BundeswehrBrauchen wir Drohnen?

Die Bundeswehr will bewaffnete Drohnen anschaffen: Ist das der Einstieg in den enthemmten Roboterkrieg? Oder helfen sie, die Zahl der Opfer in asymmetrischen Konflikten zu vermindern? von  und

 RQ-1

US-Drohne vom Typ RQ-1 Predator  |  © Rob Jensen/USAF via Getty Images

Ja, sagt Jochen Bittner. Drohnen schützen Soldaten und erhöhen die Hemmschwelle für Angriffe. Wir müssen ihren Einsatz eingrenzen, nicht verteufeln!

Bewaffnete Drohnen können, das muss man sich mal vorstellen, Leben retten. Um es ganz konkret zu machen: Vielleicht hätten sie verhindert, dass am Karfreitag 2010 bei dem Dorf Isa Khel drei Bundeswehrsoldaten starben. Deren Patrouillenzug sah sich plötzlich einer Überzahl von Angreifern gegenüber. Nach den ersten Schusswechseln wurde die Lage zwischen Deutschen und Taliban so unübersichtlich, dass angeforderte Kampfjets keine Bomben mehr abwerfen konnten. Am Ende dauerte das Gefecht fast zehn Stunden, neben den drei Toten gab es acht Schwerverletzte. Wären die Soldaten von einer raketenbestückten Drohne begleitet worden, hätte sie das Gefecht womöglich beenden können, bevor es richtig begann. Wer der Bundeswehr einen solchen Schutz vorenthalten will, wer glaubt, mit solchen Neuerungen werde die Hemmschwelle für Einsätze gesenkt, der plädiere bitte auch dafür, die Panzerung von Patrouillenfahrzeugen abzuschrauben. Die senkt nämlich auch die Hemmschwelle zum Ausrücken. Zutreffen dürfte eine Hemmschwellenwirkung eher in die andere Richtung: Aufseiten der Angreifer wird sie steigen. Es gibt Soldaten, die behaupten, die Taliban suchten sich gezielt deutsche Trupps als Angriffsziele aus; sie gälten als leichte Beute.

Die Kritik an den Drohnenplänen für die Bundeswehr gründet auf einer Unterstellung. Sie lautet, dass die Bundesregierung – genauso wie der US-Präsident – ferngelenkte »Killermaschinen« nutzen wolle, um Islamisten oder andere Staatsfeinde irgendwo in Asien oder Afrika ohne Eigengefährdung zu töten. Will sie das wirklich?

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Verteidigungsminister Thomas de Maizière hält es, wie er mehrfach erklärt hat, für einen »strategischen Fehler« der US-Regierung, mutmaßliche Terroristen mit unbemannten Flugzeugen zu bekämpfen, ohne selbst Soldaten in die betreffenden Ländern entsandt zu haben. Dieses Urteil ist richtig, und zwar aus einem einfachen, bleibenden Grund: Raketenschläge aus dem Hinterhalt in Bevölkerungskreise, die dem Westen ohnehin tendenziell feindlich gesinnt sind, erschaffen mehr Extremismus und Hass, als sie beseitigen. Amerika und Europa mögen reich sein, aber moralisch sind sie arm, ja feige – das ist genau die Weltsicht des islamistischen Terrorismus. Treffsicherer als durch Drohnenangriffe aus heiterem Himmel lässt sie sich kaum bestätigen.

Die Bundesregierung will, glaubt man ihren Absichten, Kampfdrohnen gerade nicht als Ersatz für einen Auslandseinsatz anschaffen, sondern als Instrument im Auslandseinsatz. Zum Eigenschutz, nicht als langen Arm der Außenpolitik.

Sicher, schon der nächste Bundesverteidigungsminister könnte das ganz anders sehen. Ein Meinungswandel würde aber nicht die Rechtslage ändern. Sie ist klar: Drohnenangriffe außerhalb bewaffneter Konflikte sind völkerrechtswidrig, es sind extralegale Hinrichtungen. Nun hat Deutschland die Todesstrafe ohnehin abgeschafft, aber selbst wenn nicht: Niemand dürfte ohne Gerichtsurteil getötet werden. Wer es dennoch tut und dabei die Souveränität eines fremden Landes verletzt, kann nicht nur wegen Mordes, sondern bald auch wegen des Verbrechens der Aggression vor dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) angeklagt werden. Die US-Regierung hat sich gegen all diese Einhegungen gewappnet. Zum einen befindet sich Amerika offiziell im Krieg gegen Al-Kaida und kann Drohnenziele daher kurzerhand zu »Kombattanten« erklären. Und das ICC-Statut haben die Vereinigten Staaten gar nicht erst ratifiziert.

Ist es denkbar, dass Deutsche sich über das Völkerrecht hinwegsetzen? Dass sie Drohnen einsetzen, um Menschen auch abseits von Gefechtsfeldern zu töten? Ja, ist es. Es ist in Afghanistan auch schon vorgekommen, dass die Bundeswehr unter Verletzung von Einsatzregeln zwei Tanklaster bombardiert und dabei wahrscheinlich über hundert Unschuldige getötet hat – ganz ohne Drohnen. Waffen lassen sich furchtbar missbrauchen. Das ist nicht zu ändern. Entscheidend bleibt, dass sich eine Demokratie die Fähigkeit erhält, Missbrauch zu benennen und zu bestrafen. Dass Deutschland diese kritische Öffentlichkeit besitzt, darf man eher unterstellen als die Neigung, in einen war on terror nach amerikanischem Vorbild abzugleiten.

Nein, sagt Ulrich Ladurner. Drohnen machen das Töten leichter. Sie nähren die Illusion, die Welt aus der Distanz kontrollieren zu können. Wir müssen Sie verhindern! 

Die Bundeswehr soll das Land verteidigen und dafür die besten Waffen bekommen. Verteidigungsminister Thomas de Maizière zählt unbemannte bewaffnete Flugkörper zu diesen Waffen und will sie anschaffen. Sind Kampfdrohnen aber wirklich geeignet, Deutschland zu verteidigen?

Auf den ersten Blick sind die Vorteile einleuchtend. Sie töten den Gegner aus der Distanz, ohne Gefahr für das Leben eigener Soldaten; sie sind relativ billig; sie können länger in der Luft bleiben als jedes herkömmliche Flugzeug. De Maizière hält Kampfdrohnen für »die Zukunft der Luftfahrt«. Im Bundestag erklärte er: »Wir können nicht sagen, wir bleiben bei der Postkutsche, wenn alle anderen die Eisenbahn entwickeln.«

Leserkommentare
  1. ...das Journalisten über Dinge urteilen, von denen sie wohl nichts verstehen, aber zum Glück habe sie Kollegen die das umso besser können.

    Zu Herrn Ladurner brauche ich nichts sagen, der trifft den Nagel auf den Kopf...
    ...aber Herr Bittner...

    Ja, Soldaten im Gefecht können Luftnahunterstützung gut gebrauchen, aber wenn sie wählen könnten, würden sie bestimmt nicht für die billigste der Varianten (aka bewaffnete Drohnen) entscheiden, sondern für Kampfhubschrauber oder Bodenkampfflugzeuge (z.b. A-10 oder Su-25).

    Der EINZIGE militärische Vorteil der Drohnen ist ihre lange Verweilzeit.
    Ihre Bewaffnung ist schlechter, sie sind fragiler, ihr Operator sieht schlechter.
    Ihre wirtschaftlichen Vorteile sind aber bestechend, wenn man preisgünstig imperiale Aufstandsbekämpfung betreiben will.
    Dann ist der Betrieb z.B. von Kampfhubschraubern viel zu teuer.

    Da aber Herr Bittner in diesem Artikel auf die militärischen und wirtschaftlichen Effekte nicht eingeht ist sein Urteil...
    ...unvollkommen.

    15 Leserempfehlungen
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    • lm.80
    • 17. Februar 2013 13:24 Uhr

    Ein entscheidender Nachteil von Fernsteuerung ist auch, dass entsprechende Geräte (wie Drohnen) immer gehackt oder durch Störsender unschädlich gemacht werden können. Siehe am Beispiel Iran: http://www.spiegel.de/wis...

    Deshalb ist es im Kriegseinsatz nicht die bessere Alternative gegenüber bemannten Flugzeugen.

    • hanael
    • 17. Februar 2013 13:41 Uhr

    im Gefecht wünschen sich eher da schon garnicht hinein geraten zu sein

    "..das Journalisten über Dinge urteilen, von denen sie wohl nichts verstehen, aber zum Glück habe sie Kollegen die das umso besser können.

    Zu Herrn Ladurner brauche ich nichts sagen, der trifft den Nagel auf den Kopf...
    ...aber Herr Bittner..."

    denn den Nagel auf den Kopf trifft Herr Bittner und während Herr Ladurner wie sie schon schreiben ein Journalist ist , der über etwas schreibt wovon er nichts versteht, oder zumindest Realitäten verwischt.

    Artillerie, Schiffsgeschütze, Bomber, Marschflugkörper gibt es bereits seit Jahren und sind in der Lage bzw. werden eingesetzt ohne dass der Geschützführer oder Pilot den Gegner sieht.

    Wo ist also die Diskussion über diese Waffen? Auch untergräbt dies das Argument das Distanz zum Gegner den Waffengang unbekümmerter macht.

  2. Die Frage hinter der Frage:
    Wie soll die Bundeswehr in Zukunft aussehen?

    Braucht eine Landesverteidigungsarmee mitten in Europa Kampfdrohnen? - NEIN!

    Braucht eine international agierende Armee die imperialistische Ansprüche durchsetzen will Kampfdrohnen? - JA!

    Braucht eine Armee, die im "Notfall" auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden soll Kampfdrohnen? - JA!

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    • Chali
    • 17. Februar 2013 13:44 Uhr

    Es bleibt also due Frage zu beantwoten. ob "wir", sprich: Sie und ich und all die Armen in unserem Lande, ob also wir, die überwiegende Menge der Bevölkerung, eine solche Bundeswehr brauchen.

    Im Übrigen wurden auch Armeen mit veralteten Waffen schon gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, so etwa 1973 in Chile, einige Jahre später in Argentinien usw. Auch die türkische Armee, die für Einmischungen in den Politik bekannt ist, gilt international nicht als High-Tech-Truppe.

    "Braucht eine Armee, die im "Notfall" auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden soll Kampfdrohnen? - JA!"

    Sie unterstellen damit, dass diese Armee (=Bundeswehr in Deutschland) sich gegen die Bevölkerung einsetzen lässt.

    Dabei überblenden sie ganz offensichtlich, dass diese Armee aus Teilen dieser Bevölkerung besteht und nicht ein abstraktes (böses) Gebilde ist, dass man einfach so (aus meiner Sicht völlig absurde Scenario) gegen die eigene Bevölkerung einsetzten kann.

    Damit unterstellen sie auch allen Soldaten, dass sie sich gegen ihre Freunde, Nachbarn und Familie wenden würden, wenn ..ja was - aus welchem Grund, mit welchem Zweck sollte so ein Einsatz befohlen werden?

    Zumal so ein Befehl gar nicht gegeben werden darf und auch nicht befolgt werden darf.

    Hören sie auf solche Stammtischparolen zu verbreiten, wenn sie von der Sache keine Ahnung haben.

    • paland
    • 18. Februar 2013 1:30 Uhr

    Warum braucht eine Landesverteidigungsarmee keine Drohnen und wieso benötigt sie eine international agierende Armee zur Durchsetzung imperialistischer Ansprüche?

    Braucht eine Landesverteidigungsarmee mitten in Europa Kampfdrohnen? - NEIN!

    Braucht eine Armee, die im "Notfall" auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden soll Kampfdrohnen? - JA!

    Die beiden würde ich dann doch eher umdrehen ;)
    Was für ein Blödsinn einfach...

  3. ersetzen kein politisch-militärisches gesamtkonzept. wenn die militärische nachrüstung nur dazu dient, einer echten politischen auseinandersetzung mit den zunehmenden vorwärtsverteidigungstendenzen innerhalb der nato dauerhaft aus dem weg zu gehen, wird der schuss früher oder später sowieso nach hinten losgehen.
    im übrigen (siehe ZEIT beitrag von ronja wurmb-seibel vom 7. 2.13) könnten in afghanistan menschenleben in mittlerer zukunft ohne allzugroßen aufwand - "das muss man sich mal vorstellen" - dadurch gerettet, dass sich die deutsche politik ein paar humane gedanken zu der frage macht, was mit den zweitausend afghanischen mitarbeitern deutscher behörden und ngos nach abzug der deutschen truppen geschehen soll.

    4 Leserempfehlungen
  4. Vordergründig gegen "Killerspiele" schimpfen und mit Verboten den Markt klein halten. Dann den Interessierten bei der Bundeswehr die Möglichkeit zum Adrenalinkick bieten. Quasi als einzig legaler Anbieter dieses Vergnügens. So sind sie eben!

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  5. 5. [...]

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jk

  6. einen Server, auf dem sich alle Kriegsparteien mit dem (virtuellen) Kriegsgerät ihrer Wahl austoben können.

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    Wenn Sie dafür sorgen, dass Al Kaida sich mit virtuellen Attentaten begnügt.

    • Aluni
    • 20. Februar 2013 0:37 Uhr

    wofür geben wir Geld aus! "Denn man schützt die Soldaten am allerbesten, wenn man sie gar nicht erst in den Krieg schicken muss." Virtuelle Auseinandersetzungen tun es doch auch. Danke dass wir den gleichen Gedanken hatten.
    Papier ist geduldig, das Internet auch. Die Menschen können den Hals nicht voll kriegen.

    • lm.80
    • 17. Februar 2013 13:24 Uhr

    Ein entscheidender Nachteil von Fernsteuerung ist auch, dass entsprechende Geräte (wie Drohnen) immer gehackt oder durch Störsender unschädlich gemacht werden können. Siehe am Beispiel Iran: http://www.spiegel.de/wis...

    Deshalb ist es im Kriegseinsatz nicht die bessere Alternative gegenüber bemannten Flugzeugen.

    Eine Leserempfehlung
    • Conte
    • 17. Februar 2013 13:26 Uhr

    B. Russell sah die Langeweile u. a. als Generator für die Fortentwicklung der Menschheit. Wir brauchen Drohnen in ähnlicher Weise wie wir Zeitungen, Brötchen und Butterbrezen brauchen. Eine lapidare, dennoch verblüffende Erkenntnis. Nicht wahr, DADA fügte hinzu und gab sich der "Missa solemnis" hin.

    2 Leserempfehlungen
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    Sie sollten aufpassen, dass sie nicht mit der Erdatmosphäre in Berührung kommen, sonst verglühen Sie durch die Reibung an der Realität. Ihre Überschallknall entlädt sich allerdings nur auf den Zwerchfellen der Beobachter.

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