KapitalismusWollen sollen

Über die eindrucksvolle Studie von Andreas Reckwitz: "Die Erfindung der Kreativität". von 

Es sind gute Zeiten für Gesellschaftskritik. Vor einiger Zeit galt sie noch als ergrauter Wiedergänger der alten Bundesrepublik, als muffiger Geselle, der ständig Wasser in den Wein kippt und allen den Spaß verdirbt. Das ist vorbei: Wer in eine Buchhandlung geht und die Augen aufmacht, kann sich vor kritischer Theorie kaum retten.

Der in Frankfurt (Oder) lehrende Kultursoziologe Andreas Reckwitz ist dafür ein gutes Beispiel. Vor Jahren hat er ein aufregendes, ziemlich extravagantes Buch über Das hybride Subjekt (Velbrück) geschrieben und fällt schon dadurch auf, dass er aus dem – oft als "systemfromm" belächelten – Theoriegebäude Niklas Luhmanns das kritische Potenzial herausmeißelt und es mit anderen Denkmustern verbindet. Reckwitz arbeitet dabei ohne utopische Deckung und metaphysischen Rückenwind. Seine Zeitdiagnosen, und daraus entsteht ihr hochtourig-kühler Sound, haben keinen Fluchtpunkt; Reckwitz schreibt nicht für eine bessere Gesellschaft und sagt auch nicht, wie es anders gehen könnte. Er staunt darüber, dass die Welt so ist, wie sie ist, obwohl sie auch ganz anders sein könnte.

Anzeige

In seinem neuen Buch staunt Reckwitz über die Karriere der "Kreativität", genauer: Er ist fasziniert davon, in welchem Tempo sie zum Leitbild und "Anforderungskatalog" der Gesellschaft aufgestiegen ist. Der Schrankenwärter, der Kinokartenabreißer, der Pommesbudenbesitzer – sie alle sollen kreativ sein, und wer es nicht schafft, dem redet man ein, er sei selbst schuld. Kreativität ist der Motor der "Spätmoderne", der Stoff heimlicher Träume und der unheimliche Traum des Kapitalismus. Oder in Reckwitz’ alpin-steiler Begrifflichkeit: Ästhetische Kreativität ist der Vergesellschaftungsmodus der Gegenwart; sie verschaltet Subjekt und System.

Die Erfindung der Kreativität heißt seine Studie, doch der gutartige Titel täuscht perfekt über den Umstand hinweg, dass Reckwitz gleich zu Anfang eine dorische Säule der bürgerlichen Kultur zum Einsturz bringt. Die Kunst, behauptet er, "ist nicht mehr das kulturell Andere der Gesellschaft", sondern deren innerster Teil. Im "desorganisierten Kapitalismus" sei der alte Widerspruch von Kunst und Ökonomie verschwunden – und das Ästhetisch-Schöpferische mit dem Unternehmerischen eine innige Verbindung eingegangen.

Das Ästhetische, so hieße das, hat sich "entgrenzt" und findet sich nun überall. Ob Dosenöffner, Handy oder der Geländewagen für das stylische City-Quartier: In der Designökonomie ist eine Ware kein standardisiertes Gebrauchsgut mehr; sie ist ein kreativ erdachtes und ästhetisch avanciertes Produkt, das vom Konsumenten mit Gefühlen aufgeladen und kreativ in den eigenen Lebensstil integriert wird. Hatte die bürgerliche Kunstreligion im Werk noch eine verborgene Wahrheit enthüllen wollen, so begnügt sich die kapitalistische Kreativitätsästhetik mit sinnfreien "Affekt-Effekten"; sie erzeugt nicht Werke, sondern Ereignisse – sie macht das Attraktive attraktiver, sie produziert Reizsequenzen, Atmosphären, Intensitäten und Gefühle. Dieser Erfindungsreichtum erklärt für Reckwitz, warum der "von Natur aus" gefühlskalte Kapitalismus so viel Anziehungskraft entfaltet: Er ist keine Kommandoveranstaltung mehr, nicht mehr Max Webers Gehäuse der Hörigkeit, sondern eine sinnlich-motivierende Verheißung: Jeder darf jederzeit in die Affekt-Welten eintreten und kreativ mitspielen. "Im Meer der sich erkaltenden Systeme der Moderne ist die Kunst ein heißer Archipel."

Wenn die ganze Gesellschaft ästhetisch erhitzt wird, oder wie Reckwitz schreibt: Wenn das "Kreativitätsdispositiv" gesiegt hat, dann verändert sich die Funktion des Künstlers. In der bürgerlichen Kultur war er der geniale Sonderling; heute ist der Künstler ein für seine Berühmtheit berühmter Star, der das Kreativitätsmuster im Herzen der Gesellschaft verankert und "am eigenen Leib" plausibel macht. Dabei verliert er zwar seinen Status als "auratische Exklusivfigur", steigt aber zum faszinierenden Ideal-Ich auf: Der Starkünstler zeigt dem müden Bürger, wie man sich als kreativer Selbstvermarkter durchschlägt, ohne dem Sozialstaat auf der Tasche zu liegen.

Leserkommentare
  1. "Eine der Anforderungen unserer Gesellschaft lautet: Sei kreativ! Der Soziologe Andreas Reckwitz nimmt diese kapitalistische Verheißung auseinander."

    Ich weiß nach dem Lesen dieses Artikels nicht so genau, was der Autor mir damit sagen will. Aber ist "Kreativität" nur eine kapitalistische Verheißung? Frage ich als ehemaliges DDR-Kind, welches dort auch kreativ war und dazu aufgefordert und darin unterstützt wurde.

    MfG
    FT

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ähnelt nämlich der Aufforderung: Sei spontan! Wer aufgefordert wird, spontan zu sein, kann nicht mehr spontan sein.

    Wer aufgefordert wird, kreativ zu sein, kann nicht mehr kreativ sein. Weil er lediglich der Aufforderung nachkommt, also dadurch mithin nicht mehr kreativ ist, sondern Ausführender des fremden Willens.

    Wer aber kreativ sein will und soll, erfüllt mustergültig seine Rolle im System. Das ist die eigentliche Aussage des Autors.

    "... Die Totalausrichtung am Kreativitätspol, schreibt Reckwitz mit einem Anflug von Verzweiflung, erlaube es, von der gesellschaftlichen Norm abzuweichen und sie gleichzeitig mustergültig zu erfüllen. Soziale Erwartung und subjektives Begehren fallen zusammen. 'Man will kreativ sein – und man soll es sein.'..."

    • cmim
    • 18. Februar 2013 12:46 Uhr

    die Kreativität sei im innersten des Menschen verortet und nicht mehr im exotisch anderen.

    der Künstler als 'Seismograph' seiner Umwelt und damit der Gegenwart findet die schöpferische Kraft in seinem Innersten.
    Eigentlich ein altes Modell.
    Ähnlich auch der Begriff des 'Flow' zu verstehen. In dem aktiven Loslösen des Künstlers während seiner schaffenden Phase, ist er immer auf sich selbst und sein allereigenstes Wesen gestellt.

    (Mihail Csikszentmihalyi)

    via ZEIT ONLINE plus App

  2. Liest sich irgendwie, als hätte sich da jemand in der Luhmannschen Theoriewelt verloren (was angesichts deren unendlichen Weiten ja vorkommen soll) und würde den Ausgang nicht finden.
    Ok, die Herleitung der "creative industries zu Leitbranchen des ästhetischen Kapitalismus" kann ich noch nachvollziehen, aber bei einer "Kreativitätsgesellschaft als unsichtbare Despotie" stehenzubleiben und zu erklären, der Warenwert hätte irgendwas mit Gebrauchswert zu tun ("weil sie auf innerste Wünsche "auftrifft"), ist wenig kreativ. Und widersprüchlich wird es, wenn plötzlich auch noch "profane Kreativität" entdeckt wird, die sich nicht in die Warenwelt hat vereinnahmen lassen, sondern "kleine Fluchten" bietet. Was ist daran so neu?
    Bleibt noch die Frage, wer sich verheddert hat: Reckwitz oder Assheuer?

    Eine Leserempfehlung
  3. Durch den Artikel selbst und sein wohl nicht kostenloses Buch entsteht ein Paradoxon. Die Verschmelzung der eigenen wissenschaftlichen Kreativität mit dem Kapitalismus. Die eigene Argumentation wird für ihn selbst ad absurdum geführt.
    Dennoch spricht er wichtige Themen an, ab wann wird künstlerisches Schaffen instrumentalisiert und dazu benutzt andere Menschen zu manipulieren, um ihnen vorzugaukeln das man mit diesem oder jenen Produkt Teil der Kunst selbst ist.
    Es erscheint schwierig hier eine Grenze zu ziehen, denn der "kalte" Kapitalismus liegt überall, er ist schließlich das System in dem wir leben. Um sich davon zu lösen müsste man schon ein Einsiedler Leben führen und seine Kreativität im Wald oder der Einöde ausleben. Aber sollte die Kunst des Einzelnen nicht allen zugute kommen?

    Nicht alle Künstler sind selbstlos und darum erscheinen monetäre Anreize als durchaus praktikabel, die Grenze ob die Kunst wegen ihrer Kreativität wegen verwirklicht wird oder wegen des schnöden Geldes, ist natürlich wie immer fließend.

    Eine Leserempfehlung
    • cmim
    • 18. Februar 2013 13:13 Uhr

    offen.
    DerBegriff der Kreativität ist ja noch ziemlich jung.
    Und grundsätzlich versteht man unter den 'Kreativen' Designer und Typen aus dieser Ecke. Künstler sind die 'Schaffenden' und schöpferisch tätigen. Mir scheint da nicht klar unterschieden und die Kunst, wohl die bildende Kunst, zu nah an die kreativen Berufe gerückt.

    via ZEIT ONLINE plus App

    Eine Leserempfehlung
  4. Mir scheint es wie KaffeeAusToGo, einer hat sich verheddert.

    Es liest sich, als ob Designer und Künstler auf eine Stufe gestellt werden. Das ist schonmal ein Punkt, der mir Bauchschmerzen bereitet. Die Arbeitsweisen und auch die Bedingungen unter denen kreative Prozesse entstehen, sind idR ziemlich unterschiedlich (was nicht heisst, dass es auch Überschneidungen gibt).
    Kreativ zu sein, bedeutet auch sich an Gegebenheiten (geschickt oder minder geschickt ;) ) anzupassen. Wieso ist das im Bezug auf das kapitalistische System ein Problem? Kreativität ist kein gehütetes Werkzeug für paradiesähnliche Ideale.

    Aber wer weiß, vielleicht habe auch ich mich verheddert ;)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hairy
    • 18. Februar 2013 13:34 Uhr

    "Es liest sich, als ob Designer und Künstler auf eine Stufe gestellt werden."

    In der neoliberalen Kulturpolitik findet genau das statt. Gesellschaftliche / sozialkritische Relevanz von Kunst wird ausgeblendet, Markterfolg wird zum Primärziel stilisiert.

    • hairy
    • 18. Februar 2013 13:23 Uhr

    "Dabei verliert er zwar seinen Status als "auratische Exklusivfigur", steigt aber zum faszinierenden Ideal-Ich auf: Der Starkünstler zeigt dem müden Bürger, wie man sich als kreativer Selbstvermarkter durchschlägt, ohne dem Sozialstaat auf der Tasche zu liegen."

    Sieht man nun in den Niederlanden: unter Rutte (hyperneoliberal) 30% Kürzung staatliche Kulturetats > Rückgang öffentlicher Kunstförderung > der Künstler wird in die Rolle des Unternehmers gedrängt, Kreativität verschiebt sich auf Marketing, und was keine Käufer findet, hat letztlich keine Daseinberechtigung. Van Gogh, derweil zum Überheld stilisiert, hat ja allenfalls seinen Bruder ein paar Bilder verkaufen können, und die gehen heute für zig Mios durch die Auktionen.

  5. Irgendwie möchte dieses Konstrukt um die kreative Verheißung nicht so recht greifen. Da wird wohl mit falschen Begrifflichkeiten hantiert.
    Und dann dieses ewig moderne, nicht altern wollende Schimpfwort Kapitalismus ...
    Um ein Lieblingswort von Mutti zu gebrauchen: der Kapitalismus ist alternativlos. Und warum ? Weil sämtliche Systeme außerhalb de sozialen Marktwirtschaft kläglich versagt haben und der menschlichen Natur zuwider laufen.
    Es müsste also heißen: Nicht kreativ, pragmatisch-innovativ sollst du sein !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "nicht altern wollende Schimpfwort Kapitalismus"

    Natürlich altert es nicht, weil es nach wie vor aktuelle im Gebrauch ist. Warum sollte etwas vergehen, was immer noch zutrifft?

    "Kapitalismus ist alternativlos"

    quod erat demonstrandum

    "Weil sämtliche Systeme außerhalb de sozialen Marktwirtschaft kläglich versagt haben"

    Sie wissen aber schon (offensichtlich nicht), dass sich das Modell der Sozialen Marktwirtschaft nicht in allen kapitalistischen Gesellschaften auf diesem Erdball wiederfindet? Ob der US-Kapitalismus >funktioniert< wäre andernweitig zu diskutieren; existieren tut er jedoch, leider Gottes.

    "und der menschlichen Natur zuwider laufen"

    Gab es einen Ausverkauf von Büchern von Hayek und Co., oder warum bringen Sie diese vollkommen schwachsinnige Behauptung hier ein?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
Service