Deutsche SchauspielerEine Klasse für sich
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"Ich habe das Gefühl, an einem relevanten Projekt beteiligt zu sein"

ZEITmagazin: Seit Ihrer Zeit an der Schule hat sich der deutsche Film verändert, Regisseure wie Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela Schanelec und Maren Ade gründeten die Berliner Schule. Hatten Sie das Gefühl: Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Hoss: Ich habe das auf jeden Fall, durch die Begegnung mit Christian Petzold. Das ist eine richtige Lebensbegegnung. Mit Christian ging es um Inhalte, da hatte ich das Gefühl, weiterzukommen, als Schauspielerin und im Filmverständnis.

Waschke: Für mich war eine entscheidende Begegnung mit dem Film die Arbeit an Nachmittag von Angela Schanelec. Da war etwas möglich, was ich so noch nicht kannte: eine Intimität und Zerbrechlichkeit des Ausdrucks, eine Lust, das Wesentliche in den Beziehungen der Figuren aus der Einfachheit der Situation heraus entstehen zu lassen. Angela drehte oft lange Einstellungen, sodass wir Schauspieler Verantwortung für den Rhythmus einer Szene hatten. Es ging nicht um eine Inszenierungsidee, der alles untergeordnet war, sondern es wurde etwas aufgemacht, etwas ermöglicht. Diese Direktheit wurde bei meiner Arbeit sehr wichtig, auch im Theater.

Eidinger: Euch ist aber auch bewusst, dass das, was wir machen, etwas für Liebhaber ist, oder? Bei Filmen wie Was bleibt freut man sich, wenn 100000 Leute reingehen. Einen Tatort gucken mehrere Millionen.

Hoss: Vielleicht ist es ein bisschen wie in den siebziger Jahren bei New Hollywood. Da haben auch alle gesagt: Was ist das denn? Und plötzlich wurde das die Bewegung, die die Filme der großen Studios beeinflusst. Und ich glaube, diese Filme, die wir machen, beeinflussen jemanden, der jetzt gerade anfängt, Regie zu studieren. Vielleicht haben nicht Millionen diese Filme gesehen, aber ich habe das Gefühl, an einem relevanten Projekt beteiligt zu sein.

ZEITmagazin: Welcher deutscher Film hat Ihnen in letzter Zeit gut gefallen?

Waschke: Oh Boy. Da habe ich gedacht: Ahh, geht doch!

Haberlandt: Ich fand Staub auf unseren Herzen toll, Susanne Lothars letzter Film. Ich möchte hier mal anmerken, dass der nicht in der Vorauswahl für den deutschen Filmpreis ist! Ein so irritierend lustig-trauriger Film.

Waschke: Das war ja bei Oh Boy ähnlich: witzig und trotzdem rührend.

Haberlandt: Andererseits war ich gestern in Beasts of the Southern Wild. Da habe ich gedacht: Mist, ich möchte in einem Land leben, wo solche Filme gemacht werden! Das ist schon große Kunst. Ich kam so glücklich aus dem Kino, und zugleich dachte ich: Niemals in deinem Leben wirst du in einem solchen Meisterwerk mitspielen. Das ist groß, so groß, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich Menschen solche Geschichten ausdenken. Mit meiner Arbeit hier hat das nichts zu tun, es ist einfach größer.

ZEITmagazin: Woran liegt das? An den Regisseuren, den Mitteln...?

Haberlandt: Es gibt hier wahnsinnig viele Bedenkenträger.

Waschke: In der Branche kommt immer ganz schnell die Frage, ob das "funktioniert". Viel schneller, als man erklären kann, worum es einem geht. Es wird sofort darüber nachgedacht, ob etwas "rezeptionsfähig" ist, ob man das "konsumieren" kann. Da verliert alles schnell an Brisanz.

ZEITmagazin: Frau Hoss, Sie haben mal gesagt, dass Sie Schauspielerin geworden sind, um die Welt zu verändern – und dass Sie das heute nicht mehr so sehen.

Hoss: Ich würde nicht mehr den Begriff "Welt verändern" benutzen. Mir geht es darum, dass es nicht harmlos ist, was ich mache. Und wenn es nur ein Moment ist am Abend, in dem ich das Gefühl habe, wir werden aus unserer Bequemlichkeit gerissen. Dass sowohl ich auf der Bühne als auch das Publikum etwas erfahren, womit wir nicht gerechnet haben und das uns nachdenken lässt.

Waschke: Veränderung hat für mich damit zu tun, genau hinzuschauen. Nicht nur analytisch wie an der Uni, sondern um Widersprüche zu sehen. Ich finde es großartig, dass man am Theater die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit erlebbar machen kann. Das schreit dann automatisch nach Veränderung.

Eidinger: Solche Beweggründe waren für mich nicht so wichtig. Ich hatte eher Angst davor, einen Beruf auszuüben, mit dem ich Teil der Gesellschaft bin.

ZEITmagazin: Gab es eine Alternative zur Schauspielerei?

Eidinger: Im Berufsinformationszentrum wurde mir empfohlen, ich solle Fotograf werden. Leuchtete mir auch ein, ich habe eine Affinität zur Fotografie.

Waschke: Ich habe mir damals zwei Heftchen mitgenommen: Schauspieler und Kunst- und Musiktherapeut.

Haberlandt: Ob die da einem, der das gar nicht vorhat, empfehlen: "Werden Sie doch Schauspieler!", so als normalen Berufsvorschlag? Wär doch lustig.

Eidinger: Was kreuzt man da an? Wenig Arbeit, viel Geld?

Waschke: Viel Arbeit, wenig Geld.

Eidinger: Neulich, im Zusammenhang mit Silvia Seidels Selbstmord, habe ich gelesen, dass nur zwei Prozent aller Schauspieler von ihrem Beruf leben können.

ZEITmagazin: Haben Sie manchmal die Angst, dass der Erfolg ganz schnell vorbei sein kann?

Haberlandt: Ich habe das schon. Diese Unsicherheit. Ich kann so toll sein und so viel Lust haben, wie ich will, es muss immer einer anrufen und mir etwas anbieten. Manchmal beunruhigt mich das mehr, manchmal weniger. Wenn man Theater spielt und Filme macht, hat man zum Glück nicht diese monatelangen Pausen. Würde ich sagen: Ich mache nur noch Kino, wäre mein Erspartes schnell weg. Habt ihr manchmal Existenzängste?

Hoss: Mir ist bewusst, dass man als Schauspieler auf andere angewiesen ist. Aber wenn es mal schlecht läuft, wird mir schon etwas einfallen. Solange ich nicht tief zweifle an dem, was ich tue, und diese Leidenschaft spüre, vertraue ich darauf, dass ich immer irgendwelche Partner finde.

Eidinger: Existenzängste kenne ich wirklich null. Ich finde, die Bürde ist eher, dass man so angreifbar ist. Man funktioniert als Schauspieler ja nur darüber, dass man etwas für jemanden macht und derjenige darauf reagiert. Ich setze mich dem anderen aus und laufe immer Gefahr, einstecken zu müssen. Das ist bei jedem Casting so: Wenn mir der Beruf nicht wichtig wäre, wäre es mir egal, ob ich genommen werde. Aber wenn ich eine Absage kriege, ist das hart. Man sagt nie irgendwann: na dann halt nicht.

Leserkommentare
    • Thoth16
    • 09. Februar 2013 18:59 Uhr

    "Ich will Schauspieler werden". (Und dazu gehöre ich auch.)

    Sehr schönes Interview mit interessanten Einblicken ins Leben eines Schauspielers. Manchem mag das Gesagte vorkommen wie eine Entzauberung, ich aber fand es sehr erfrischend, den Beruf Schauspieler einmal nüchtern betrachtet zu sein, abseits von Hollywoods Glanzlichtern.

    Schade nur, dass Nina Hoss sich so sehr zurück gehalten hat.

    4 Leserempfehlungen
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    Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

  1. und The Boss Hoss irgendwie zusammenhängen, Mutter und Vater oder Ehemann usw? Danke !

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    Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

  2. Ich habe noch nie einen ernsthaften Gedanken daran verschwendet, die Schauspielerei zu meinem Beruf zu machen. Ich sehe das ein bisschen wie Herr Waschke:

    "In der Situation ging es mir um etwas anderes. Aber ich begreife die Schauspielerei nicht so als Beruf, wie Schreiner oder Busfahrer. Ich mache Theater, Lesungen, Filme, und angenehmerweise kann ich damit Geld verdienen. Das ist schon was anderes als: Mein Vater ist Arzt."

    Allerdings ziehe ich daraus für mich andere Schlüsse: wenn ich Theater spiele, dann denke ich dabei eigentlich nie an Geld. Was ich mir wohl nur deshalb erlauben kann, weil ich es eben nicht als Beruf mache.

    Aus meiner Sicht ein Vorteil des Hobbschauspielerdaseins: Man ist freier darin, sich auszusuchen, was man macht. Man kann eine Rolle auch mal ablehnen, ohne gleich finanzielle Probleme zu bekommen, man bestimmt überhaupt mit den anderen Kollegen selbst, was man eigentlich inszenieren will, und übernimmt auch ein wenig Regiearbeit. So einflussreich sind weltweit wohl nur eine Handvoll Berufsschauspieler.

    Der "Preis" dafür ist halt, dass man sich auch mal mit 100 Zuschauern insgesamt und nur wenigen Aufführungen zufrieden geben muss. Aber das ist es mir wert.

    Schauspielerei ist trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deswegen eine schöne Sache.

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  3. Boss X / Hoss Y sind Künstlernamen. Der Bandname daraus zusammengesetzt.

    Hat mit Frau Hoss nichts zu tun, die trägt wohl ihren echten Namen.

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