Ein eiskalter Januarmorgen. Nacheinander trudeln Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke und Lars Eidinger in unserem Fotostudio in Neukölln ein. Küsschen und Umarmungen. Die vier haben von 1995 bis 1999 gemeinsam die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" im Osten Berlins besucht, die als beste Schauspielschule Deutschlands gilt. Ihr Jahrgang sticht heraus: Allein diese vier haben 26 Theater- und Filmpreise gewonnen. "Warum ist Devid nicht da?", fragt Waschke. Devid Striesow, Grimme-Preisträger, seit Kurzem Tatort-Kommissar, war ebenfalls in ihrer Klasse, gern wäre er zu unserem Gespräch gekommen, musste aber wegen Dreharbeiten absagen. Wie es sich für ein Klassentreffen gehört, stehen Kekse auf dem Tisch. Daneben liegen alte Fotos aus dem Archiv der "Ernst Busch"-Schule.

Fritzi Haberlandt: Diese Fotos! Ich dreh am Rad. Das hier war bei einem Konzert zu irgendeinem Festtag, oder?

Lars Eidinger: Mark, Alter, das bist du? Du erinnerst mich da irgendwie an ... Otto Waalkes!

Mark Waschke: Wer ist denn die an der Blockflöte?

Nina Hoss: Das ist Fritzi!

Waschke: Wenn ich das sehe, habe ich gleich unser erstes Jahr vor Augen: Lars sah aus, als wäre er direkt von der Schulbank rübergebeamt worden, er saß da und malte kleine Cartoons. Ich hatte schon die Schauspielschülerpose, die Lars dann jahrelang nachgemacht hat: Beine übereinandergeschlagen, Kinn auf die Hand gestützt...

Eidinger: Mark trug Sakkos, saß immer etwas weggerückt hinter dem Tisch und guckte ständig auf die Uhr.

Hoss: Ja, du fandst alles langweilig, weil es nicht wie an der Uni war.

Eidinger: Du wolltest immer weg zu deiner Freundin, Mark. Man fragte sich: Was denkt der eigentlich so?

ZEITmagazin: 1995, als Sie sich kennenlernten, war Helmut Kohl Kanzler, "Cotton Eye Joe" ein Hit, das Internet kannte kaum einer. Wie weit weg ist diese Zeit für Sie?

Haberlandt: Ich habe das Gefühl, das ist irre lang her.

Eidinger: Fritzi und ich waren erst 19...

Hoss: Du warst der Jüngste, Lars. Mir kommt die Zeit manchmal ganz nah vor, so wie jetzt, wenn wir zusammen sind. Ich weiß noch, wie ich nur mit einem Köfferchen aus Stuttgart ankam, an der Schönhauser Allee aus der S-Bahn stieg und dachte: Mein Gott, die Straßen sind alle so lang und die Häuser so hoch, das ist jetzt richtig Großstadt.

Haberlandt: Du hast doch am Anfang noch mit Ofenheizung gewohnt! In der Kopenhagener Straße. Immer wenn ich da vorbeikomme, sage ich: Hier hat die Nina Hoss mal gewohnt. Mit Ofenheizung!

Eidinger: Ich habe sogar noch bei meinen Eltern gelebt. Ich komme ja aus Berlin, und die haben nicht eingesehen, warum sie mir eine Wohnung finanzieren sollten.

Haberlandt: Echt? Wie lange denn?

Eidinger: Bis Mark und ich am Renaissancetheater engagiert waren. Da haben wir 200 Mark Abendgage bekommen, ich bin singend nach Hause gelaufen und habe gedacht: Jetzt bin ich reich!

ZEITmagazin: Ihr Jahrgang an der "Ernst Busch" kam zur Hälfte aus dem Osten und zur anderen aus dem Westen. Hat man das gemerkt?

Eidinger: Irgendwann haben wir festgestellt, dass beim Improvisations-Seminar der Dozent in der Mitte saß, die Wessis rechts, die Ossis links von ihm. Das hatte sich einfach so ergeben. Anfangs habe ich übrigens gedacht, Mark sei aus dem Osten, und er hat gedacht, ich sei aus dem Osten. Einmal saßen wir in der Garderobe und haben über Fassbrause geredet, und ich meinte: Das hattet ihr doch gar nicht! Und Mark so: Ich dachte, ihr hattet keine! Da haben wir gemerkt, dass wir beide aus dem Westen sind.

Haberlandt: Nur fürs Protokoll: Fassbrause gab es auch im Osten.

Hoss: Im Studium gab es Momente, wo bei den Ostdeutschen so eine Verletzung sichtbar wurde. Die haben beschrieben, wie sie die Wende erlebt haben, womit sich ihre Eltern jetzt auseinandersetzen müssen. Da habe ich viel darüber erfahren, was eigentlich ihre Verletzung war: nicht wahrgenommen zu werden.

Eidinger: Als wir anfingen zu studieren, hieß es: Es gibt Ostschauspieler und Westschauspieler. Die Ostschauspieler, das war Handwerk, Technik, aber leblos. Die Westler, das war Lee Strasberg, Method Acting. Wir sind vielleicht die erste Generation, die mit dieser Trennung gebrochen hat. Wir haben die Technik gelernt, aber wir können auch emotional spielen, etwas Eigenes reinbringen.