Privatschulen : Vielfalt wird Luxus

Rückläufige Schülerzahlen bedrohen Brandenburgs Schulen. Nun kürzt das Land den Zuschuss für private Träger.

Am Bahnhof in Heiligengrabe, nordwestliches Brandenburg, auf halbem Weg zwischen Wittstock und Pritzwalk, hält der Zug nur gelegentlich. Die Bushaltestelle ist verwaist. Wer in den Ort will, muss zu Fuß gehen. Fragt man die Leute hier, wie die Gegend so sei, sagen sie bedeutungsvoll: strukturschwach. Randregion. Kein Ort, an dem man eine Schule gründen würde.

Gunar Rihn hat das gemacht, vor sechs Jahren, mit seiner Frau. Khalil-Gibran-Oberschule haben sie sie genannt, nach dem libanesisch-amerikanischen Künstler und Philosophen. Gerade sind die Kredite abbezahlt, erzählt Gunar Rihn, Mitte 40, schmales Gesicht, Allwetterkleidung, als er über das Klostergelände geht. Eines der Gebäude wurde für eine halbe Million Euro renoviert. Die Anlage stammt aus dem 17. Jahrhundert, der großzügige Hof ist eingeschneit. Es könnte eine schicke Edelprivatschule sein – wäre das Geld nicht so knapp.

"Seit diesem Jahr sind wir finanziell ernsthaft in Gefahr", sagt Gunar Rihn. Brandenburg fährt die Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft massiv zurück. Bis zu 30 Prozent weniger Geld sollen sie in Zukunft erhalten. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen wurden in letzter Zeit Einsparungen beschlossen, aber nirgendwo so drastische wie in Brandenburg. "In Zukunft wird es für private Schulen verdammt schwer werden, sich im Wettbewerb mit staatlichen Schulen zu behaupten", sagt Helmut Klein, Autor einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln zur Privatschulfinanzierung.

Schulen in freier Trägerschaft sind in Deutschland vom Grundgesetz geschützt. Die Bundesländer müssen sie finanziell unterstützen (siehe Kasten). Die Begründung: Eltern sollen frei entscheiden können, ob sie ihr Kind auf eine staatliche Schule oder eine private schicken wollen. In Brandenburg bekam eine Privatschule bisher rund 60 Prozent der Kosten vom Staat erstattet. Pro Schüler waren das an einer Oberschule, wie sie Gunar Rihn gegründet hat, rund 3.300 Euro im Jahr. Dieser Betrag wird in Zukunft deutlich kleiner ausfallen. Die privaten Schulen sehen nun ihr Existenzrecht infrage gestellt und haben Verfassungsklage eingereicht.

Dabei ging es den freien Schulen lange gut. Während manche der staatlichen wegen des Geburtenrückgangs schließen mussten, gründeten Elternvereine dutzendfach Reformschulen. 2001 war nur jede 20. Schule privat, 2011 schon jede sechste. Für die Eltern: viel Auswahl. Für das Land: Konkurrenten im Wettbewerb um ein knappes Gut. Der Bevölkerungsschwund in Brandenburg ist dramatisch. Seit der Wende hat sich die Zahl der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen fast halbiert. Trotzdem will das Land, das gerade mit der Konsolidierung seines maroden Haushalts begonnen hat, ein flächendeckendes Netz von Schulen erhalten. Das klappt aber nur, wenn die privaten nicht zu stark werden. "Es macht doch keinen Sinn, wenn wir uns in der Provinz noch um den letzten Schüler prügeln", sagt ein Sprecher des Ministeriums.

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