Deutsches KinoMeine Herren!

Endlich erobern junge Schauspieler mit einer Mischung aus Mut und Melancholie das deutsche Kino, statt mit Albernheit zu nerven. von Matthias Kalle

Vielleicht ist »Wucht« das Wort, das es am besten trifft, versuchen wir es also mal damit: Diese Männer haben eine Wucht in allem, was sie tun, bei allem, was sie uns zeigen, und während wir zuschauen, zum Beispiel Ronald Zehrfeld, wie er grinst, kurz bevor er eine Tür kaputt machen darf, denken wir: Irre, diese Wucht. Wo kommt die denn jetzt eigentlich her?

Wucht war nicht gerade das, was deutsche Schauspieler in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hat, in denen Jürgen Vogel oder Til Schweiger das Bild des Mannes im Film und im Fernsehen geprägt haben – ein Bild, das von Matthias Schweighöfer in fataler Weise immer noch fortgeführt wird: Männer ohne Zweifel, ohne Eigenschaften, ohne, genau, Wucht.

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Aber so wie sich das Bild des Mannes verändert hat, ändert sich auch das Bild des Mannes im Film. Und die Schauspieler, die wir auf den folgenden Seiten vorstellen, sorgen gerade dafür, dass da ein gutes Bild entsteht.

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Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Till Janz und Hendrik Schneider

Zehrfeld, der so sehr mit seiner Physis arbeitet, dass man meinen könnte, er habe die Schauspielerei auf dem Bau gelernt und nicht auf der Schauspielschule Ernst Busch. Mišel Matičević, mit dessen Schönheit auch heterosexuelle Männer einverstanden sind, weil er sogar das Dunkle zum Leuchten bringen kann. Oder Robert Gwisdek, der Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, der seine Figuren mit einer Traurigkeit spielt, dass es einem das Herz zerreißt, und der im vergangenen Jahr mal eher so nebenbei auch noch gezeigt hat, wie deutscher Hip-Hop klingen kann, wenn man sich mal ein bisschen Mühe gibt. Und da gibt es August Diehl, Tom Schilling, Jacob Matschenz und David Kross, die ihre Wucht aus ihrer Verletzlichkeit beziehen, die manchmal kaputte Typen spielen, die versuchen, in diese Kaputtheit noch einen letzten Rest Würde zu legen, den Kopf oben zu halten. Und Alexander Fehling, der mit 31 Jahren bereits Goethe und Andreas Baader gespielt hat; und natürlich Max Riemelt, der neben Zehrfeld und Matičević in der epochalen Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens von Dominik Graf die Hauptrolle spielte: still, unsicher, voller Zweifel. Und so wie die anderen reichert er seine Rollen mit einem Anflug von Melancholie an. Die Kunst dieser Männer besteht auch darin, in einen Blick, in eine flüchtige Bewegung so viel Tiefe zu legen, wie sie andere herzustellen versuchen, indem sie der Bunte ein Interview geben.

Diesen Schauspielern bei der Arbeit zuzuschauen ist wie ein Blick in einen Spiegel. Einen Zauberspiegel, der ein Bild zeigt, wie man sein könnte, wenn man nur ein kleines bisschen mehr Mut hätte.

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Leserkommentare
  1. Schön, dass es im deutschen Film wieder so viele ausdrucksstarke Darsteller gibt!

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  • Schlagworte Andreas Baader | Film | August Diehl | Corinna Harfouch | Dominik Graf | Ernst Busch
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