PlagiatsaffäreAmt ohne Titel

Annette Schavan sollte gegen den Verlust ihres Doktortitels klagen – Ministerin sein kann sie aber vorerst nicht mehr von 

Als Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Doktorarbeit in die Bredouille geriet, stützte ihn die Bundeskanzlerin mit einem schönen Satz: Sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, sondern einen Verteidigungsminister ins Kabinett berufen.

Wie prekär es um Annette Schavans politische Zukunft steht, wird klar, wenn man Merkels flapsige Verteidigung nun auf ihre Vertraute anwendet: als wissenschaftliche Mitarbeiterin ungeeignet, aber als Bundesbildungsministerin top? Nein, mit der Aberkennung ihres Doktorgrades dürfte Annette Schavan als oberste politische Repräsentantin des deutschen Wissenschaftssystems nicht länger zu halten sein. Man muss ihren Rücktritt nicht fordern, man möchte es auch nicht wirklich, weil so manches am Verfahren gegen sie unstimmig scheint und weil ihre Verfehlungen denen Guttenbergs doch um einiges nachstehen. Ihr Rücktritt ergibt sich auch nicht aus Forderungen von außen oder vonseiten der Opposition, er ergibt sich als zwingende Konsequenz aus der Entscheidung der Universität Düsseldorf. Er ist, so hart das klingen mag, eine Frage der politischen Logik.

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Denn Annette Schavan ist jetzt befangen. Wie sollte sie künftig mit Autorität ihr Amt ausfüllen, wissenschaftspolitische Entscheidungen treffen oder überzeugend vor Studenten auftreten, wenn die Universität, an der sie selbst einst studierte, nun ihren Abschluss kassiert? Eine Politikerin, der nicht nur fehlerhaftes wissenschaftliches Arbeiten, sondern systematische und vorsätzliche Täuschung attestiert wird, kann nicht länger über die Bedingungen entscheiden, unter denen hierzulande Wissenschaft betrieben wird. Man möchte der Ministerin raten, gar nicht erst zu probieren, ihr Ministeramt zu retten. Es wäre nur ein äußerst trister Versuch politischer Selbstbehauptung, der am Ende doch misslingen müsste.

Man kann ihr nicht mehr helfen, ohne der Wissenschaft zu schaden

Die Opposition hat sich in den vergangenen Wochen mit Rücktrittsforderungen zurückgehalten. Weniger zurückhaltend waren Spitzenvertreter führender Wissenschaftsorganisationen, die der Düsseldorfer Universität über Wochen Sorgfalt und Sachverstand absprachen. Es fiel schwer, diese Serie massiver Interventionen nicht als koordinierte Kampagne zu begreifen. Und auch die Argumente erschienen zweifelhaft. Um die Ministerin zu entlasten, musste der Eindruck erweckt werden, als hätten früher im Fach Pädagogik mindere wissenschaftliche Standards gegolten. Solche, an denen gemessen auch Schavans Arbeitsweise bestehen konnte. Und so ist zwar nicht der Grad des Fehlverhaltens dem im Fall Guttenberg vergleichbar, wohl aber die Logik der Verteidigung: Man kann ihr nicht helfen, ohne zugleich der Wissenschaft zu schaden.

Bleibt nun zu hoffen, dass nicht Trotz oder Empörung über Schavans Verteidiger bei der harten Düsseldorfer Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Denn auch die Universität hat sich im Verlauf des Verfahrens nicht gerade souverän präsentiert. Seit die Schlüsselpassagen des belastenden Gutachtens, das der Ministerin "leitende Täuschungsabsicht" bescheinigte, zuerst in der Presse veröffentlicht wurden, waren Zweifel an der Verfahrensweise der Uni angebracht. Umso unverständlicher erscheint es, dass die Prüfer jetzt ihren folgenschweren Beschluss treffen konnten, ohne weitere Gutachter heranzuziehen. Erst damit hätte die Universität sich gegen Kritik einigermaßen gewappnet.

Es kommt nicht überraschend, dass Annette Schavan gegen die Entscheidung klagen wird. Schon ihre Äußerungen aus den letzten Wochen, ihr kämpferischer Impetus, aber auch die Einschätzung, bei den Defiziten ihrer Arbeit handele es sich allenfalls um Flüchtigkeitsfehler, haben gezeigt, dass sie es bei der jetzt getroffenen Entscheidung nicht bewenden lassen wird. Wie sollte sie auch, bedenkt man, dass sie mit der Aberkennung des Doktorgrades nun ohne jeden wissenschaftlichen Abschluss dasteht. Über den Verlust des Amtes hinaus hat die Entscheidung für Schavan beinahe existenzielle Bedeutung. Es geht für sie nicht nur um Amt und Titel, sondern um ihre berufliche Integrität.

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