Deutsche SchauspielerEine Klasse für sich
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Der erste Auftritt: verpatzt

ZEITmagazin: Frau Haberlandt und Frau Hoss, Sie sind seit Ihrem Studium eng befreundet. Wie ging das damals los?

Haberlandt: Mit einem verpatzten Auftritt...

Hoss: Unsere Schule sollte mit der Hochschule der Künste zusammengelegt werden. Wir haben dagegen demonstriert. Teil des Protestes war, dass wir an die Theater gingen, unsere Petition vorlasen und Unterschriften sammelten, nach dem Applaus. Fritzi und ich waren für die Schaubühne eingeteilt...

Haberlandt: ...Otto Sander hat uns angekündigt!

Hoss: "Jetzt kommen zwei junge Kolleginnen." Und wir beide dachten: Oh Gott, diese Bühne!

Haberlandt: Wir haben ganz schüchtern mit dünnen Stimmchen angefangen zu lesen: "Wir fordern, dass die Ernst-Busch..." Aus dem Publikum kam sofort: "Lauter! Lauter!" Wir haben keine einzige Unterschrift bekommen.

Eidinger: Ich habe Fritzi schon bei der Zugangsprüfung bemerkt und dachte, ehrlich gesagt: Die ist verrückt. Du hattest so einen Kassettenrekorder dabei, der stand an der Wand, du ganz dicht davor, und du bist komplett deine Rolle durchgegangen... Erinnerst du dich?

Haberlandt: Nein! War das die erste Runde?

Eidinger: Die zweite. So eine polnische Dozentin hat auf dich eingeredet, und du standst völlig autistisch vor dieser Wand. Was haben die dir bei der Prüfung gesagt?

Haberlandt: Die polnische Dozentin meinte, ich solle alles anders machen. Mit ihrem Akzent klang das so: "Nase sagt ja, alles andere scheiße!" Ich dachte erst, die meint meine Nase... Sie meinte natürlich ihr Gespür.

Eidinger: Anfangs hatte ich Berührungsängste vor der Schauspielerei und dem Gewese, was um sie gemacht wird. Als sei sie etwas Heiliges, Unbenennbares. Ich war erleichtert, dass an der Schule ganz nüchtern beschrieben wurde: Wenn du das so und so spielst, sehe ich aber das und das. In unserer Klasse war einer, der irre intensiv gespielt hat, dem sind die Tränen waagerecht aus den Augen geschossen. Ich habe ihn mal gefragt: "Wie machst du das?" Und er dann: "Ich erinnere mich daran, wie ich mir als Kind den Schwanz im Hosenstall eingeklemmt habe." Das war eine so profane, nachvollziehbare Erklärung. Ich war richtig glücklich, dass dieses Mysterium Schauspielerei entzaubert wurde.

ZEITmagazin: Haben Sie sich gegenseitig kritisch beäugt: Was hat der drauf, wie gut ist die schon?

Eidinger: Am Anfang haben wir uns die Rollen vorgespielt, mit denen wir uns beworben hatten. Und bei Nina...

Waschke: ...da fragte man sich: Was will die eigentlich noch hier?

Eidinger: Das war so völlig jenseits von dem, was ich mit 19 überhaupt in der Lage gewesen wäre zu leisten.

ZEITmagazin: Was haben Sie gespielt?

Hoss: Die Nina aus der Möwe von Tschechow.

Haberlandt: Das war wirklich der Wahnsinn.

ZEITmagazin: Sie waren alle neidisch.

Eidinger: Nein, es ist ja viel schlimmer, wenn einer nur knapp besser ist als man selbst. Aber wenn jemand so völlig in einer anderen Liga spielt... Und Nina bietet ja auch sonst keine Angriffsfläche, sodass man denkt: Dafür ist sie scheiße oder eine arrogante Kuh oder eine Diva. Ich habe das einfach nur bewundert.

Er war der Jüngste, sie schnell ein Star: 1995 lernten sich Nina und Lars Eidinger an der Ernst-Busch-Schauspiele kennen

Er war der Jüngste, sie schnell ein Star: 1995 lernten sich Nina und Lars Eidinger an der Ernst-Busch-Schauspiele kennen  |  © Till Janz und Hendrik Schneider

ZEITmagazin: Frau Hoss, schon im ersten Studienjahr bot Ihnen Bernd Eichinger die Hauptrolle in "Das Mädchen Rosemarie" an. Wie fand Ihre Klasse das?

Hoss: Die hat mir überhaupt erst erlaubt, den Film zu drehen. Eigentlich darf man im ersten Jahr nicht raus, aber so ein Angebot kann man ja nicht absagen! Professor Drescher, der Mentor unserer Klasse, hatte mir geraten: Lassen wir die Klasse abstimmen. Weil dann niemand sagen konnte: Aber der haben sie das einfach so erlaubt!

Eidinger: Und wenn wir Nein gesagt hätten?

Hoss: Hätte ich es trotzdem gemacht. Aber ich hätte das Jahr wiederholen müssen.

ZEITmagazin: Professor Drescher hat uns verraten, dass Frau Hoss die Schule doch gebraucht hat, weil die Klasse so gut war, dass auch sie noch besser wurde. Man habe gleich gemerkt: Das ist ein ganz besonderer Jahrgang.

Haberlandt: Das ist doch Quatsch, wir waren eher ein Loser-Jahrgang.

Hoss: Da sind Leute rausgeschmissen worden.

Haberlandt: Oder bei Devid, da hätte doch anfangs keiner vermutet, dass der mal so groß rauskommen würde.

ZEITmagazin: Heute ist Devid Striesow einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler.

Eidinger: Als ein Dozent zu ihm nach einer Szene mal meinte, das wäre total operettig, das könne man nicht so machen, habe ich ihm gesagt: Mach dir nichts draus, Devid, ich fand es geil. Am Ende der Schulzeit, als die Intendanten kamen, um uns beim Vorspiel zuzuschauen, waren die meisten von uns schon engagiert. Devid hat da in fast jeder Szene mitgespielt, weil er noch nichts Festes hatte.

Hoss: Hat er da nicht den Kontrabass von Süskind gespielt? Damit hat er mich weggebombt. Er war so komisch und traurig zugleich, ich dachte: Boah! Das habe ich vorher nicht so gesehen. Er hat oft komisch gespielt.

Eidinger: Stimmt. Eigentlich das Gegenteil von diesem Reduzierten, für das er heute bekannt ist. Ihm wurde immer gesagt, alles sei viel zu groß.

ZEITmagazin: Gab es eigentlich Klassenpärchen?

Waschke: Ich war total in Lars verknallt.

Eidinger: Das waren alle.

Haberlandt: Mark hatte ja eine Freundin im Jahr unter uns. Da konnte man sich bemühen, wie man wollte.

Eidinger: Nina war mit einem aus einem Jahrgang über uns zusammen, einem total attraktiven Mann. Nach Rosemarie hat die Bild ein kleines Foto von dem abgedruckt, unscharf und echt schlecht getroffen, da stand drunter: "Haben Sie sich so den Mann von Nina Hoss vorgestellt?"

Haberlandt: Nein! Wie gemein!

Hoss: Ja, das war es. Wir haben dann aber drüber gelacht.

Leserkommentare
    • Thoth16
    • 09. Februar 2013 18:59 Uhr

    "Ich will Schauspieler werden". (Und dazu gehöre ich auch.)

    Sehr schönes Interview mit interessanten Einblicken ins Leben eines Schauspielers. Manchem mag das Gesagte vorkommen wie eine Entzauberung, ich aber fand es sehr erfrischend, den Beruf Schauspieler einmal nüchtern betrachtet zu sein, abseits von Hollywoods Glanzlichtern.

    Schade nur, dass Nina Hoss sich so sehr zurück gehalten hat.

    4 Leserempfehlungen
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    Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

  1. und The Boss Hoss irgendwie zusammenhängen, Mutter und Vater oder Ehemann usw? Danke !

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    Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

  2. Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

    Eine Leserempfehlung
  3. Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

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