GeldanlageGeh mir weg mit Aktien!

Die deutsche Börse ist auf Rekordkurs, aber die meisten Geldanleger hierzulande haben nichts davon. von 

Wer Anfang des vergangenen Jahres 10.000 Euro in Aktien großer deutscher Konzerne angelegt hatte, der war an Silvester um rund 3.000 Euro reicher geworden. In kaum einer anderen Vermögensklasse war die Rendite so hoch wie bei den 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax). Eine der wenigen Geldanlagen, die sich noch besser entwickelten, waren mittelgroße Unternehmen, die an der deutschen Börse notiert sind, Firmen wie Sky, Gagfah, Dürr, Kuka, Continental und Lanxess. Der Börsenindex M-Dax umfasst 50 von ihnen, er stand am Jahresende um 35 Prozent höher als zwölf Monate zuvor.

Der Kauf von Anteilen an deutschen Unternehmen war im weltweiten Vergleich eine der rentabelsten Geldanlagen, die man wählen konnte. Doch nur eine Minderheit der Bundesbürger, die sparen und vorsorgen, hatte daran Anteil.

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Das ist schon merkwürdig: In einer der größten und am höchsten entwickelten Volkswirtschaften der Welt sind selbst gut situierte und wohlhabende Bürger nur geringfügig am Produktivvermögen beteiligt.

Die Idee mit der Volksaktie: Volkswagen

1960 wurde der VW-Konzern teilprivatisiert und an die Börse gebracht. 60 Prozent der Stammaktien gingen an Kleinaktionäre. Der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard wollte mit »Volksaktien« Sparer zu Miteigentümern machen.

Telekom

Die Telefonsparte der Bundespost kam 1996 an die Börse, Vorstandschef war Ron Sommer. Der Kurs der Aktie versiebenfachte sich, dann stürzte er ab. Später wurden weitere Aktien an Kleinanleger verkauft – zu hohen Kursen.

"Deutschland hat mit die besten Unternehmen der Welt, aber praktisch keine Aktienanleger", wunderte sich jüngst Hasan Tevfik vom US-Finanzkonzern Citigroup in der FAZ. Der Fondsunternehmer Christoph Bruns nennt die Aktienabstinenz einen "deutschen Sonderweg" und sagt: "Volkswirtschaftlich liegt eine enorme Vermögensfehlallokation vor." Das Geld ist nicht dort, wo es am produktivsten wäre.

Auf Girokonten und in Bardepots liegt viermal so viel Geld wie in Aktien

Zwar gibt es in Deutschland derzeit zehn Millionen Menschen, die direkt oder über Fonds Aktien besitzen, und ihre Zahl ist nach einem Tiefstand vor Jahren auch wieder etwas angestiegen – sie haben aber nur einen kleinen Anteil ihres Geldes in Aktien angelegt. Das Geldvermögen der privaten Haushalte beträgt laut Bundesbank 4,9 Billionen Euro. In Aktien lagen 250 Milliarden Euro, also rund fünf Prozent. Hinzu kommen Anteile an Investmentfonds, aber auch dort entfällt von 415 Milliarden Euro wohl nur etwa ein Drittel auf Aktienanlagen.

Bei den Sparern sind Festgeldkonten viel beliebter als Dividendentitel, auch wenn der Wert des Geldes auf der Bank wegen der Inflation dahinschmilzt. Auf Girokonten, die gar keine Zinsen bringen, und in bar horten die Menschen heute viermal so viel Geld, wie sie in börsennotierten Unternehmen angelegt haben.

Das Sicherheitsbedürfnis vieler Sparer ist groß. Der wichtigste Posten im Privatvermögen der Bundesbürger sind daher neben den Eigenheimen die Lebens- und Rentenversicherungen. Deutsche Sparer haben die schwer vorstellbare Summe von eineinhalb Billionen Euro der Assekuranz anvertraut in der Hoffnung, dass die das Geld sicher und rentierlich investiert. Aber auch die Anlageprofis der Versicherungsbranche machen um Aktien einen großen Bogen. Im Durchschnitt hatten sie Ende 2011 nur 2,9 Prozent des Kapitals in solche Unternehmensanteile investiert. Als eine gute Versicherung galt in den vergangenen Jahren diejenige, die ihr Engagement auf dem Aktienmarkt zurückgefahren hatte – und so die jüngste Börsenrallye verpasste.

Das Ergebnis ist, dass heute mehr als 80 Prozent der Kundengelder der Versicherungen in Anleihen gebunkert sind. Es handelt sich um die riesige Summe von 1.000 Milliarden Euro, die zum allergrößten Teil in Staatspapieren festliegen. Viele dieser Papiere werfen so gut wie keine Zinsen ab, bei anderen muss man sich Sorgen um die Rückzahlung machen.

Während die Zahl der Versicherungsverträge die der Bundesbürger übersteigt, hat nur jeder fünfte Sparer Aktien oder Fondsanteile, wie das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte. Kaum einer der Aktienabstinenzler hat vor, daran etwas zu ändern.

Leserkommentare
  1. Der Dax bewegt sich mittelfristig auf neue Rekordmarken zu. Doch auf dem Weg dorthin drohen im Raubeinkapitalismus immer wieder Rückschläge. Auf der Makroebene beherrscht kurzfristig die Psychologie, geprägt von Ängsten, die Fundamentals aus der Geld- und Wirtschaftspolitik. Noch sorgen Unsicherheiten aus den Nachwehen der Finanzkrise für Rückschläge. Immobilien werden zum Teil als sicherer Hafen vorgezogen. Erst, wenn sich die Wirtschaftsentwicklung mit kräftigeren Zuwächsen auf mittelfristiger Sicht durchsetzt, ist der Weg für die Dax-Rekordmarken aus den Jahren 2000 und 2007 von leicht über 8000 Punkten nominal bis weit über 10000 frei. Ich sage nominal, weil der Dax ein Performanceindex ist. Im Gegensatz zu den meisten großen Weltindices (Dow Jones, S&P etc.) werden dem Dax die Dividenden jährlich rechnerisch zugeschlagen. Rechnet man diese seit dem Rekord aus den Jahren 2000 und folgende heraus, steht der Dax derzeit gerade mal bei ca. 5500 Punkten (aktuell nominal um 7700 herum). Mittelfristig gibt es folglich reichlich Luft nach oben, sobald das Weltgeschehen nicht mehr durch negative Nachrichten stetig die psychologische Angstbremse zieht.Wolfgang Werkmeister,Buchautor,Eschborn

    • Infamia
    • 17. Februar 2013 9:24 Uhr

    Ich kann verstehen, dass sich immer mehr Bürger von Aktien abwenden. Denn die alten Wahrheiten von gestern gelten nicht mehr: Kaufen, liegenlassen und irgendwann verkaufen war gestern. Mein Aktiendepot ist ein einziges Desaster und der einzige Grund, dass ich es noch habe ist, dass ich das Geld jetzt nicht brauche. Und ich habe nicht in hochrisikante Papiere angelegt, sondern in solide DAX-Titel.

    Der Kleinanleger hat heute kaum noch eine Chance auf ordentliche Rendite. Kurse werden kurzfristig nach oben gezogen (meist nach Empfehlungen von institutionellen Anlegern) und dann fallen sie oft ins Bodenlose (da sind die institutionellen Anleger schon längst draußen). Ich beobachte oft, wie institutionelle Anleger einzelne Titel empfehlen, die dann tatsächlich steigen, um dann umso tiefer zu fallen. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

    Der Kleinanleger ist der, der heute im Markt kaum noch eine Chance hat. Er dient allenfalls als Melkuh der institutionellen Anleger.

    Mir fehlt das Know-How und die Zeit, mich mit Aktien zu beschäftigen und so geht es den meisten. Und das macht Aktien heute zu einem hochriskanten Geschäft für Kleinanleger. Hätte ich mein Geld aufs Sparbuch gelegt, wäre es noch da, wenn auch inflationär bereinigt etwas weniger Wert als noch vor 15 Jahren. So hat sich der Wert fast halbiert. Und da wollen mir Experten raten, ich solle mehr in Aktien investieren? Das höre ich schon seit 15 Jahren und jedesmal dachte ich, tiefer geht nimmer und es fiel tiefer.

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    Ich kann Infamnia nur zustimmen. Mir geht's ganz ähnlich.

    Das hat aber nichts mit fehlenden Knowhow zu tun. Eher damit, dass heute Kurse wild manipuliert werden. Selbst bei großen Titeln ist man davor nicht gefeit.

    Die Börse ist zur reinen Zocker-Bude geworden, die von einer gewaltigen Liquiditätsschwämme getrieben ist.

    Wenn die Banken sich dann verzockt haben, werden sie mit frischen Spielgeld ausgestattet.

    Das kann ich leider von mir nicht sagen. Mein Depot hat sich in den letzten 4 Jahre auch halbiert.

    Die Negativ-Bilanz betrifft auch einige ganz biedere Fonds, die ich habe. Die haben in den letzten 4 Jahren nicht in den positiven Bereich gedreht.

    Mich hat aber keiner mit frischem Spielgeld ausgestattet. Deshalb habe ich alle Aktivitäten in diesem Bereich vor 4 Jahren eingestellt.

    Ab und zu schaue ich mal ins Depot und mach es schnell wieder zu, bevor ich mich ärgere.

    Und wenn ich mir heute was schönes gekauft habe, oder einen schönen Urlaub gemacht habe, freu ich mich um so mehr darüber, dieses Geld nicht an der Börse verspielt zu haben.

    Wer sich mal die Aktionärsstruktur der DAX-Werte ansieht, wird feststellen, dass Blackrock Inc. fast überall dabei ist… http://de.wikipedia.org/wiki/BlackRock

  2. Für Aktien braucht man als allererstes Geld das man nicht für andere Dinge braucht und dann viel Zeit.

    Die wenigsten haben beides.

    Und mit den ständigen Reallohnverlusten, wird es nicht besser werden in Deutschland.

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  3. Marc Faber: Börsencrash von 1987 wieder möglich

    http://goo.gl/pG83o

  4. von den großen Institutionellen anlegern um ihr hart erarbeitetes Geld gebracht zu werden. Viele haben einfach nicht das nötige Wissen, um sich am Aktienmarkt einzudecken. Wenn dann auch noch Marktteilnehmer mit wesentlich mehr Marktwissen auftreten und diese kleinen Anleger dazu nutzen ihren Gewinn zu maximieren, machen die meisten den "Fehler" in Aktien zu investieren nur einmal in ihrem leben.

    Warum gibt es eigentlich jetzt nachdem der DAX sich seit 2008 verdoppelt hat und meiner Meinung nach wieder mal an seine natürliche Grenze stößt, so viele Rufe von Institutionellen in Aktien zu gehen. Warum kamen diese Rufe nicht 2008 als der Aktienmarkt am Boden war?

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    • Infamia
    • 17. Februar 2013 9:41 Uhr

    "Warum gibt es eigentlich jetzt nachdem der DAX sich seit 2008 verdoppelt hat und meiner Meinung nach wieder mal an seine natürliche Grenze stößt, so viele Rufe von Institutionellen in Aktien zu gehen. Warum kamen diese Rufe nicht 2008 als der Aktienmarkt am Boden war?"

    Genau dieses Phänomen beobachte ich schon seit Jahren. Immer dann, wenn die Aktienstände hoch sind, krähen die institutionellen Anleger, der Deutsche möge doch bitte mehr in Aktien investieren. Das ist lediglich der Versuch, die ohnehin schon ausgereizten Kurse noch etwas nach oben zu ziehen, um sie dann krachend ins Bodenlose fallen zu lassen. Und der Kleinanleger schaut dann wieder in die Röhre und die institutionellen Anleger haben wieder neue Einstiegskurse. Ne, ne, Holzauge sei wachsam. Immer, wenn der Ruf nach Aktien lauter wird, sollte man Vorsicht walten lassen.

    • Infamia
    • 17. Februar 2013 9:41 Uhr

    "Warum gibt es eigentlich jetzt nachdem der DAX sich seit 2008 verdoppelt hat und meiner Meinung nach wieder mal an seine natürliche Grenze stößt, so viele Rufe von Institutionellen in Aktien zu gehen. Warum kamen diese Rufe nicht 2008 als der Aktienmarkt am Boden war?"

    Genau dieses Phänomen beobachte ich schon seit Jahren. Immer dann, wenn die Aktienstände hoch sind, krähen die institutionellen Anleger, der Deutsche möge doch bitte mehr in Aktien investieren. Das ist lediglich der Versuch, die ohnehin schon ausgereizten Kurse noch etwas nach oben zu ziehen, um sie dann krachend ins Bodenlose fallen zu lassen. Und der Kleinanleger schaut dann wieder in die Röhre und die institutionellen Anleger haben wieder neue Einstiegskurse. Ne, ne, Holzauge sei wachsam. Immer, wenn der Ruf nach Aktien lauter wird, sollte man Vorsicht walten lassen.

    19 Leserempfehlungen
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    Irgend wann möchten auch die institutionellen Anleger "Kasse" machen.
    Da kommt der Ruf für die Allgemeinheit, zum Einstieg in Aktien, gerade recht.

    ... die ERWIRTSCHAFTETEN Überschüsse anteilmäßig verteilt würden - her mit den Papierschnipseln!
    Da aber in der anglo-amerikanischen Wettgesellschaft diese Papierschnipsel nach dem Motto "Wetten, dass ich noch einen Dümmeren finde, der mehr zahlt, als ich es getan habe" verhackstückt werden, da sozusagen die Pflaumenernte des übernächsten Jahres "verkauft" wird, da damit die Börse in meinen Augen die legalisierte Form von Betrug ist, habe ich nur einmal gezockt, um es mir zu beweisen: Als die T-Aktie seinerzeit mal bei knapp 8irgendwas stand, habe ich ein paar davon gekauft, mit dem Gedanken "tiefer geht's nimmer", als ich sie endlich hatte, musste ich schon 9wasknappdrüber zahlen - verkauft habe ich sie dann einige Zeit später bei 15undeinbisschen. Wie gesagt, das war mein Experiment, ansonsten halte ich mich fern von dieser Art Glücksspielen.

    Von Mitte November 2012 bis jetzt wurden von der FAZ mindestens sechs Artikel und von der WELT sogar 15(!) Artikel veröffentlicht, die dem Kleinanleger auch jetzt noch zu einem Investment in Aktien raten...

  5. Ich glaube zu der angesprochenen Angst kommt noch eine Portion Unwissenheit dazu. Wieviele Deutsche verwalten ihr Depot selbst? Wahrscheinlich nur wenige, der Rest ist auf die gutgemeinten Ratschläge der Damen und Herren der Hausbank angewiesen. Doch die preisen lieber ihre hochinnovativen Finanzprodukte an.

    3 Leserempfehlungen
  6. Jedes mal, wenn die Anzahl der Artikel in den gängigen Medien, die sich mit dem Thema Aktien beschäftigen, signifikant ansteigt, bedeutete dies, dass es bald vorbei ist mit der Hausse.

    Vergeblich kann man ähnliche Artikel im Jahre 2009 und 2010 suchen, wo es durchaus Sinn gemacht hätte, kurzfristig wieder in Aktien zu investieren.

    Was in allen Beiträgen, die die Vergangenheitsperformance von Aktieninvestitionen lobpreisen fehlt, ist die Tatsache, dass beginnend mit 2012 weltweit die Generation Babyboomer in Rente geht. Da es in vielen Ländern nur noch eine rudimentäre staatliche Rentenversicherung gibt, ist die Gefahr von Kapitalabflüssen zur Altersversorgung überproportional hoch. Wer also jetzt noch in Aktien investiert, sorgt eigentlich nur noch dafür, dass die Großinvestoren mit einem blauen Auge rechtzeitig aus dem zu erwartenden Debakel aussteigen können.

    Viel Spaß dabei!

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