DIE ZEIT: Herr Largo, Sie haben lange in der Kinderheilkunde praktiziert und geforscht. Wie oft sind Ihnen Patienten begegnet, die an ADHS, also an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, litten?

Remo Largo: Zu uns in die Zürcher Universitätsklinik kamen häufig verhaltensauffällige Kinder. Mit dem Begriff ADHS sind wir allerdings vorsichtig umgegangen. Fakt ist: Es gibt Kinder, die aufwendig zu erziehen sind. Sie brauchen viel Bewegung und lassen sich leicht ablenken. Ernsthaft krank sind aber die wenigsten von ihnen.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Largo: Es gibt einen objektiv nachweisbaren Effekt: Bei manchen Kindern wirkt Ritalin unglaublich stark. Eine halbe Stunde nach der Einnahme sind sie viel ruhiger. Vermutlich ist ihr Neurotransmitter-Haushalt im Gehirn gestört und wird durch das Medikament ausgeglichen. Allerdings gilt das meines Erachtens für weniger als ein Prozent der Kinder. Ich bestreite, dass Ritalin bei allen ADHS-diagnostizierten Kindern diesen Effekt hat.

ZEIT: Dennoch haben – dem aktuellen Arztreport der Barmer Ersatzkassen zufolge – die ADHS-Diagnosen stark zugenommen, um 42 Prozent in fünf Jahren. 2011 wurde rund 620.000 Kindern und Jugendlichen ADHS bescheinigt.

Largo: Die Diagnose ist ein großes Problem. Um wirklich herauszufinden, weshalb ein Kind verhaltensauffällig ist, braucht es eine mindestens vierstündige Abklärung von Motorik, Sprache, Sozialverhalten und Kognition. Dieser Aufwand wird selten betrieben, meist wird nur ein Fragebogen ausgefüllt oder ein kurzes Gespräch geführt.

ZEIT: Ist das der Grund für die Zunahme der Fälle?

Largo: Es ist ein Faktor. Ein weiterer sind die Kriterien, die für ADHS angelegt werden: Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsmangel. Was ist denn Hyperaktivität? Wann ist der Bewegungsdrang eines Kindes nicht mehr normal? Kinder müssen sich bewegen wie alle Jungtiere auch, damit sie sich normal entwickeln können. Deswegen nimmt die motorische Aktivität in den ersten Lebensjahren sehr stark zu, wobei es zwischen einzelnen Kindern große Unterschiede geben kann. Die aktivsten, vor allem Jungen, bewegen sich dreimal mehr als die am wenigsten aktiven. Am höchsten ist der Bewegungsdrang insgesamt zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr.

ZEIT: Das ist gerade der Zeitraum, in dem sich ein Kind heute auf die Schule konzentrieren soll und womöglich den Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schule schaffen muss.

Largo: Genau da liegt das Problem: Wir zwingen die Kinder, die sich aus verhaltensbiologischen Gründen bewegen müssen, dazu, 45 Minuten am Stück still zu sitzen. Kein Pädagoge konnte mir bislang eine Erklärung dafür liefern, weshalb eine Schulstunde von 45 Minuten pädagogisch sinnvoll sei. Theologen sagten mir, diese Dauer sei aus der mittelalterlichen Klosterschule in die Volksschule übernommen worden.