Deutsche SchauspielerEine Klasse für sich

Es waren einmal vier Schauspielschüler: Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger und Mark Waschke. Heute prägen sie den deutschen Film. Hier erzählen sie, wie alles begann. von  und

Lars Eidinger, Nina Hoss, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt

Lars Eidinger, Nina Hoss, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt (v.l.n.r.)  |  © Till Janz und Hendrik Schneider

Ein eiskalter Januarmorgen. Nacheinander trudeln Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke und Lars Eidinger in unserem Fotostudio in Neukölln ein. Küsschen und Umarmungen. Die vier haben von 1995 bis 1999 gemeinsam die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" im Osten Berlins besucht, die als beste Schauspielschule Deutschlands gilt. Ihr Jahrgang sticht heraus: Allein diese vier haben 26 Theater- und Filmpreise gewonnen. "Warum ist Devid nicht da?", fragt Waschke. Devid Striesow, Grimme-Preisträger, seit Kurzem Tatort-Kommissar, war ebenfalls in ihrer Klasse, gern wäre er zu unserem Gespräch gekommen, musste aber wegen Dreharbeiten absagen. Wie es sich für ein Klassentreffen gehört, stehen Kekse auf dem Tisch. Daneben liegen alte Fotos aus dem Archiv der "Ernst Busch"-Schule.

Fritzi Haberlandt: Diese Fotos! Ich dreh am Rad. Das hier war bei einem Konzert zu irgendeinem Festtag, oder?

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Lars Eidinger: Mark, Alter, das bist du? Du erinnerst mich da irgendwie an ... Otto Waalkes!

Mark Waschke: Wer ist denn die an der Blockflöte?

Nina Hoss: Das ist Fritzi!

Waschke: Wenn ich das sehe, habe ich gleich unser erstes Jahr vor Augen: Lars sah aus, als wäre er direkt von der Schulbank rübergebeamt worden, er saß da und malte kleine Cartoons. Ich hatte schon die Schauspielschülerpose, die Lars dann jahrelang nachgemacht hat: Beine übereinandergeschlagen, Kinn auf die Hand gestützt...

Eidinger: Mark trug Sakkos, saß immer etwas weggerückt hinter dem Tisch und guckte ständig auf die Uhr.

Hoss: Ja, du fandst alles langweilig, weil es nicht wie an der Uni war.

Eidinger: Du wolltest immer weg zu deiner Freundin, Mark. Man fragte sich: Was denkt der eigentlich so?

ZEITmagazin: 1995, als Sie sich kennenlernten, war Helmut Kohl Kanzler, "Cotton Eye Joe" ein Hit, das Internet kannte kaum einer. Wie weit weg ist diese Zeit für Sie?

Haberlandt: Ich habe das Gefühl, das ist irre lang her.

Eidinger: Fritzi und ich waren erst 19...

Hoss: Du warst der Jüngste, Lars. Mir kommt die Zeit manchmal ganz nah vor, so wie jetzt, wenn wir zusammen sind. Ich weiß noch, wie ich nur mit einem Köfferchen aus Stuttgart ankam, an der Schönhauser Allee aus der S-Bahn stieg und dachte: Mein Gott, die Straßen sind alle so lang und die Häuser so hoch, das ist jetzt richtig Großstadt.

Haberlandt: Du hast doch am Anfang noch mit Ofenheizung gewohnt! In der Kopenhagener Straße. Immer wenn ich da vorbeikomme, sage ich: Hier hat die Nina Hoss mal gewohnt. Mit Ofenheizung!

Eidinger: Ich habe sogar noch bei meinen Eltern gelebt. Ich komme ja aus Berlin, und die haben nicht eingesehen, warum sie mir eine Wohnung finanzieren sollten.

Haberlandt: Echt? Wie lange denn?

Eidinger: Bis Mark und ich am Renaissancetheater engagiert waren. Da haben wir 200 Mark Abendgage bekommen, ich bin singend nach Hause gelaufen und habe gedacht: Jetzt bin ich reich!

ZEITmagazin: Ihr Jahrgang an der "Ernst Busch" kam zur Hälfte aus dem Osten und zur anderen aus dem Westen. Hat man das gemerkt?

Eidinger: Irgendwann haben wir festgestellt, dass beim Improvisations-Seminar der Dozent in der Mitte saß, die Wessis rechts, die Ossis links von ihm. Das hatte sich einfach so ergeben. Anfangs habe ich übrigens gedacht, Mark sei aus dem Osten, und er hat gedacht, ich sei aus dem Osten. Einmal saßen wir in der Garderobe und haben über Fassbrause geredet, und ich meinte: Das hattet ihr doch gar nicht! Und Mark so: Ich dachte, ihr hattet keine! Da haben wir gemerkt, dass wir beide aus dem Westen sind.

Haberlandt: Nur fürs Protokoll: Fassbrause gab es auch im Osten.

Hoss: Im Studium gab es Momente, wo bei den Ostdeutschen so eine Verletzung sichtbar wurde. Die haben beschrieben, wie sie die Wende erlebt haben, womit sich ihre Eltern jetzt auseinandersetzen müssen. Da habe ich viel darüber erfahren, was eigentlich ihre Verletzung war: nicht wahrgenommen zu werden.

Eidinger: Als wir anfingen zu studieren, hieß es: Es gibt Ostschauspieler und Westschauspieler. Die Ostschauspieler, das war Handwerk, Technik, aber leblos. Die Westler, das war Lee Strasberg, Method Acting. Wir sind vielleicht die erste Generation, die mit dieser Trennung gebrochen hat. Wir haben die Technik gelernt, aber wir können auch emotional spielen, etwas Eigenes reinbringen.

ZEITmagazin: Frau Haberlandt und Frau Hoss, Sie sind seit Ihrem Studium eng befreundet. Wie ging das damals los?

Haberlandt: Mit einem verpatzten Auftritt...

Hoss: Unsere Schule sollte mit der Hochschule der Künste zusammengelegt werden. Wir haben dagegen demonstriert. Teil des Protestes war, dass wir an die Theater gingen, unsere Petition vorlasen und Unterschriften sammelten, nach dem Applaus. Fritzi und ich waren für die Schaubühne eingeteilt...

Haberlandt: ...Otto Sander hat uns angekündigt!

Hoss: "Jetzt kommen zwei junge Kolleginnen." Und wir beide dachten: Oh Gott, diese Bühne!

Haberlandt: Wir haben ganz schüchtern mit dünnen Stimmchen angefangen zu lesen: "Wir fordern, dass die Ernst-Busch..." Aus dem Publikum kam sofort: "Lauter! Lauter!" Wir haben keine einzige Unterschrift bekommen.

Eidinger: Ich habe Fritzi schon bei der Zugangsprüfung bemerkt und dachte, ehrlich gesagt: Die ist verrückt. Du hattest so einen Kassettenrekorder dabei, der stand an der Wand, du ganz dicht davor, und du bist komplett deine Rolle durchgegangen... Erinnerst du dich?

Haberlandt: Nein! War das die erste Runde?

Eidinger: Die zweite. So eine polnische Dozentin hat auf dich eingeredet, und du standst völlig autistisch vor dieser Wand. Was haben die dir bei der Prüfung gesagt?

Haberlandt: Die polnische Dozentin meinte, ich solle alles anders machen. Mit ihrem Akzent klang das so: "Nase sagt ja, alles andere scheiße!" Ich dachte erst, die meint meine Nase... Sie meinte natürlich ihr Gespür.

Eidinger: Anfangs hatte ich Berührungsängste vor der Schauspielerei und dem Gewese, was um sie gemacht wird. Als sei sie etwas Heiliges, Unbenennbares. Ich war erleichtert, dass an der Schule ganz nüchtern beschrieben wurde: Wenn du das so und so spielst, sehe ich aber das und das. In unserer Klasse war einer, der irre intensiv gespielt hat, dem sind die Tränen waagerecht aus den Augen geschossen. Ich habe ihn mal gefragt: "Wie machst du das?" Und er dann: "Ich erinnere mich daran, wie ich mir als Kind den Schwanz im Hosenstall eingeklemmt habe." Das war eine so profane, nachvollziehbare Erklärung. Ich war richtig glücklich, dass dieses Mysterium Schauspielerei entzaubert wurde.

ZEITmagazin: Haben Sie sich gegenseitig kritisch beäugt: Was hat der drauf, wie gut ist die schon?

Eidinger: Am Anfang haben wir uns die Rollen vorgespielt, mit denen wir uns beworben hatten. Und bei Nina...

Waschke: ...da fragte man sich: Was will die eigentlich noch hier?

Eidinger: Das war so völlig jenseits von dem, was ich mit 19 überhaupt in der Lage gewesen wäre zu leisten.

ZEITmagazin: Was haben Sie gespielt?

Hoss: Die Nina aus der Möwe von Tschechow.

Haberlandt: Das war wirklich der Wahnsinn.

ZEITmagazin: Sie waren alle neidisch.

Eidinger: Nein, es ist ja viel schlimmer, wenn einer nur knapp besser ist als man selbst. Aber wenn jemand so völlig in einer anderen Liga spielt... Und Nina bietet ja auch sonst keine Angriffsfläche, sodass man denkt: Dafür ist sie scheiße oder eine arrogante Kuh oder eine Diva. Ich habe das einfach nur bewundert.

Er war der Jüngste, sie schnell ein Star: 1995 lernten sich Nina und Lars Eidinger an der Ernst-Busch-Schauspiele kennen

Er war der Jüngste, sie schnell ein Star: 1995 lernten sich Nina und Lars Eidinger an der Ernst-Busch-Schauspiele kennen  |  © Till Janz und Hendrik Schneider

ZEITmagazin: Frau Hoss, schon im ersten Studienjahr bot Ihnen Bernd Eichinger die Hauptrolle in "Das Mädchen Rosemarie" an. Wie fand Ihre Klasse das?

Hoss: Die hat mir überhaupt erst erlaubt, den Film zu drehen. Eigentlich darf man im ersten Jahr nicht raus, aber so ein Angebot kann man ja nicht absagen! Professor Drescher, der Mentor unserer Klasse, hatte mir geraten: Lassen wir die Klasse abstimmen. Weil dann niemand sagen konnte: Aber der haben sie das einfach so erlaubt!

Eidinger: Und wenn wir Nein gesagt hätten?

Hoss: Hätte ich es trotzdem gemacht. Aber ich hätte das Jahr wiederholen müssen.

ZEITmagazin: Professor Drescher hat uns verraten, dass Frau Hoss die Schule doch gebraucht hat, weil die Klasse so gut war, dass auch sie noch besser wurde. Man habe gleich gemerkt: Das ist ein ganz besonderer Jahrgang.

Haberlandt: Das ist doch Quatsch, wir waren eher ein Loser-Jahrgang.

Hoss: Da sind Leute rausgeschmissen worden.

Haberlandt: Oder bei Devid, da hätte doch anfangs keiner vermutet, dass der mal so groß rauskommen würde.

ZEITmagazin: Heute ist Devid Striesow einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler.

Eidinger: Als ein Dozent zu ihm nach einer Szene mal meinte, das wäre total operettig, das könne man nicht so machen, habe ich ihm gesagt: Mach dir nichts draus, Devid, ich fand es geil. Am Ende der Schulzeit, als die Intendanten kamen, um uns beim Vorspiel zuzuschauen, waren die meisten von uns schon engagiert. Devid hat da in fast jeder Szene mitgespielt, weil er noch nichts Festes hatte.

Hoss: Hat er da nicht den Kontrabass von Süskind gespielt? Damit hat er mich weggebombt. Er war so komisch und traurig zugleich, ich dachte: Boah! Das habe ich vorher nicht so gesehen. Er hat oft komisch gespielt.

Eidinger: Stimmt. Eigentlich das Gegenteil von diesem Reduzierten, für das er heute bekannt ist. Ihm wurde immer gesagt, alles sei viel zu groß.

ZEITmagazin: Gab es eigentlich Klassenpärchen?

Waschke: Ich war total in Lars verknallt.

Eidinger: Das waren alle.

Haberlandt: Mark hatte ja eine Freundin im Jahr unter uns. Da konnte man sich bemühen, wie man wollte.

Eidinger: Nina war mit einem aus einem Jahrgang über uns zusammen, einem total attraktiven Mann. Nach Rosemarie hat die Bild ein kleines Foto von dem abgedruckt, unscharf und echt schlecht getroffen, da stand drunter: "Haben Sie sich so den Mann von Nina Hoss vorgestellt?"

Haberlandt: Nein! Wie gemein!

Hoss: Ja, das war es. Wir haben dann aber drüber gelacht.

ZEITmagazin: Wie schwierig war das für Sie, mit Anfang zwanzig schon so im Rampenlicht zu stehen?

Hoss: Wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht so wahrgenommen. Mein Leben hatte sich nicht grundlegend verändert. Die Menschen auf der Straße erkannten mich nicht, und nach den Dreharbeiten bin ich wieder ganz in den Schauspielschulalltag abgetaucht. Ich habe den Erfolg natürlich genossen, aber auf der anderen Seite hatte ich noch so viel vor mir. Ich wollte alles auf- und mitnehmen, was mir die Schule zu bieten hatte.

ZEITmagazin: Während Ihres Studiums war im Kino die große Zeit der deutschen Komödie, "Der bewegte Mann", "Männerpension"... Haben Sie damals überhaupt gedacht: Film, das könnte auch was für mich sein?

Haberlandt: Ich nicht.

Eidinger: Es gab ja im Grunde nur Til Schweiger. Ich fand es absurd, dass ausgerechnet die Deutschen, das unlustigste Volk, anfangen, sich an Komödien auszuprobieren.

Hoss: Aber als ich Wir können auch anders von Detlev Buck gesehen habe, war ich schon begeistert.

Waschke: Für mich war der wichtigste Film damals Benny’s Video von Michael Haneke. Danach war mir 24 Stunden lang kotzübel, das war die größte Katharsis, die ich überhaupt nach einem Kunstereignis jemals gehabt hatte. Da dachte ich: Das interessiert mich.

Eidinger: Weißt du noch, wie wir zusammen Funny Games gesehen haben, Mark? Ich kannte Haneke nicht, Mark meinte, wir müssten da unbedingt rein. Funny Games, wird sicher lustig, dachte ich. Auf dem Weg zum Kino liefen wir an der Paris Bar vorbei, drinnen saß Haneke mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe, die ja die Hauptrollen spielen. Wir hatten ein Stadtmagazin dabei, auf dem Titel war ein Foto aus dem Film, das haben wir dann von außen ans Fenster gehalten und geklopft...

Waschke: ...dabei die Daumen hochgehalten und gerufen: "Hallooo! Wir gehen da jetzt rein!"

Eidinger: Im Kino, während die Figuren, die Susanne und Ulrich spielen, gequält und umgebracht wurden, dachte ich: Auweia, und eben haben wir noch so grinsend an der Scheibe gestanden.

ZEITmagazin: Frau Haberlandt und Frau Hoss haben schon während der Studienzeit Filme gemacht, die Männer drehen erst seit ein paar Jahren. Zufall?

Eidinger: Ich hatte da ein richtiges Trauma. Am Ende des Studiums hat mich Nessie Nesslauer angesprochen, das war die Casterin in Deutschland. Sie wollte, dass ich in Kalt ist der Abendhauch Fritzis Bruder spiele. Aber ich hatte schon an der Schaubühne unterschrieben, im Vertrag stand, dass man die ersten zwei Jahre nicht drehen darf. Die Rolle kriegte dann Devid, danach ging seine Karriere steil nach oben. Natürlich hatte das nicht nur mit dem Film zu tun, aber ich habe trotzdem gedacht: Das hätte mein Weg sein können. Da habe ich echt drunter gelitten.

ZEITmagazin: Haben Sie ihm das nicht gegönnt?

Eidinger: Bei manchen Kollegen bin ich extrem neidisch und ärgere mich tot, wenn die eine interessante Rolle kriegen. Bei Devid ist das nicht so, ich habe halt nur gedacht: Vielleicht habe ich die falsche Entscheidung getroffen.

ZEITmagazin: Was haben Sie beim Film als Schauspieler gelernt?

Haberlandt: Mein erster Film war von einem sehr strengen ostdeutschen Regisseur, Egon Günther, der mich dauernd angepfiffen hat: alles zu groß, alles falsch. Ich stand wie der komplette Idiot am Set und wusste gar nicht, was die von mir wollen. Dass ich zu einer Markierung hinlaufen muss und da stehen bleiben soll, dass ich den Arm nicht so hoch heben darf, weil er dann nicht mehr im Bild ist...

Hoss: Mir hat Gernot Roll, der Kameramann bei Rosemarie, viele Tricks gezeigt. Ich wollte intensiv spielen, mich da reinschmeißen, man steht ja richtig unter Dampf, wenn man von der Schauspielschule kommt. Er sagte dann: "Stell dich da mal hin und schicke den Blick nach oben. Das reicht schon." Und plötzlich habe ich gemerkt: Ja, das reicht.

Eidinger: Ich habe durchs Filmen überhaupt erst Zugang zu meiner Emotionalität bekommen. Vorher habe ich viel maskenhafter gespielt. Ohne meine Rolle in Alle anderenhätte ich Hamlet nicht so spielen können, wie ich ihn heute spiele.

ZEITmagazin: Wie kommt das?

Eidinger: Klingt vielleicht doof: Im Theater kannst du auch weinen, indem du dich wegdrehst und die Schultern beben lässt. Aber wenn die Kamera so nah dran ist, kommst du in Zugzwang, das auch zu empfinden.

Waschke: Ich genieße es beim Filmemachen, dass die Kollegen gut vorbereitet ans Set kommen und eine klare Vorstellung von ihrer Rolle und dem ganzen Film haben. Als sei das eine Premiere, die in ein paar Minuten stattfindet. Da ist der Einsatz oft viel größer als beim Theater, wo man sagt: Ja, mal gucken, wir haben ja jetzt acht Wochen Zeit...

Eidinger: Für mich gibt es beim Film einen Widerspruch, den ich nicht auflösen kann: Ich will mich ja als Schauspieler öffnen, allem, was passiert. Im Theater reagiere ich deshalb darauf, wenn Leute rausgehen und frage sie von der Bühne runter, wo sie hingehen. Manche denken, ich will provozieren. Aber es limitiert mich, wenn ich das ausblende.

Haberlandt: Weil du so tun musst, als würdest du es nicht sehen.

Eidinger: Und beim Film musst du das verdrängen, hinter der Kamera ist die Hölle los, du siehst das Catering, Leute, die die Straße blocken... Du aber musst total bei dir selbst bleiben, reagieren, offen sein, und zugleich alles ausblenden. Das finde ich irre schwierig.

Hoss: Geht mir nicht so. Ich liebe diesen Moment, da macht es bei mir: Wumm! Und alles ist einfach weg. Ich bin dann in diesem Moment und erlebe den. Als würde ich eine unbekannte Erfahrung machen.

Eidinger: Das meinte ich damit, dass du in einer anderen Liga spielst. Ohne jede Koketterie: Da bin ich einfach noch nicht. Ab dem "Bitte!" ist das für mich Stress, Stress, Stress. Im Theater habe ich das Gefühl, 500 Leute im Griff zu haben. Beim Drehen reicht es schon, wenn ein Assistent an seiner Jacke rumfummelt, dass ich denke: Ist das nicht interessant genug, was ich hier mache? Im Theater hat der Inspizient mal die ganze Zeit auf seinem Laptop getippt. Ich dachte: Wenn ich den dazu kriege, dass der mir zuhört, dann bin ich echt geil.

ZEITmagazin: Und?

Eidinger: Hab’s nicht geschafft.

ZEITmagazin: Seit Ihrer Zeit an der Schule hat sich der deutsche Film verändert, Regisseure wie Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela Schanelec und Maren Ade gründeten die Berliner Schule. Hatten Sie das Gefühl: Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Hoss: Ich habe das auf jeden Fall, durch die Begegnung mit Christian Petzold. Das ist eine richtige Lebensbegegnung. Mit Christian ging es um Inhalte, da hatte ich das Gefühl, weiterzukommen, als Schauspielerin und im Filmverständnis.

Waschke: Für mich war eine entscheidende Begegnung mit dem Film die Arbeit an Nachmittag von Angela Schanelec. Da war etwas möglich, was ich so noch nicht kannte: eine Intimität und Zerbrechlichkeit des Ausdrucks, eine Lust, das Wesentliche in den Beziehungen der Figuren aus der Einfachheit der Situation heraus entstehen zu lassen. Angela drehte oft lange Einstellungen, sodass wir Schauspieler Verantwortung für den Rhythmus einer Szene hatten. Es ging nicht um eine Inszenierungsidee, der alles untergeordnet war, sondern es wurde etwas aufgemacht, etwas ermöglicht. Diese Direktheit wurde bei meiner Arbeit sehr wichtig, auch im Theater.

Eidinger: Euch ist aber auch bewusst, dass das, was wir machen, etwas für Liebhaber ist, oder? Bei Filmen wie Was bleibt freut man sich, wenn 100000 Leute reingehen. Einen Tatort gucken mehrere Millionen.

Hoss: Vielleicht ist es ein bisschen wie in den siebziger Jahren bei New Hollywood. Da haben auch alle gesagt: Was ist das denn? Und plötzlich wurde das die Bewegung, die die Filme der großen Studios beeinflusst. Und ich glaube, diese Filme, die wir machen, beeinflussen jemanden, der jetzt gerade anfängt, Regie zu studieren. Vielleicht haben nicht Millionen diese Filme gesehen, aber ich habe das Gefühl, an einem relevanten Projekt beteiligt zu sein.

ZEITmagazin: Welcher deutscher Film hat Ihnen in letzter Zeit gut gefallen?

Waschke: Oh Boy. Da habe ich gedacht: Ahh, geht doch!

Haberlandt: Ich fand Staub auf unseren Herzen toll, Susanne Lothars letzter Film. Ich möchte hier mal anmerken, dass der nicht in der Vorauswahl für den deutschen Filmpreis ist! Ein so irritierend lustig-trauriger Film.

Waschke: Das war ja bei Oh Boy ähnlich: witzig und trotzdem rührend.

Haberlandt: Andererseits war ich gestern in Beasts of the Southern Wild. Da habe ich gedacht: Mist, ich möchte in einem Land leben, wo solche Filme gemacht werden! Das ist schon große Kunst. Ich kam so glücklich aus dem Kino, und zugleich dachte ich: Niemals in deinem Leben wirst du in einem solchen Meisterwerk mitspielen. Das ist groß, so groß, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich Menschen solche Geschichten ausdenken. Mit meiner Arbeit hier hat das nichts zu tun, es ist einfach größer.

ZEITmagazin: Woran liegt das? An den Regisseuren, den Mitteln...?

Haberlandt: Es gibt hier wahnsinnig viele Bedenkenträger.

Waschke: In der Branche kommt immer ganz schnell die Frage, ob das "funktioniert". Viel schneller, als man erklären kann, worum es einem geht. Es wird sofort darüber nachgedacht, ob etwas "rezeptionsfähig" ist, ob man das "konsumieren" kann. Da verliert alles schnell an Brisanz.

ZEITmagazin: Frau Hoss, Sie haben mal gesagt, dass Sie Schauspielerin geworden sind, um die Welt zu verändern – und dass Sie das heute nicht mehr so sehen.

Hoss: Ich würde nicht mehr den Begriff "Welt verändern" benutzen. Mir geht es darum, dass es nicht harmlos ist, was ich mache. Und wenn es nur ein Moment ist am Abend, in dem ich das Gefühl habe, wir werden aus unserer Bequemlichkeit gerissen. Dass sowohl ich auf der Bühne als auch das Publikum etwas erfahren, womit wir nicht gerechnet haben und das uns nachdenken lässt.

Waschke: Veränderung hat für mich damit zu tun, genau hinzuschauen. Nicht nur analytisch wie an der Uni, sondern um Widersprüche zu sehen. Ich finde es großartig, dass man am Theater die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit erlebbar machen kann. Das schreit dann automatisch nach Veränderung.

Eidinger: Solche Beweggründe waren für mich nicht so wichtig. Ich hatte eher Angst davor, einen Beruf auszuüben, mit dem ich Teil der Gesellschaft bin.

ZEITmagazin: Gab es eine Alternative zur Schauspielerei?

Eidinger: Im Berufsinformationszentrum wurde mir empfohlen, ich solle Fotograf werden. Leuchtete mir auch ein, ich habe eine Affinität zur Fotografie.

Waschke: Ich habe mir damals zwei Heftchen mitgenommen: Schauspieler und Kunst- und Musiktherapeut.

Haberlandt: Ob die da einem, der das gar nicht vorhat, empfehlen: "Werden Sie doch Schauspieler!", so als normalen Berufsvorschlag? Wär doch lustig.

Eidinger: Was kreuzt man da an? Wenig Arbeit, viel Geld?

Waschke: Viel Arbeit, wenig Geld.

Eidinger: Neulich, im Zusammenhang mit Silvia Seidels Selbstmord, habe ich gelesen, dass nur zwei Prozent aller Schauspieler von ihrem Beruf leben können.

ZEITmagazin: Haben Sie manchmal die Angst, dass der Erfolg ganz schnell vorbei sein kann?

Haberlandt: Ich habe das schon. Diese Unsicherheit. Ich kann so toll sein und so viel Lust haben, wie ich will, es muss immer einer anrufen und mir etwas anbieten. Manchmal beunruhigt mich das mehr, manchmal weniger. Wenn man Theater spielt und Filme macht, hat man zum Glück nicht diese monatelangen Pausen. Würde ich sagen: Ich mache nur noch Kino, wäre mein Erspartes schnell weg. Habt ihr manchmal Existenzängste?

Hoss: Mir ist bewusst, dass man als Schauspieler auf andere angewiesen ist. Aber wenn es mal schlecht läuft, wird mir schon etwas einfallen. Solange ich nicht tief zweifle an dem, was ich tue, und diese Leidenschaft spüre, vertraue ich darauf, dass ich immer irgendwelche Partner finde.

Eidinger: Existenzängste kenne ich wirklich null. Ich finde, die Bürde ist eher, dass man so angreifbar ist. Man funktioniert als Schauspieler ja nur darüber, dass man etwas für jemanden macht und derjenige darauf reagiert. Ich setze mich dem anderen aus und laufe immer Gefahr, einstecken zu müssen. Das ist bei jedem Casting so: Wenn mir der Beruf nicht wichtig wäre, wäre es mir egal, ob ich genommen werde. Aber wenn ich eine Absage kriege, ist das hart. Man sagt nie irgendwann: na dann halt nicht.

ZEITmagazin: Man bekommt kein dickes Fell?

Eidinger: Nein, das widerspricht diesem Beruf. Es wäre das Ende, wenn es einem egal wäre.

Waschke: Ich habe das mal umgekehrt erlebt: Es ging um das Partnercasting, und da war nach Sekunden klar, welche der vier Kolleginnen es sein würde. Das hatte nichts mit objektivem Können zu tun, es stimmte in diesem Moment einfach. Diese Erfahrung hat bei mir einige Ablehnungen relativiert, die ich bekommen habe.

Haberlandt: Dieses Selbstbewusstsein habe ich mittlerweile auch, dass ich nicht denke, ich habe es nicht gebracht, sondern dass es einfach nicht gepasst hat. Aber traurig ist es doch. Beim Casting für Alle anderen hatte ich gedacht, da liege ich so dermaßen drauf, wenn ich das nicht spiele, weiß ich gar nicht, was ich sonst spielen soll. Birgit Minichmayr hat das dann sensationell gemacht, aber ich hatte halt gedacht: Das ist für mich geschrieben! Das zu verschmerzen ist schwierig.

Eidinger: Aber wir vier sind schon in einer privilegierten Situation. Ich kann immer noch sagen: Leckt mich, heute abend spiele ich Hamlet, da werdet ihr schon sehen, dass ich der Größte bin.

ZEITmagazin: Herr Waschke, Sie haben einem Professor an der Schauspielschule Ihren Vater mal so vorgestellt: "Rate mal, was der von Beruf ist: Arzt!" Das klingt, als wollten Sie sagen: Der hat einen richtigen Beruf!

Waschke: In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt.

Haberlandt: Ich begreife das total als Beruf. Ich wohne ja auf dem Dorf in Brandenburg, und wenn die da sagen: Ah, unsere Faxenmacherin, hinstellen, ausziehen und viel Geld verdienen – da versuche ich schon, zumindest für mich zu sagen: Ich arbeite.

Eidinger: Als meine Tochter geboren wurde, hätte sie eigentlich wegen eines Herzfehlers nicht leben können. Dr. Hübler operierte sie im Deutschen Herzzentrum, einen Tag später sah ich ihn in der Kantine in der Schlange stehen und dachte: Das musst du mal einem Schauspieler sagen, dass er sich auf einem Filmset hinten anstellen soll. Für mich ist dieser Mann ein Held. Der hat nicht alle acht Wochen Premiere, sondern jeden Morgen. In meinem Selbstbild hat das einiges verändert. Ich kann mir nicht mehr einreden, dass es etwas Besonderes ist, was wir machen.

ZEITmagazin: Stellen Sie sich vor, wir würden Ihnen jetzt auf der Stelle ein Riesenbudget hinlegen – was für einen Film würden Sie machen?

Waschke: Eine Serie über die Potsdamer Straße. Da gibt es Gentrifizierung, Migranten, Frauen mit teuren Kinderwägen, Prostitution und Drogenhandel, da ziehen Galerien hin. Die Geschichten liegen wirklich auf der Straße.

Eidinger: Ich glaube, ich würde einen Film machen über einen Stoffhasen, der keine Ohren hat.

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Leserkommentare
    • Thoth16
    • 09. Februar 2013 18:59 Uhr

    "Ich will Schauspieler werden". (Und dazu gehöre ich auch.)

    Sehr schönes Interview mit interessanten Einblicken ins Leben eines Schauspielers. Manchem mag das Gesagte vorkommen wie eine Entzauberung, ich aber fand es sehr erfrischend, den Beruf Schauspieler einmal nüchtern betrachtet zu sein, abseits von Hollywoods Glanzlichtern.

    Schade nur, dass Nina Hoss sich so sehr zurück gehalten hat.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

  1. und The Boss Hoss irgendwie zusammenhängen, Mutter und Vater oder Ehemann usw? Danke !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

  2. Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

    Eine Leserempfehlung
  3. Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

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