DIE ZEIT: Herr Schmidt, als junger Mann träumten Sie davon, Architekt und Städtebauer zu werden. Wenn Sie heute noch einmal von vorn beginnen dürften, wäre das noch immer Ihr Traum?

Helmut Schmidt: Auf jeden Fall! Ich träumte von einem Studium, am besten in München oder Wien, weil es dort eine technische Hochschule ebenso wie eine Kunstakademie gibt. Doch nach dem Abitur kam die Wehrpflicht, und nach der Wehrpflicht wurde ich nicht etwa entlassen, sondern einbehalten, insgesamt acht Jahre lang, gegen meinen Willen. Als der Krieg dann zu Ende war, war ich beinahe 27 Jahre alt und stand vor dem absoluten Nichts. Weder München noch Wien kamen infrage, und so studierte ich Volkswirtschaft, das war das billigste Studium, das es gab. Aber das, was die einem damals beibrachten, war weitgehend dummes Zeug.

Louisa Hutton: Ich finde es interessant, dass Ihnen von Anfang an beides wichtig war, die Kunst und die Technik. Denn daran mangelt es ja heute: Sowohl in der Architektur wie im Städtebau fehlt es am Gestaltungswillen. An der Freude, technische Probleme auf eine künstlerisch inspirierte Weise zu lösen.

Schmidt: Städtebau ist ja eine Mischung aus Kunst, Ökonomie und Planung. Mein Held in den dreißiger Jahren, als ich anfing, mich für Architektur zu interessieren, war Fritz Schumacher, damals Oberbaudirektor in Hamburg. Schumacher hatte dieses Zusammenspiel verstanden. Und das war es auch, was mich an diesem Beruf reizte.

ZEIT: Was macht denn für Sie eine gute, eine schöne Stadt aus?

Schmidt: Das ist eine philosophische Frage, da müsste ich länger drüber nachdenken.

ZEIT: Dann anders gefragt: Vor welchen Bausünden muss sich eine Stadt hüten?

Schmidt: Es gibt viele städtebauliche Sünden, dazu gehören sämtliche Plattenbauten in der alten DDR, dazu gehören auch die Maschinengewehr-Häuser der Neuen Heimat, hier in Hamburg im Osdorfer Born, in Steilshoop, in Mümmelmannsberg.

Hutton: Stört Sie da vor allem das Aussehen dieser Häuser? Oder stört Sie, dass es Siedlungen sind, die so wenig städtisch erscheinen und nicht dicht genug besiedelt sind?

Schmidt: Diese Häuser wurden offenkundig unter einem Spardiktat errichtet, und dieses Spardiktat ist es, das den Stil dieser Architektur bestimmt hat. Dabei hatte die Neue Heimat besser angefangen. Meine Frau und ich zogen 1954 nach Othmarschen in einen dieser typischen Bauten des sozialen Wohnungsbaus, drei gestaffelte Häuser, mitten ins Grüne gesetzt. Die hatten damals noch eine gewisse Qualität, und wir waren natürlich glücklich, denn nach dem Kriege wohnten wir erst in einem winzigen Zimmer, ohne fließend Wasser, Lokus und Küche.

ZEIT: Jetzt leben Sie in Langenhorn, das in Hamburg ja nicht unbedingt als der schönste aller Stadtteile bekannt ist. Warum sind Sie nie an die Alster oder an die Elbe gezogen?

Schmidt: Ich lebe dort seit einem halben Jahrhundert, länger sogar, seit 1961. Ich habe das Reihenhaus gekauft, da war es noch im Bau. Und ich habe bis heute nichts daran auszusetzen.