Altershirndruck : Die heilbare Demenz

Bei vielen Hirnerkrankungen wird die Ursache nicht erkannt: Altershirndruck. Einfache Ventile verschaffen Linderung.

Gerold B. läuft. Noch ein bisschen wackelig, aber selbstständig. Das war vor Kurzem noch anders. Am Stock ging der 75 Jahre alte Mann, konnte bestenfalls ein paar Meter tippeln, dann schienen seine Füße am Boden festzukleben. Manchmal schaffte er es nicht mehr zur Toilette und vergaß, wo er war. Keine Spaziergänge mehr, sämtliche Einkäufe musste er seiner Frau überlassen, die Wege zum Arzt legte er im Taxi zurück. Niemand konnte ihm sagen, was mit ihm los war.

Seine Arzt-Odyssee währte anderthalb Jahre. Dann endlich offenbarte eine Kernspintomografie, dass seine Hirnkammern stark vergrößert waren. In den bogenförmigen, eigentlich mandelgroßen Flüssigkeitsspeichern hatte sich Nervenwasser, sogenannter Liquor, angestaut. Auf Kartoffelgröße waren sie angeschwollen und drückten auf das umliegende Gewebe. Ein Wasserkopf, der Menschen ab 65 treffen kann und deshalb Altershirndruck genannt wird.

Diese Erkrankung ist eine Form der Demenz, die, anders als etwa die Alzheimer-Krankheit, heilbar ist. Vorausgesetzt, sie wird erkannt. Da die drei Hauptsymptome – breitbeiniger, schlurfender Gang, nachlassendes Erinnerungsvermögen und Harninkontinenz – auch auf andere Erkrankungen hindeuten können, wird der Altershirndruck jedoch sehr oft übersehen. "Jeder 80. Deutsche ist zur- zeit an Demenz erkrankt", erklärt Michael Kiefer, Neurochirurg am Universitätsklinikum des Saarlandes. Jährlich kämen 250.000 Neuerkrankungen hinzu, bei mindestens 15.000 sei vermutlich Altershirndruck die Ursache. Übertrage man Zahlen aus US-amerikanischen Pflegeheimen auf Deutschland, müsse man davon ausgehen, dass bei neun von zehn Patienten die Erkrankung nicht diagnostiziert wird. Mit schlimmen Folgen: Werden die aufgeblähten Hirnkammern nicht auf ihre normale Größe geschrumpft, zerquetschen sie das Gehirn regelrecht.

Für die Betroffenen ist ein normales Leben nicht mehr möglich, ihnen blüht das gleiche Schicksal wie anderen Demenzpatienten: das totale Vergessen. "Nicht umsonst werden in den USA mehr und mehr Zentren gegründet, die sich ausschließlich auf diese Erkrankung spezialisieren", sagt Kiefer. In Deutschland müssten die Patienten bis zu 500 Kilometer weit fahren, um an entsprechend qualifizierte Ärzte zu gelangen.

Der Berliner Gerold B. kam in die Klinik für Neurochirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB). Das Team von Ullrich Meier forscht dort an der Früherkennung des Altershirndrucks. Unter anderem zapfte man Gerold B. Nervenwasser ab. Danach konnte er schneller und sicherer gehen. Der Effekt hielt ein paar Tage an, dann tippelte Gerold B. wieder. "Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass Herrn B. mit einer Operation geholfen werden kann", erklärt Johannes Lemcke, Neurochirurg am UKB. Den Patienten wird dabei ein Ventil in die Schädeldecke eingesetzt, das überschüssigen Liquor in den Bauchraum ableitet.

Die Prozedur ist seit den sechziger Jahren bekannt, allerdings mussten die Betroffenen danach liegen, weil beim Aufstehen das Nervenwasser komplett in den Bauchraum ablief – und kein Liquor im Kopf ist genauso schädlich wie zu viel. Mittlerweile sind sogenannte Gravitationsventile auf dem Markt, die sich der Körperhaltung des Patienten anpassen.

Gerold B. wird also nicht das Bett hüten müssen. Fließt zu viel oder zu wenig Nervenwasser ab, kann der Durchfluss von außen über einen Magneten reguliert werden. Zwar können rund um das Ventil Entzündungen, Geschwulste oder Blutungen auftreten. Trotzdem zeigen mehrere Studien, dass Patienten mit Ventil einige Jahre länger und besser leben als Patienten ohne Ventil.

Verlagsangebot

Lesen Sie weiter.

Noch mehr faszinierende Wissenschaftsthemen jetzt im digitalen ZEIT WISSEN-Abo.

Hier sichern

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Diagnose: Schwierig

Es ist richtig, dass die Shunt-Operation ein Standardeingriff ist, der wahrscheinlich an jeder neurochirurgischen Klink vorgenommen werden kann. Das Problem ist nicht die Operation, sondern die Diagnose, die oft nicht gestellt wird, wie auch die Auswahl des Ventils. Bei der Operation kann es zu Komplikationen kommen, die im Artikel auch geschildert werden. Dennoch favorisieren mehrere medizinische Leitlinien diese Form der Therapie, so die Leitlinie Normaldruckhydrocephalus der Deutschen Gesellschaft für Neurologie oder die „Guidelines for management of idiopathic normal pressure hydrocephalus“ von Ishikawa u.a., da diverse Studien gezeigt haben, dass es Patienten mit Shuntsystem besser geht als ohne.

MfG, Jana Ehrhardt-Joswig

Altershirndruck

Sie haben Recht: Rein pathophysiologisch betrachtet gibt der Begriff "Altershirndruck" tatsächlich nicht die Gegebenheiten im Gehirn wieder, da der Hirndruck nicht erhöht ist. Gleichwohl hat er sich für Gespräche mit Patienten eingebürgert, da er ihnen ein intuitives Verständnis des Kernproblems und der Lösungsstrategie ihrer Erkrankung ermöglicht. Er ist für sie fassbarer als der „idiopathische Normaldruckhydrocephalus“. Ich halte es daher für vertretbar, ihn in einem nicht-fachmedizinischem Medium zu gebrauchen.

Jana Ehrhardt-Joswig

Heilbar?

Können wir uns auf die Aussage einigen, dass die Symptome mittels einer Operation radikal gelindert werden können? Eine regelmäßige Lumbalpunktion erscheint mir schwierig.Sie schreiben ja selbst: Die Patienten lassen sie ein erstes und ein letztes Mal über sich ergehen. Die Prozedur ist nicht nur unangenehm, sondern mit einem hohen Infektionsrisiko verbunden. Zudem hält der Effekt, dass sich das Gangbild bessert, nur ein paar Tage an. Eine Punktion im Abstand von sechs Monaten würde nicht wirklich helfen.

Jana Ehrhardt-Joswig

mangelhaft

Dieser Artikel hat mich schon in der gedruckten ZEIT unglaublich aufgeregt. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit der konstruktiven Kritik.

Erstens habe ich - nach Erfahrungen an zwei verschiedenen neurologischen Unikliniken - noch nie das Wort Altershirndruck gehört. Wie #1 richtig anmerkt, handelt es sich um einen sogenannten Normaldruckhydrocephalus (NPH). Was soll Altershirndruck auch sein? Der Druck ist ja eben _nicht_ erhöht (NORMALdruck...).

Zweitens gibt es nur wenig neurologische Krankheitsbilder, die mit einer so schön erkennbaren und relativ eindeutigen Symptomtrias - Demenz, Blasenstörung, Gangstörung - einhergehen.

Drittens sind die Unterschiede zwischen einer (kortokalen) Demenz bei Alzheimererkrankung (DAT) und einer (subkortikalen) Demenz bei NPH so gravierend, dass ich eine entsprechende Fehldiagnose schon fast als Kunstfehler bezeichnen würde. Bei DAT steht insbesondere die anterograde Gedächtnisstörung bei ansonsten weitgehend erhaltenen intellektuellen Fähigkeiten im Vordergrund, vor allem zu Beginn der Erkrankung. Subkotikale Demenzen gehen eher - und das ist bei MPH-Patienten absolut typisch - mit einer erheblichen psychomotorischen Verlangsamung und somit reduzierten Aufmerksamkeitsleistungen einher. Auch exekutive Funktionen können deutlich beeinträchtigt sein.

Viertens ist es absoluter Blödsinn, dass dieses Krankheitsbild nur von sehr wenigen Spezialisten diagnostiziert werden kann.

mangelhaft Fortsetzung

Jeder angehende Neurologe legt die Horchlöffel an, wenn ein sichtlich verlangsamter Patient erscheint, der eine Blasenentleerungsstörung (danach muss man sowieso immer fragen!!) berichtet und in kleinem Tippelschrittchen läuft. Zumal man sich auch fragt, warum der Patient erst nach 1 1/2 Jahren ein MRT bekommen hat.

In der gedruckten ZEIT möchte ich so einen unausgegorenen Quark nicht lesen! Eine Recherche hat offensichtlich nicht stattgefunden. Behauptungen werden nicht belegt (500 km weit entfernte Spezialisten, schwierig zu diagnostizieren, häufig mit Alzheimer verwechselt usw.). An die Kommentare hier werden höhere Ansprüche gestellt.

Hohe Dunkelziffer

Mag sein, dass es ein Kunstfehler ist, wenn der idiopathische Normaldruckhydrocephalus nicht diagnostiziert wird. Dieser „Kunstfehler“ kommt jedoch nicht selten vor. Experten schätzen, dass 8 bis 12 Prozent (manche sprechen gar von 10 bis 20 Prozent) der Demenzpatienten am idiopathischen Normaldruckhydrocephalus erkrankt sind. Es gibt bis heute keine epidemiologische Erhebung, die eindeutige Daten zur Häufigkeit und zur Anzahl der Neuerkrankungen liefert – womöglich liegt das daran, dass das dezentral organisierte Gesundheitswesen in Deutschland eine solche Erhebung ausgesprochen kompliziert macht. Die genannten Zahlen sind also nicht bewiesen, aber auch nicht unbewiesen, sondern beruhen auf der Meinung von Experten. Beispielhaft möchte ich auf die Arbeit von Marmarou et al verweisen: „Estimated incidence of normal pressure hydrocephalus and shunt outcome in patients residing in assisted-living and extended-care facilities“ (Neurosurg Focus 2007; 22(4)). Marmarou fand bei 9 bis 14 % der Bewohner von Pflegeeinrichtungen mit vermeintlicher Demenz Befunde, die für einen Normaldruckhydrocephalus typisch waren. Wenn wir diese Zahl nehmen, auf die Demenzerkrankungen in Deutschland übertragen und dabei ganz vorsichtig von 6 Prozent (statt von 9 %) ausgehen, kommen wir bei 250.000 neuen Demenzfällen pro Jahr auf 15.000, die dem Altershirndruck zuzurechnen und damit behandelbar wären.

Jana Ehrhardt-Joswig