ZEITmagazin: Wie schwierig war das für Sie, mit Anfang zwanzig schon so im Rampenlicht zu stehen?

Hoss: Wenn ich ehrlich bin, habe ich das nicht so wahrgenommen. Mein Leben hatte sich nicht grundlegend verändert. Die Menschen auf der Straße erkannten mich nicht, und nach den Dreharbeiten bin ich wieder ganz in den Schauspielschulalltag abgetaucht. Ich habe den Erfolg natürlich genossen, aber auf der anderen Seite hatte ich noch so viel vor mir. Ich wollte alles auf- und mitnehmen, was mir die Schule zu bieten hatte.

ZEITmagazin: Während Ihres Studiums war im Kino die große Zeit der deutschen Komödie, "Der bewegte Mann", "Männerpension"... Haben Sie damals überhaupt gedacht: Film, das könnte auch was für mich sein?

Haberlandt: Ich nicht.

Eidinger: Es gab ja im Grunde nur Til Schweiger. Ich fand es absurd, dass ausgerechnet die Deutschen, das unlustigste Volk, anfangen, sich an Komödien auszuprobieren.

Hoss: Aber als ich Wir können auch anders von Detlev Buck gesehen habe, war ich schon begeistert.

Waschke: Für mich war der wichtigste Film damals Benny’s Video von Michael Haneke. Danach war mir 24 Stunden lang kotzübel, das war die größte Katharsis, die ich überhaupt nach einem Kunstereignis jemals gehabt hatte. Da dachte ich: Das interessiert mich.

Eidinger: Weißt du noch, wie wir zusammen Funny Games gesehen haben, Mark? Ich kannte Haneke nicht, Mark meinte, wir müssten da unbedingt rein. Funny Games, wird sicher lustig, dachte ich. Auf dem Weg zum Kino liefen wir an der Paris Bar vorbei, drinnen saß Haneke mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe, die ja die Hauptrollen spielen. Wir hatten ein Stadtmagazin dabei, auf dem Titel war ein Foto aus dem Film, das haben wir dann von außen ans Fenster gehalten und geklopft...

Waschke: ...dabei die Daumen hochgehalten und gerufen: "Hallooo! Wir gehen da jetzt rein!"

Eidinger: Im Kino, während die Figuren, die Susanne und Ulrich spielen, gequält und umgebracht wurden, dachte ich: Auweia, und eben haben wir noch so grinsend an der Scheibe gestanden.

ZEITmagazin: Frau Haberlandt und Frau Hoss haben schon während der Studienzeit Filme gemacht, die Männer drehen erst seit ein paar Jahren. Zufall?

Eidinger: Ich hatte da ein richtiges Trauma. Am Ende des Studiums hat mich Nessie Nesslauer angesprochen, das war die Casterin in Deutschland. Sie wollte, dass ich in Kalt ist der Abendhauch Fritzis Bruder spiele. Aber ich hatte schon an der Schaubühne unterschrieben, im Vertrag stand, dass man die ersten zwei Jahre nicht drehen darf. Die Rolle kriegte dann Devid, danach ging seine Karriere steil nach oben. Natürlich hatte das nicht nur mit dem Film zu tun, aber ich habe trotzdem gedacht: Das hätte mein Weg sein können. Da habe ich echt drunter gelitten.

ZEITmagazin: Haben Sie ihm das nicht gegönnt?

Eidinger: Bei manchen Kollegen bin ich extrem neidisch und ärgere mich tot, wenn die eine interessante Rolle kriegen. Bei Devid ist das nicht so, ich habe halt nur gedacht: Vielleicht habe ich die falsche Entscheidung getroffen.

ZEITmagazin: Was haben Sie beim Film als Schauspieler gelernt?

Haberlandt: Mein erster Film war von einem sehr strengen ostdeutschen Regisseur, Egon Günther, der mich dauernd angepfiffen hat: alles zu groß, alles falsch. Ich stand wie der komplette Idiot am Set und wusste gar nicht, was die von mir wollen. Dass ich zu einer Markierung hinlaufen muss und da stehen bleiben soll, dass ich den Arm nicht so hoch heben darf, weil er dann nicht mehr im Bild ist...

Hoss: Mir hat Gernot Roll, der Kameramann bei Rosemarie, viele Tricks gezeigt. Ich wollte intensiv spielen, mich da reinschmeißen, man steht ja richtig unter Dampf, wenn man von der Schauspielschule kommt. Er sagte dann: "Stell dich da mal hin und schicke den Blick nach oben. Das reicht schon." Und plötzlich habe ich gemerkt: Ja, das reicht.

Eidinger: Ich habe durchs Filmen überhaupt erst Zugang zu meiner Emotionalität bekommen. Vorher habe ich viel maskenhafter gespielt. Ohne meine Rolle in Alle anderenhätte ich Hamlet nicht so spielen können, wie ich ihn heute spiele.

ZEITmagazin: Wie kommt das?

Eidinger: Klingt vielleicht doof: Im Theater kannst du auch weinen, indem du dich wegdrehst und die Schultern beben lässt. Aber wenn die Kamera so nah dran ist, kommst du in Zugzwang, das auch zu empfinden.

Waschke: Ich genieße es beim Filmemachen, dass die Kollegen gut vorbereitet ans Set kommen und eine klare Vorstellung von ihrer Rolle und dem ganzen Film haben. Als sei das eine Premiere, die in ein paar Minuten stattfindet. Da ist der Einsatz oft viel größer als beim Theater, wo man sagt: Ja, mal gucken, wir haben ja jetzt acht Wochen Zeit...

Eidinger: Für mich gibt es beim Film einen Widerspruch, den ich nicht auflösen kann: Ich will mich ja als Schauspieler öffnen, allem, was passiert. Im Theater reagiere ich deshalb darauf, wenn Leute rausgehen und frage sie von der Bühne runter, wo sie hingehen. Manche denken, ich will provozieren. Aber es limitiert mich, wenn ich das ausblende.

Haberlandt: Weil du so tun musst, als würdest du es nicht sehen.

Eidinger: Und beim Film musst du das verdrängen, hinter der Kamera ist die Hölle los, du siehst das Catering, Leute, die die Straße blocken... Du aber musst total bei dir selbst bleiben, reagieren, offen sein, und zugleich alles ausblenden. Das finde ich irre schwierig.

Hoss: Geht mir nicht so. Ich liebe diesen Moment, da macht es bei mir: Wumm! Und alles ist einfach weg. Ich bin dann in diesem Moment und erlebe den. Als würde ich eine unbekannte Erfahrung machen.

Eidinger: Das meinte ich damit, dass du in einer anderen Liga spielst. Ohne jede Koketterie: Da bin ich einfach noch nicht. Ab dem "Bitte!" ist das für mich Stress, Stress, Stress. Im Theater habe ich das Gefühl, 500 Leute im Griff zu haben. Beim Drehen reicht es schon, wenn ein Assistent an seiner Jacke rumfummelt, dass ich denke: Ist das nicht interessant genug, was ich hier mache? Im Theater hat der Inspizient mal die ganze Zeit auf seinem Laptop getippt. Ich dachte: Wenn ich den dazu kriege, dass der mir zuhört, dann bin ich echt geil.

ZEITmagazin: Und?

Eidinger: Hab’s nicht geschafft.