Wer Anfang des vergangenen Jahres 10.000 Euro in Aktien großer deutscher Konzerne angelegt hatte, der war an Silvester um rund 3.000 Euro reicher geworden. In kaum einer anderen Vermögensklasse war die Rendite so hoch wie bei den 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax). Eine der wenigen Geldanlagen, die sich noch besser entwickelten, waren mittelgroße Unternehmen, die an der deutschen Börse notiert sind, Firmen wie Sky, Gagfah, Dürr, Kuka, Continental und Lanxess. Der Börsenindex M-Dax umfasst 50 von ihnen, er stand am Jahresende um 35 Prozent höher als zwölf Monate zuvor.

Der Kauf von Anteilen an deutschen Unternehmen war im weltweiten Vergleich eine der rentabelsten Geldanlagen, die man wählen konnte. Doch nur eine Minderheit der Bundesbürger, die sparen und vorsorgen, hatte daran Anteil.

Das ist schon merkwürdig: In einer der größten und am höchsten entwickelten Volkswirtschaften der Welt sind selbst gut situierte und wohlhabende Bürger nur geringfügig am Produktivvermögen beteiligt.

"Deutschland hat mit die besten Unternehmen der Welt, aber praktisch keine Aktienanleger", wunderte sich jüngst Hasan Tevfik vom US-Finanzkonzern Citigroup in der FAZ. Der Fondsunternehmer Christoph Bruns nennt die Aktienabstinenz einen "deutschen Sonderweg" und sagt: "Volkswirtschaftlich liegt eine enorme Vermögensfehlallokation vor." Das Geld ist nicht dort, wo es am produktivsten wäre.

Auf Girokonten und in Bardepots liegt viermal so viel Geld wie in Aktien

Zwar gibt es in Deutschland derzeit zehn Millionen Menschen, die direkt oder über Fonds Aktien besitzen, und ihre Zahl ist nach einem Tiefstand vor Jahren auch wieder etwas angestiegen – sie haben aber nur einen kleinen Anteil ihres Geldes in Aktien angelegt. Das Geldvermögen der privaten Haushalte beträgt laut Bundesbank 4,9 Billionen Euro. In Aktien lagen 250 Milliarden Euro, also rund fünf Prozent. Hinzu kommen Anteile an Investmentfonds, aber auch dort entfällt von 415 Milliarden Euro wohl nur etwa ein Drittel auf Aktienanlagen.

Bei den Sparern sind Festgeldkonten viel beliebter als Dividendentitel, auch wenn der Wert des Geldes auf der Bank wegen der Inflation dahinschmilzt. Auf Girokonten, die gar keine Zinsen bringen, und in bar horten die Menschen heute viermal so viel Geld, wie sie in börsennotierten Unternehmen angelegt haben.

Das Sicherheitsbedürfnis vieler Sparer ist groß. Der wichtigste Posten im Privatvermögen der Bundesbürger sind daher neben den Eigenheimen die Lebens- und Rentenversicherungen. Deutsche Sparer haben die schwer vorstellbare Summe von eineinhalb Billionen Euro der Assekuranz anvertraut in der Hoffnung, dass die das Geld sicher und rentierlich investiert. Aber auch die Anlageprofis der Versicherungsbranche machen um Aktien einen großen Bogen. Im Durchschnitt hatten sie Ende 2011 nur 2,9 Prozent des Kapitals in solche Unternehmensanteile investiert. Als eine gute Versicherung galt in den vergangenen Jahren diejenige, die ihr Engagement auf dem Aktienmarkt zurückgefahren hatte – und so die jüngste Börsenrallye verpasste.

Das Ergebnis ist, dass heute mehr als 80 Prozent der Kundengelder der Versicherungen in Anleihen gebunkert sind. Es handelt sich um die riesige Summe von 1.000 Milliarden Euro, die zum allergrößten Teil in Staatspapieren festliegen. Viele dieser Papiere werfen so gut wie keine Zinsen ab, bei anderen muss man sich Sorgen um die Rückzahlung machen.

Während die Zahl der Versicherungsverträge die der Bundesbürger übersteigt, hat nur jeder fünfte Sparer Aktien oder Fondsanteile, wie das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte. Kaum einer der Aktienabstinenzler hat vor, daran etwas zu ändern.