Armut veraendern? Die alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern und Mini-Job, die sonst niemand einstellt?
    Als ob die Leute es gut finden, arm zu sein!

    • Varech
    • 03.02.2013 um 9:28 Uhr

    ... meine ich, sollte man bei Marmelade, die man ehrlicherweise verkaufen möchte, nicht versuchen.
    Wiederverwendete Gläser gehen ja noch an, aber bei stinkigen Deckeln hört es schon auf. Gar nicht zu reden von Früchten aus Kleingärten und sonst so angegammeltem Zeugs. Vorschriften für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Kleingärten (immer vorausgesetzt, sie würden dort sa

    • Nest
    • 03.02.2013 um 9:32 Uhr

    Eine Frau kocht überschüssiges Obst ein und verkauft es als Marmelade.
    Weil dabei kein Abfall entsteht, gründet sie mit der revolutionären Idee ein Franchise-Unternehmen, welches die Welt retten wird.
    Banker kaufen die Marmelade.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Varech
    • 03.02.2013 um 9:36 Uhr

    ... sachgerecht angewendet) sind andere als im professionellen Anbau.
    Überreife Früchte mit ausgeschnittenen matschigen Stellen zum Gelieren zu bringen, ist reine Materialverschwendung. Den Läden eine gleichbleibende Qualität anzubieten, abgesehen vom ächten Öko-Etikett, dürfte eine Unmöglichkeit sein.
    All das werden die jungen Leute sicher selber bald bemerken.

  4. 16. Armut

    "Man kann sich als Armer auf die Tafel verlassen und sieht keinen Grund, etwas an seiner Armut zu ändern."

    Wie soll denn eine 70-jaehrige mit Minimalrente etwas an ihrer Armut veraendern? Die alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern und Mini-Job, die sonst niemand einstellt?
    Als ob die Leute es gut finden, arm zu sein!

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