Helmut Schmidt"Was soll das eigentlich?"

Über das Desaster der Hamburger Elbphilharmonie, die ungeheure Verschwendungssucht Berlins und über schöne Architektur aus den sechziger Jahren – die Architektin Louisa Hutton im Gespräch mit Helmut Schmidt, der gern Architekt geworden wäre. von  und

DIE ZEIT: Herr Schmidt, als junger Mann träumten Sie davon, Architekt und Städtebauer zu werden. Wenn Sie heute noch einmal von vorn beginnen dürften, wäre das noch immer Ihr Traum?

Helmut Schmidt: Auf jeden Fall! Ich träumte von einem Studium, am besten in München oder Wien, weil es dort eine technische Hochschule ebenso wie eine Kunstakademie gibt. Doch nach dem Abitur kam die Wehrpflicht, und nach der Wehrpflicht wurde ich nicht etwa entlassen, sondern einbehalten, insgesamt acht Jahre lang, gegen meinen Willen. Als der Krieg dann zu Ende war, war ich beinahe 27 Jahre alt und stand vor dem absoluten Nichts. Weder München noch Wien kamen infrage, und so studierte ich Volkswirtschaft, das war das billigste Studium, das es gab. Aber das, was die einem damals beibrachten, war weitgehend dummes Zeug.

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Louisa Hutton: Ich finde es interessant, dass Ihnen von Anfang an beides wichtig war, die Kunst und die Technik. Denn daran mangelt es ja heute: Sowohl in der Architektur wie im Städtebau fehlt es am Gestaltungswillen. An der Freude, technische Probleme auf eine künstlerisch inspirierte Weise zu lösen.

Schmidt: Städtebau ist ja eine Mischung aus Kunst, Ökonomie und Planung. Mein Held in den dreißiger Jahren, als ich anfing, mich für Architektur zu interessieren, war Fritz Schumacher, damals Oberbaudirektor in Hamburg. Schumacher hatte dieses Zusammenspiel verstanden. Und das war es auch, was mich an diesem Beruf reizte.

ZEIT: Was macht denn für Sie eine gute, eine schöne Stadt aus?

Schmidt: Das ist eine philosophische Frage, da müsste ich länger drüber nachdenken.

Baumeister

Dass sich der Politiker Helmut Schmidt auch brennend für Architektur und Stadtplanung interessiert, das weiß man in Hamburg spätestens, seitdem er vor ein paar Jahren einen verqueren Neubau auf dem Domplatz verhinderte – mit einem ZEIT-Artikel.

Die gebürtige Engländerin Louisa Hutton betreibt zusammen mit ihrem Mann Matthias Sauerbruch in Berlin ein sehr erfolgreiches Architekturbüro. Bekannt wurden die beiden vor allem mit farbenfrohen Gebäuden. Sie planten unter anderem das Museum Brandhorst in München, das leuchtende GSW-Hochhaus in Berlin und das Bundesumweltamt in Dessau.

ZEIT: Dann anders gefragt: Vor welchen Bausünden muss sich eine Stadt hüten?

Schmidt: Es gibt viele städtebauliche Sünden, dazu gehören sämtliche Plattenbauten in der alten DDR, dazu gehören auch die Maschinengewehr-Häuser der Neuen Heimat, hier in Hamburg im Osdorfer Born, in Steilshoop, in Mümmelmannsberg.

Hutton: Stört Sie da vor allem das Aussehen dieser Häuser? Oder stört Sie, dass es Siedlungen sind, die so wenig städtisch erscheinen und nicht dicht genug besiedelt sind?

Schmidt: Diese Häuser wurden offenkundig unter einem Spardiktat errichtet, und dieses Spardiktat ist es, das den Stil dieser Architektur bestimmt hat. Dabei hatte die Neue Heimat besser angefangen. Meine Frau und ich zogen 1954 nach Othmarschen in einen dieser typischen Bauten des sozialen Wohnungsbaus, drei gestaffelte Häuser, mitten ins Grüne gesetzt. Die hatten damals noch eine gewisse Qualität, und wir waren natürlich glücklich, denn nach dem Kriege wohnten wir erst in einem winzigen Zimmer, ohne fließend Wasser, Lokus und Küche.

ZEIT: Jetzt leben Sie in Langenhorn, das in Hamburg ja nicht unbedingt als der schönste aller Stadtteile bekannt ist. Warum sind Sie nie an die Alster oder an die Elbe gezogen?

Schmidt: Ich lebe dort seit einem halben Jahrhundert, länger sogar, seit 1961. Ich habe das Reihenhaus gekauft, da war es noch im Bau. Und ich habe bis heute nichts daran auszusetzen.

Leserkommentare
  1. Liebes Hamburg,

    Ich weiß, die Planung stammt noch aus den unendlich fernen Tagen, als die öffentliche Hand noch handlungsfähig und solvent war und noch nicht all ihr Tafelsilber verschleudert, verschenkt, verscherbelt, privatisiert und aus der Hand gegeben hatte.
    Aber andererseits: Wenn Geld für die Elbphilharmonie da ist, und darüber hinaus noch für diesen albernen U-Bahnanschluß für die Schickimicki-Leute in der “Hafencity”, als läge die nicht schon zentral genug und als wäre die Station Meßberg nicht in erreichbarer Nähe, warum dann nicht die alten Pläne für eine neue U-Bahn-Linie U4 wieder aus der Schublade holen?

    http://commons.wikimedia....

    Das wäre sooo genial !!!

    (Zur Info: Man hatte sogar schon ansatzweise angefangen, sie zu bauen. Man müßte also nur weitermachen!)

    Könnte man sie nicht sogar über die Station Sengelmannstraße hinaus, über Rübenkamp, Steilshoop, U-Bhf Farmsen bis zum Bahnhof Rahlstedt verlängern?

    Dann würde man, parallel zur anvisierten Schaffung neuen, bezahlbaren, zentrumsnahen Wohnraums, den vorhandenen (halbwegs) bezahlbaren, aber schlecht vernetzten, etwas periphereren Wohnraum besser anbinden und aufwerten!

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    Dann soll doch lieber die neue U4 über Wilhelmsburg (Stübenplatz) nach Harburg verlängert werden, um die S3/31 und einige Buslinien zu entlasten.

  2. ... Hutton um das Problem einer ungeliebten Moderne herumlaviert. Das hätte interessant werden können, wenn Schmidt, der sich irrt, wenn er glaubt, Berlin hätte das Schloss beschlossen, das hat der Bund so entschieden, aber offensichtlich architketonisch einen gesunden Menschenverstand besitzt (Fritz Schumacher, ja warum baut so eigentlich niemand mehr) sie mehr mit der Skepsis der fachfremden Allgemeinheit bezüglich moderner Stahl-und Glas-Skulpturen gefordert hätte.

    Und natürlich ist es auch ein altes Ammenmärchen, dass die Vorstadtsiedlungen von Paris, Hamburg und Berlin so gräßlich geworden sind, weil das Geld fehlte und zu schnell zu stark gewachsen wurde. Ich glaube, dass Wachstum von Berlin, Paris und New York umd die Jahrhundertwende war bei weitem spektakulärer und die Viertel sind bis heute bei Bewohnern und Touristen sehr beliebt. Ausserdem wurde direkt nach dem Krieg besser gebaut als in den Sechziger und Siebzigern, als diese Siedlungen entstanden, es kann also nicht am Geld gelegen haben - nein, es waren die Konzepte einer Moderne, die auf Antiurbanismus, Vereinfachung, Fortsschritt, Abstraktion usw gesetzt hat - und diese Konzepte müssen von den Architekten endlich mal grundsätzlich in Frage gestellt werden, statt weiterhin nach "zeigemässem" Bauen zu suchen! Historismus, Ornament und Liebenswürdigkeit gehören wiederentdeckt!

    Im Übrigen ist das Sockelgeschoss des Berliner Schlosses nicht rustiziert, das sollte man als Berliner Architekt eigentlich wissen.

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    • ascola
    • 25. Februar 2013 16:04 Uhr

    Wie kann denn der Bund Berlin ein Schloss mitten ins Zentrum bauen zwischen Museumsinsel, Unter den Linden, Spree, Auswärtiges Amt usw.? so wie Sie das schreiben hat Berlin damit überhaupt nichts zu tun und lässt den Bund nur gewähren? warum will denn der Bund das Schloss, und weshalb da?

    • toke
    • 17. Februar 2013 19:56 Uhr

    Hervorragendes Interview. Jedoch eine kleine Nörgelei: Ich nehme an, die vorletzte Antwort stammt von Herrn Schmidt, nicht von Frau Hutten.
    Grüße.

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  3. Ich würde in Hamburg bleiben, in ...

    • gooder
    • 17. Februar 2013 20:26 Uhr

    Um ein preußisches Schloss wiederauferstehen zu lassen, musste zu allererst der Palast der Republik weichen und auch das war eine politische Entscheidung.

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    ...meiner Meinung auch die Richtige! Der Wiederaufbau wiederum finde ich nicht notwendig. Berlin sollte erst Mal die Mittel in ihre S-Bahn stecken um dort wieder einen ordentlichen Fahrplan ohne viele Verspätungen/Ausfälle zu haben.

    Den Vorschlag von Herrn Schmidt mit den Studentenwohnungen in leeren Bürogebäuden finde ich klasse! Als Student über 400€ für ein 16m² Zimmer zahlen zu müssen ist echt schwer zu stemmen!

  4. "Ob das breite Publikum dieses Schloss wirklich will, das bezweifele ich. Fragen Sie doch mal die Menschen in Gelsenkirchen oder Magdeburg, was denen daran liegt."

    Tja, das kann den Menschen - so Leid es mir tut - herzlich egal sein, die Länder müssen ohnehin für Berlin wegen dem Länderfinanzausgleich aufkommen, was Berlin denn mit dem Geld machen ist deren Entscheidung.

    "Alle Bahnhöfe wurden durch das Deutsche Reich gebaut, die ganzen S- und U-Bahnen sind nicht von den Berlinern errichtet worden, sondern von Preußen, später ebenfalls vom Reich."

    Scheinbar fühlten sich die Menschen von den Bahnhöfen nicht belästigt, schließlich stehen sie noch, und wenns um den Bahnhofsbau geht würde ich gerne Herr Stoiber oder Herr Oettinger zu Wort kommen lassen.

    Nach dem Krieg wurde einiges wieder aufgebaut, die Dresdner Semperoper, seinerzeit unter einer Monarchie gebaut, die zahlreichen Kirchen, einige waren Zeichen einer strengen Klerikalmacht.

    Herr Schmidt ist nicht objektiv, es ist das selbe schwarz-weiß denken, Ost - schlecht, West - gut, Berlin - schlecht, Hamburg - gut.

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    • 2b
    • 17. Februar 2013 21:40 Uhr

    in jener Hinsicht, in anderer Vor(aus)sicht vielleicht dann weniger

    Städtebau und Baukunst und Wortkunst, da füllt das Wort "Common Wealth" andere Klangräume unserer Raumzeit (wenn der historisch korrekte Exkurs die Unterschiede wieder menschlich zweifelwürdiger werden läßt).

    Mit tiefer Verbeugung den Uebenden ostasiatischer Weltsicht

    Yin&Yang

  5. ... Herr Schmidt!

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    und das mit Langenhorn, nehmen Sie es ihm nicht übel, er hat keine Ahnung :-). Ist ein schöner Stadtteil.

  6. Das sogenannte Grand-Hotel Adlon, nebenbei gesagt, steht es unter Zwangsverwaltung und ist mittlerweile für die Eigentümer ein Millionengrab geworden http://www.spiegel.de/wir... , hat mit seinem Vorläufer lediglich den Namen gemein. Ansonsten haben die Architekten ein typisch deutsches Spießerhotel gebaut und die Pleite scheint in der Architektur schon angelegt zu sein. Die Spießigkeit wird vor allem in der Eingangshalle bzw. im Erdgeschossbereich dokumentiert. Die Deckenhöhe erinnert an Nachkriegszeiten, in denen man um angeblich Heizkosten zu sparen, Styroporzwischendecken einzog. Auch in der Anordnung von städtischer Großzügigkeit keine Spur, geschweige von hauptstädtischer. Alles ist gequetscht und gedrungen. Wer sich darin wohlfühlt und für den Aufenthalt auch noch viel Geld bezahlt, muss schon ein ganz besonders spießiger Snob (Schmidt) sein.

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    Entschuldingen Sie, aber die Kritik die Schmidt am Adlon geäußert hat, trifft doch genau die Ihre. Wieso Sie ihm dann unterstellen, ein spießiger Snob zu sein, wo er sich doch genau über die Dinge ablehnend geäußert hat, die Sie hier nennen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
    Liegt es vielleicht in einer grundsätzlichen Ablehnung gegenüber Schmidt, so dass Sie hier Dinge lesen die in dieser Form gar nicht gesagt wurden?

    • ascola
    • 25. Februar 2013 16:07 Uhr

    Sie meinen aber nicht, dass Schmidt der spießige Snob ist? sondern spielen darauf an, dass Schmidt sagt, das Hotel sei nur für Snobs? Wenn es so schlimm damit ist, wird es hoffentlich wieder abgerissen, jetzt, wo es pleite gegangen ist über seiner Fehlplanung.

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