Contergan-Gesetz: Wenigstens gibt es mehr Geld
Wie Contergan-Opfer einen überraschenden Sieg errangen – weil es der Koalition an Themen fehlte.
© Jörg Carstensen/dpa

Andreas Meyer (l.), Monika Eisenberg und Heinz Zabelberg (r.), Mitbegründer des Bundes Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG) in Köln (Archivfoto aus dem Jahr 2007)
Für Niko von Glasow ist es kein Problem, sich nackt zu zeigen, trotzdem zieht er diesmal nur die Socken aus. Extrem schnell geht das, kaum hat man hingeschaut, steht von Glasow schon barfuß auf dem schwarzen Steinfußboden unter der Reichstagskuppel. Neben ihm liegen dunkle Schuhe. Sie haben keine Schnürsenkel, weil von Glasow mit denen ohnehin nichts anfangen könnte.
Glasow ist einer von über hundert Contergan-Geschädigten, die nach Berlin gekommen sind, weil im Familienausschuss über ihr Schicksal verhandelt wird. Viele fahren in Rollstühlen, einige nutzen Hörgeräte, andere sind taub und müssen auf einer großen Leinwand nachlesen, worüber gerade gesprochen wird. Von Glasow ist erfolgreicher Filmemacher, zwei seiner Filme werden gerade auf der Berlinale gezeigt, er ist es gewohnt, über sich, seine Schmerzen und seine verkürzten Arme zu sprechen, seit er vor sieben Jahren einen Film über Contergan-Opfer drehte.
Wer politischen Druck aufbauen will, das ist den Versammelten hier klar, darf sein Leiden nicht verstecken. Einfach ist das nicht, weder für diejenigen, die sich zeigen, noch für diejenigen, die zugucken. Es ist Freitagnachmittag, im Reichstag verstreichen die letzten Stunden einer langen Sitzungswoche, die meisten Abgeordneten sind längst unterwegs zu ihren Wahlkreisen. Nur vor dem Fraktionssaal von CDU und CSU stehen Kamerateams, der Familienausschuss tagt, die zuständige Ministerin Kristina Schröder ist gekommen. Wochenlang haben die Contergan-Opfer vorher auf verschiedenen Ebenen Druck gemacht und informiert. Sie haben einen mächtigen Abteilungsleiter im Familienministerium auf ihrer Seite, den Chef der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, und den renommierten Altersforscher Andreas Kruse.
Sogar eine professionelle Lobby-Agentur wurde eingeschaltet, finanziert von wohlhabenden Contergan-Opfern. Journalisten wurden in ein Berliner Hotel eingeladen, zum Gespräch mit Betroffenen. Auch von Glasow sitzt mit am Tisch. Einmal entschuldigt er sich, beim vorherigen Gespräch sei er viel witziger gewesen. So sind Behinderte, die kämpfen.
Unterstützung wird angehoben
Dass sie am Ende Erfolg haben, verdanken sie allerdings einem Umstand, auf den sie keinen Einfluss hatten: Am Abend vor der Anhörung tagt der Koalitionsausschuss der Bundesregierung, es gibt wenig zu entscheiden, weil CDU und CSU sich bei den eigentlich anstehenden Themen wie der Rente nicht einig sind. So rückte die Contergan-Debatte auf die Tagesordnung der Parteichefs. Die Runde braucht Ergebnisse, die nicht zu mickrig aussehen dürfen. Also beschließt die Koalition noch vor der Anhörung, künftig 120 Millionen Euro pro Jahr für die rund 2.400 deutschen Contergan-Opfer zu genehmigen. Für viele von ihnen wird sich der Unterhalt in den kommenden Jahren verdrei- oder vervierfachen. Momentan sind die entsprechenden Renten in Deutschland noch viel niedriger als beispielsweise in Großbritannien oder Italien.
Als der Ausschuss am Freitag zusammenkommt, steht das wichtigste Ergebnis also schon fest: Es soll viel mehr Geld gezahlt werden als bisher. Trotzdem wird noch darüber verhandelt, warum und wie die Unterstützung in Deutschland angehoben wird. Tatsächlich geht es auch darum, wie eine Gesellschaft mit alten Behinderten zusammenlebt. Lange stellte sich diese Frage in Deutschland nicht, weil wenige Behinderte den Naziterror überstanden haben. Bei denen, die nach dem Krieg geboren wurden, war die Lebenserwartung oft nicht hoch. Erst in jüngster Zeit werden viele Behinderte alt, Menschen mit Downsyndrom oder eben Contergan-Opfer. Gleichzeitig fehlen Eltern und oft auch Partner und Kinder, die jahrelang geholfen haben.
"Wir haben den unbändigen Willen, zu leben, aber wir wissen: So geht es nicht weiter", ruft Udo Herterich am Freitagnachmittag den Bundestagsabgeordneten und der Familienministerin zu. Er leitet ein Netzwerk Contergan-Geschädigter und soll vor dem Ausschuss reden. "Wir wurden zersägt, aufgeschnitten und gedehnt, wir wurden trainiert, Unmögliches zu leisten, zum Beispiel mit den Füßen zu essen." Herterich sitzt im Rollstuhl, seine Frau, ebenfalls Contergan-geschädigt, hilft ihm, voranzukommen. Bis vor Kurzem war Herterich leitender Angestellter, von seinem fünfstelligen Monatseinkommen konnte er seine Familie gut ernähren. Inzwischen macht auch sein Körper nicht mehr mit. Er muss jetzt von 1.280 Euro Rente leben.





Endlich erhalten die Contergangeschädigten die nötige Finanzhilfe, um einigermaßen würdig leben zu können...Diese Tatsache freut mich für die Betroffenen....
Die Firma Grünenthal hat es gut verstanden diese Last dem Staat aufs Auge zu drücken, was ich grundsätzlich nicht ok finde, denn wer Schäden macht, sollte haften!!
An der Stelle meine ich, müssen unsere sogen. "Volksvertreter" noch ne Menge lernen, eben, dass Gewinne nicht privatisiert und Schäden sozialisiert werden dürfen. Frage ist, wann dies in die Köpfe der Damen und Herren reingeht.
Auch wenn man mir jetzt unterstellt, wie unsozial ich bin : Mir geht das Gejammer der Conterganopfer nur noch auf die Nerven. Denn auch andere sind ganz genauso schwer behindert, mit genauso vielen Folgeschäden. Nur dass die größtenteils jahrzehntelang auskommen müssen mit dem Sozialhilfesatz . Und da kräht kein Hahn, wie das gehen soll. Bekanntlich sind die Regelsätze bewusst so knapp, dass der Anreiz zum Arbeiten hoch sein soll. Nicht mal einen Cent mehr für die Heizung bekommt ein gelähmter Rollstuhlfahrer . So sieht es aus, und das mindeste wäre gewesen ,dass die Opferverbände der Contergangeschädigten sich für alle Behinderten einsetzen !!! Nein,ich sehe nicht ein, weshalb jemand 6000 Euro Rente braucht, während andere Behinderte im Elend leben.
Bei sehr ähnlichen Problemen Behinderter im Leben und Alltag haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und die anderen gucken in die Röhre.
Die Conterganopfer brauchen das Geld, gute Hilfmittel und gegebenenfalls Pflege sind einfach unglaublich teuer. Da schrumpft schnell zusammen, was einem gesunden Fußgänger üppig erscheint. Die Conterganopfer haben diesen Schritt erreicht, weil sie organisiert sind. Muss man ihnen den Erfolg missgönnen? Ich denke nicht. Zu beneiden ist jemand in der Situation allemal nicht, das macht die Beschreibung der körperlichen Schäden im Artikel mehr als deutlich. - Dass andere Behinderte sicher auch mehr Unterstützung bräuchten, ist eine ganz andere Sache. Wo zum Beispiel, das fällt einem unter anderem dann auf, wenn man einmal mit Kinderwagen oder schwerem Gepäck unterwegs ist - die Barrierefreiheit lässt vielerorts zu wünschen übrig. Andere Behinderte brauchen auch Geld - _auch_. Wie wäre es, wenn das ein Anfang wäre?
Bei sehr ähnlichen Problemen Behinderter im Leben und Alltag haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und die anderen gucken in die Röhre.
Die Conterganopfer brauchen das Geld, gute Hilfmittel und gegebenenfalls Pflege sind einfach unglaublich teuer. Da schrumpft schnell zusammen, was einem gesunden Fußgänger üppig erscheint. Die Conterganopfer haben diesen Schritt erreicht, weil sie organisiert sind. Muss man ihnen den Erfolg missgönnen? Ich denke nicht. Zu beneiden ist jemand in der Situation allemal nicht, das macht die Beschreibung der körperlichen Schäden im Artikel mehr als deutlich. - Dass andere Behinderte sicher auch mehr Unterstützung bräuchten, ist eine ganz andere Sache. Wo zum Beispiel, das fällt einem unter anderem dann auf, wenn man einmal mit Kinderwagen oder schwerem Gepäck unterwegs ist - die Barrierefreiheit lässt vielerorts zu wünschen übrig. Andere Behinderte brauchen auch Geld - _auch_. Wie wäre es, wenn das ein Anfang wäre?
Bei sehr ähnlichen Problemen Behinderter im Leben und Alltag haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und die anderen gucken in die Röhre.
> haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und
> die anderen gucken in die Röhre.
Das scheint mir eine sehr missgünstige Perspektive zu sein.
Contergan-Opfer werden deshalb "bevorzugt" behandelt, weil ihr Missbildungen auf eine Fremdeinwirkung zurück gehen, an der der Staat vielleicht nicht "Schuld" ist, aber eine eindeutige Mitverantwortung trägt.
Die Häufung von Contergan-Fällen in Deutschland geht nicht zuletzt darauf zurück, dass das betreffende Medikament hier lange rezeptfrei vertrieben wurde. In Österreich und der Schweiz, wo immer Rezeptpflicht bestand, liegt die Zahl der Geschädigten entsprechend unter 100 (in Deutschland: mehrere Tausend und über ein Viertel der weltweit Betroffenen).
Natürlich wäre eine höhere Beteiligung von Grünenthal wünschenswert - was durch den damals geschlossenen Vergleich leider rechtlich nicht mehr einklagbar ist.
Soll der Staat deshalb seinen Teil der Verantwortung ignorieren?
Gruß,
Tezcatlipoca
> haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und
> die anderen gucken in die Röhre.
Das scheint mir eine sehr missgünstige Perspektive zu sein.
Contergan-Opfer werden deshalb "bevorzugt" behandelt, weil ihr Missbildungen auf eine Fremdeinwirkung zurück gehen, an der der Staat vielleicht nicht "Schuld" ist, aber eine eindeutige Mitverantwortung trägt.
Die Häufung von Contergan-Fällen in Deutschland geht nicht zuletzt darauf zurück, dass das betreffende Medikament hier lange rezeptfrei vertrieben wurde. In Österreich und der Schweiz, wo immer Rezeptpflicht bestand, liegt die Zahl der Geschädigten entsprechend unter 100 (in Deutschland: mehrere Tausend und über ein Viertel der weltweit Betroffenen).
Natürlich wäre eine höhere Beteiligung von Grünenthal wünschenswert - was durch den damals geschlossenen Vergleich leider rechtlich nicht mehr einklagbar ist.
Soll der Staat deshalb seinen Teil der Verantwortung ignorieren?
Gruß,
Tezcatlipoca
Die Conterganopfer brauchen das Geld, gute Hilfmittel und gegebenenfalls Pflege sind einfach unglaublich teuer. Da schrumpft schnell zusammen, was einem gesunden Fußgänger üppig erscheint. Die Conterganopfer haben diesen Schritt erreicht, weil sie organisiert sind. Muss man ihnen den Erfolg missgönnen? Ich denke nicht. Zu beneiden ist jemand in der Situation allemal nicht, das macht die Beschreibung der körperlichen Schäden im Artikel mehr als deutlich. - Dass andere Behinderte sicher auch mehr Unterstützung bräuchten, ist eine ganz andere Sache. Wo zum Beispiel, das fällt einem unter anderem dann auf, wenn man einmal mit Kinderwagen oder schwerem Gepäck unterwegs ist - die Barrierefreiheit lässt vielerorts zu wünschen übrig. Andere Behinderte brauchen auch Geld - _auch_. Wie wäre es, wenn das ein Anfang wäre?
> haben die einen es geschafft, im Fokus zu stehen und
> die anderen gucken in die Röhre.
Das scheint mir eine sehr missgünstige Perspektive zu sein.
Contergan-Opfer werden deshalb "bevorzugt" behandelt, weil ihr Missbildungen auf eine Fremdeinwirkung zurück gehen, an der der Staat vielleicht nicht "Schuld" ist, aber eine eindeutige Mitverantwortung trägt.
Die Häufung von Contergan-Fällen in Deutschland geht nicht zuletzt darauf zurück, dass das betreffende Medikament hier lange rezeptfrei vertrieben wurde. In Österreich und der Schweiz, wo immer Rezeptpflicht bestand, liegt die Zahl der Geschädigten entsprechend unter 100 (in Deutschland: mehrere Tausend und über ein Viertel der weltweit Betroffenen).
Natürlich wäre eine höhere Beteiligung von Grünenthal wünschenswert - was durch den damals geschlossenen Vergleich leider rechtlich nicht mehr einklagbar ist.
Soll der Staat deshalb seinen Teil der Verantwortung ignorieren?
Gruß,
Tezcatlipoca
Ich habe nicht ansatzweise moniert, dass die Contergan-Opfer mehr Geld erhalten (obwohl man sich schon fragen kann, warum nicht Grünenthal zahlt).
Nachdem aber der Artikel sehr schön beschreibt, wie hier eine Intressengruppe für sich Lobbyarbeit betreibt, kann man sich schon fragen, warum infolgedessen vom Staat (!) behinderte oder kranke Menschen dann unterschiedlichst behandelt werden?
Ich habe nicht ansatzweise moniert, dass die Contergan-Opfer mehr Geld erhalten (obwohl man sich schon fragen kann, warum nicht Grünenthal zahlt).
Nachdem aber der Artikel sehr schön beschreibt, wie hier eine Intressengruppe für sich Lobbyarbeit betreibt, kann man sich schon fragen, warum infolgedessen vom Staat (!) behinderte oder kranke Menschen dann unterschiedlichst behandelt werden?
Bei diesen Summen darf man sehr wohl fragen ,ob das noch gerecht ist .Und Contergangeschädigte hätten viel tun können für alle Behinderten. Es geht für andere Behinderte auch nicht nur um Barrierefreiheit. Ein Beipiel aus meinem Freundeskreis :
Spastische Tetraparese und Lungenschädigung von Geburt an . Trotzdem 30 Jahre lang gearbeitet. Jetzt berentet mit 56 Jahren. Rentenhöhe netto = 720 Euro, dazu kommt ein erhöhter Wohngeldsatz,macht insgesamt 840 Euro. Davon muss eine rollstuhlgerechte Wohnung bezahlt werden. Es bleiben gute 300 Euro zum Leben. Das ist die ganz normale finanzielle Lage von Schwerst- Behinderten in Deutschland.
Was hat das mit Missgunst zu tun, wenn ich es netter gefunden hätte,Contergangeschädigte hätten für alle gekämpft ? Und sorry, aber ich stehe dazu,Gerechtigkeit sieht anders aus. Wenn andere genauso Behinderte es schaffen , auszukommen mit so wenig Geld ,dann können die Spätfolgen der Conterganopfer nicht jeden Monat tausende Euro verschlingen. Das kann man mir nicht erzählen.Da hat eine Gruppe gute Lobbyarbeit gemacht.
Ich habe nicht ansatzweise moniert, dass die Contergan-Opfer mehr Geld erhalten (obwohl man sich schon fragen kann, warum nicht Grünenthal zahlt).
Nachdem aber der Artikel sehr schön beschreibt, wie hier eine Intressengruppe für sich Lobbyarbeit betreibt, kann man sich schon fragen, warum infolgedessen vom Staat (!) behinderte oder kranke Menschen dann unterschiedlichst behandelt werden?
Es geht auch mir nicht darum, anderen nichts zu gönnnen. Und wenn der Staat die Verantwortung übernomnen hat, soll er gut für die Betroffenen sorgen. Von mir aus dürfen auch Unterschiede gemacht werden. Aber die Relationen stimmen für mich nicht mehr. Und die Argumente stimmen nicht, denn Hilfsmittel und Pflege brauchen viele Behinderte . Und Contergangeschädigte erhalten wie jeder andere Geld aus der Pflegeversicherung und HiLfsmittel der Krankenversicherung.
Am meisten aber irritiert mich, dass Frau Niejahr andere Behinderte, die alt werden, gar nicht wahrnimmt. Der Bezug zu den Taten der Nazis ist echt daneben . Es gab und gibt sie. Frau Niejahr sollte sich dringend angucken, wie andere Behinderte leben müssen.
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