Facebook-App : Eine Welt ohne Flirt

Kleine Fantasie über die Möglichkeiten und Enttäuschungen, die die Facebook-App "Bang with Friends" für unser Sexualleben bereithält.

Fünf neue Mitglieder pro Minute gewinnt die Facebook-App »Bang with Friends« zurzeit. Ihre Erfinder suchen noch den Schutz der Anonymität, als wäre ihnen der Erfolg ihrer Idee selbst peinlich. Es ist ein Flächenbrand, bei dem unsere menschlichen Begierden wie ausgetrocknetes Stroh auf einen Schlag Feuer gefangen haben. Die technologischen Möglichkeiten des Internets und unsere schlummernde Promiskuität wirken zusammen wie ein Brandbeschleuniger. Und bestätigen all jene, die das Netz schon immer vor allem für ein Medium der sexuellen Kontaktaufnahme gehalten haben.

Das Prinzip von »Bang with Friends« ist so simpel wie das Ei des Kolumbus. Wer die App runterlädt, kann all jene unter seinen Facebook-Freunden, mit denen er immer schon gerne schlafen wollte, anonym markieren. Wird er von jenen, die er präferiert, ebenfalls markiert, kommt es zu einem »match«, und die beiden werden über ihre Korrespondenz per Mail informiert. Das Geniale ist, dass die Anonymität erst im Moment der Gegenseitigkeit aufgehoben wird. Das prinzipielle Risiko, das bisher nicht nur in der Kohlenstoffwelt, sondern auch bei allen Dating-Portalen immer gegeben war, nämlich mit seinem eigenen Begehren abgewiesen zu werden und dann als der Dumme dazustehen, ist beseitigt. Geilheit ist ja nur so lange peinlich, wie sie nicht erwidert wird. Bei »Bang with Friends« wird die eigene Geilheit erst sichtbar, wenn der potenzielle Partner sie bereits seinerseits eingeräumt hat.

Deshalb erregt »Bang with Friends« die Fantasie so sehr. Weil die Grundbedingung allen Anbaggerns, wie die Geschichte es kannte, aufgehoben ist. Man muss nicht mehr abwägen, in welchem Verhältnis die eigenen Chancen zum Risiko der Blamage stehen. Sex ist nun – was es bisher nie war – eine klare Sache. Swingerclubs und Speed-Dating waren in der physischen Welt natürlich auch schon in diese Richtung unterwegs. Aber dort musste man sich immer noch mit seinem eigenen Gesicht zu seinem Begehren bekennen und konnte abgewiesen werden. Bei »Bang with Friends« findet das Abgewiesenwerden nur noch in der Blackbox der App statt.

So wie es zwischen Wollen und Sollen einen Hiatus, wie Kant das nannte, gibt, so gibt es auch einen Spalt zwischen Wollen und Können, zwischen unserem unbegrenzten Verlangen und den begrenzten Möglichkeiten seiner Realisierung. Durch die App wird dieser Hiatus so sehr geschlossen wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Jetzt werden unsere Fantasien unmittelbar auf ihre Realisierungschance gecheckt, ohne uns zu kompromittieren. Wir können nur gewinnen. Es ist die Win-win-Situation unserer promiskuitiven Allbereitschaft.

Bisher war das anders: So wie man Mordfantasien hatte, von denen man wusste, dass sie den eigenen Kopf nie verlassen werden, so hatte man Sexfantasien, die man nie auf ihre Realisierbarkeit testete. Doch jetzt verbleibt jede Anmache, die nicht auf Gegenliebe stößt, in den Grenzen des eigenen Bewusstseins (und natürlich der Big Data von Facebook und Co. – aber das ist kein sexkulturelles Problem, sondern eines der Datensicherung).

Sosehr die Möglichkeiten, die »Bang with Friends« eröffnet, unsere Fantasie anheizen, so sehr zucken wir aber auch melancholisch vor den neuen unbegrenzten Möglichkeiten zurück. Denn eine Welt ohne Widerstände ist leer und sinnlos. Das Köstliche am Leben ist seine Unkalkulierbarkeit. Der erotische Connaisseur würde deshalb gegen »Bang with Friends« einwenden: Ohne das Risiko des Scheiterns ist das Spiel der Geschlechter steril und öde. Der Kavalier, der für sein Verlangen nicht bereit ist, sein Gesicht zu verlieren (egal, ob er nun Brüderle heißt oder Don Juan), hat kein Format. Erst die Bereitschaft, das peinliche Scheitern in Kauf zu nehmen, beglaubigt die Leidenschaft. Ohne diese Bereitschaft ist sie nur Brunst – wie bei den Hunden. Der klassische Frauenheld kompromittiert sich immer wieder und ist gerade dadurch unwiderstehlich. Er liebt die Frauen so sehr, dass ihm der schlechte Ruf, der ihm durch seine Attacken zuwächst, nicht nur egal, sondern ein Ehrenabzeichen ist.

Zudem: Ist die Geheimnislosigkeit eines Freundeskreises, der erotisch keine Fragen offenlässt, wirklich das, was man will? Das Internet gilt als virtuelles Medium. In Wahrheit ist es eine gnadenlose Realisierungsmaschine von Fantasien. Wunsch und Wirklichkeit kommen umstandslos zur Deckung.

Ilse Aigner warnt vor der App, wie sie dem Focus erklärte, weil andere Nutzer sehen könnten, wer sie ebenfalls heruntergeladen hat. Das Argument überrascht. Von einer CSU-Politikerin hätte man ein christliches Donnerwort gegen die Wollust erwartet, nicht die Warnung vor einem technologischen Haken, der rasch beseitigt sein dürfte. Die eigentlich spannende Frage wird sein, ob sich die Menschen nicht doch wieder sehr bald von »Bang with Friends« abwenden werden, weil eine Welt, die kongruent mit unseren Triebfantasien ist, den Sex so sehr auf Effizienz herunterbricht, dass nur noch der nackte Akt zurückbleibt. Und der ist möglicherweise trostloser, als wir ihn uns in Prä-»Bang with Friends«-Zeiten vorgestellt haben. Es wären dann zwar alle Brüderle-Übergriffigkeiten Schnee von gestern, aber der angenehme Kitzel eines Lebens im »Dauerflirtmodus« (Kubicki) wäre für immer verloren.

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