Produzentin Janine JackowskiMiss Impossible

In Deutschland erfolgreiche Filme produzieren: Schwierig. In Deutschland erfolgreiche intelligente Filme produzieren: Ein Fall für Janine Jackowski von 

Die erste Begegnung: 2009, während des Filmfestivals von Cannes, in einer großartig geschmacklosen Ferienwohnung, vollgehängt mit Porträts von Mutter Teresa. Die Produzentin Janine Jackowski kam gemeinsam mit der Regisseurin Maren Ade zum Abendessen in unsere Festival-WG. Der Erfolg ihres Films Alle anderen hatte sie nach Cannes gebracht, wo Jackowski als Producer on the Move eingeladen war. Zehn Jahre zuvor war sie gemeinsam mit Ade von der Münchner Filmhochschule ausgezogen, um dem deutschen Kino mit Mikroskop und Teleskop zugleich zu Leibe zu rücken. Mit Geschichten, die, präzise und persönlich erzählt, eine ganze Welt enthalten. Alle anderen, der mit der Ferienkrise eines jungen Paares von überwunden geglaubten Geschlechterrollen erzählt, wurde zu einem Generationenfilm und gewann auf der Berlinale 2009 den Großen Preis der Jury.

Nach kurzem Blick auf die Wände des Apartments sagte Janine Jackowski versonnen: »Ja, ja, ich reise auch immer mit meiner eigenen Deko.«

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Es wurde ein langer Abend. Irgendwann erzählte Jackowski von ihrem ersten Job bei der Harald Schmidt Show, einer Schocktherapie auf dem Weg zur Produzentin. Wie sie, die unerfahrene Abiturientin, eines Morgens die Aufgabe bekam, innerhalb weniger Stunden den Kölner Ring zu sperren und eine Bimmelbahn und Kostüme für hundert Komparsen zu organisieren. Wie sie mit aufgeregtem Hotelpersonal verhandeln musste, weil es dem Schmidt-Gast Anna Nicole Smith gelungen war, innerhalb von 24 Stunden eine Minibarrechnung von 2000 Mark zu hinterlassen. Oder wie sie Helmut Berger seine Gage überreichte. Völlig knülle habe er sich das Geld in den Hosenbund gestopft, bis die Scheine an den Beinen wieder herausgekommen seien. Janine Jackowski schaffte es, den Mann mit sicher verstautem Geld auf das Set zu bugsieren.

Die Rheinländerin erzählte diese Geschichten mit hintersinnigem Lächeln und einer überspringenden Begeisterung für die Absurditäten des Lebens. An dem Abend wurde klar, was ihren Erfolg ausmacht: Humor, pragmatische Ruhe und die Fähigkeit, auch in einem Verrücktenstadl das Geld zusammenzuhalten. Aber es muss noch etwas anderes sein. Das, was Komplizenfilm, die gemeinsame Firma von Ade und Jackowski, zu einem der abenteuerlustigsten und dabei auch international erfolgreichen Produktionsbüros des deutschen Kinos werden ließ: die feine Balance zwischen Kamikaze, Geschäft und Kino. Eben das, was jemanden antreibt, in Kamerun zwischen Insektenschwärmen und Schlaglöchern einen Film zu drehen – Ulrich Köhlers Schlafkrankheit gewann 2011 den Silbernen Berlinale-Bären für die beste Regie. Furchtlos wagt man sich auch an internationale Co-Produktionen: Tabu von dem Portugiesen Miguel Gomes war die Entdeckung im Wettbewerb der letztjährigen Berlinale. Ein Fast-Stummfilm in Schwarz-Weiß, eine spätkoloniale Liebesgeschichte von durchgeknallter Coolness.

Wie kommt eine Berliner Firma dazu, den Film eines Portugiesen in Mosambik mitzuproduzieren? Die Antwort bekommt man in der Berliner Linienstraße. Drei Zimmer mit Küche, abgewetzte Dielen, ein zart verwilderter Garten, das ist Komplizenfilm. An der Tür wirkt Janine Jackowski noch größer als auf dem roten Teppich der Berlinale. »Man fragt sich schon, was passiert, wenn dem Regisseur beim Drehen eine Kokosnuss auf den Kopf fällt«, sagt sie. Dann erzählt sie beim Tee, wie Maren Ade und sie während des Festivaltriumphzuges von Alle anderen in Buenos Aires eingeladen waren und Ade dort völlig begeistert einen Film von Miguel Gomes sah. Kurz darauf wurden Ade und Jackowski überfallen, Geld und Kreditkarten waren weg. Die kleine Festivalgemeinschaft, zu der auch Gomes gehörte, fing die beiden auf. Aus dieser Mischung von Filmbegeisterung und Schreck entstand erst die Freundschaft, dann die Zusammenarbeit mit ihm.

Es muss ein schönes Gefühl sein, einem solchen Film ans Licht der Welt zu verhelfen. »Natürlich ist man stolz«, sagt Jackowski, »stolz auf den Weg, den dieser Film gemacht hat. Darauf, dass er in 30 Länder ins Kino verkauft wurde.« Und darauf, dass die coproduzierende Weltreise weitergeht: Im Panorama der Berlinale läuft Tanta Agua von den Regisseurinnen Ana Guevara und Leticia Jorge die leise erzählte Geschichte eines Vaters, der einen verregneten Urlaub lang den Kontakt zu seinen Kindern sucht.

Seit 15 Jahren arbeiten Jackowski und Ade zusammen, man fragt sich, ob sie einander überhaupt noch kritisieren können. »Aber ja«, sagt Jackowski. »Die Nähe vereinfacht die Dinge maßlos. Man braucht dieses ganze Drumherum nicht mehr. Und man hat einfach die gleiche Haltung zum Kino.« Welche? »Die Begeisterung für Geschichten, die uns in eine andere Welt katapultieren. Und den Willen, daraus den besten aller möglichen Filme zu machen. Es durchzuziehen.« Komplizinnen eben.

Einer der schönsten Momente in ihrem Job? »Als Alle anderen die Einladung in den Wettbewerb der Berlinale bekam«, sagt Jackowski. Sie sei fast geplatzt vor Freude. Der schlimmste? »Wenn man von Verleihern, Förderern Absagen bekommt und denkt: Bin ich blind? Sind die blind? Oder man sieht eine Schnittfassung, mit der man total unglücklich ist. Oder man denkt: Das war doch so ein tolles Drehbuch, wird das noch ein guter Film?«

Was muss man können, um in Deutschland Kinoproduzentin zu werden? Da ist es wieder, das hintersinnige Jackowski-Lächeln. »Man arbeitet ja viel mit Leuten zusammen, die sich ausdrücken möchten«, sagt sie. »Denen sollte man zuhören können.«

Anmerkung der Redaktion und Änderung am Text: Der Film Tanta Agua ist von den Regisseurinnen Ana Guevara und Leticia Jorge. Der ursprünglich im Text genannte Pablo Stoll ist der Produzent des Films. Wir bitten Sie, diesen Irrtum zu entschuldigen.

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    • Schlagworte Berlinale | Film | Anna Nicole Smith | Regisseur | Kamerun | Mosambik
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