Für Niko von Glasow ist es kein Problem, sich nackt zu zeigen, trotzdem zieht er diesmal nur die Socken aus. Extrem schnell geht das, kaum hat man hingeschaut, steht von Glasow schon barfuß auf dem schwarzen Steinfußboden unter der Reichstagskuppel. Neben ihm liegen dunkle Schuhe. Sie haben keine Schnürsenkel, weil von Glasow mit denen ohnehin nichts anfangen könnte.

Glasow ist einer von über hundert Contergan-Geschädigten, die nach Berlin gekommen sind, weil im Familienausschuss über ihr Schicksal verhandelt wird. Viele fahren in Rollstühlen, einige nutzen Hörgeräte, andere sind taub und müssen auf einer großen Leinwand nachlesen, worüber gerade gesprochen wird. Von Glasow ist erfolgreicher Filmemacher, zwei seiner Filme werden gerade auf der Berlinale gezeigt, er ist es gewohnt, über sich, seine Schmerzen und seine verkürzten Arme zu sprechen, seit er vor sieben Jahren einen Film über Contergan-Opfer drehte.

Wer politischen Druck aufbauen will, das ist den Versammelten hier klar, darf sein Leiden nicht verstecken. Einfach ist das nicht, weder für diejenigen, die sich zeigen, noch für diejenigen, die zugucken. Es ist Freitagnachmittag, im Reichstag verstreichen die letzten Stunden einer langen Sitzungswoche, die meisten Abgeordneten sind längst unterwegs zu ihren Wahlkreisen. Nur vor dem Fraktionssaal von CDU und CSU stehen Kamerateams, der Familienausschuss tagt, die zuständige Ministerin Kristina Schröder ist gekommen. Wochenlang haben die Contergan-Opfer vorher auf verschiedenen Ebenen Druck gemacht und informiert. Sie haben einen mächtigen Abteilungsleiter im Familienministerium auf ihrer Seite, den Chef der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, und den renommierten Altersforscher Andreas Kruse.

Sogar eine professionelle Lobby-Agentur wurde eingeschaltet, finanziert von wohlhabenden Contergan-Opfern. Journalisten wurden in ein Berliner Hotel eingeladen, zum Gespräch mit Betroffenen. Auch von Glasow sitzt mit am Tisch. Einmal entschuldigt er sich, beim vorherigen Gespräch sei er viel witziger gewesen. So sind Behinderte, die kämpfen.

Unterstützung wird angehoben

Dass sie am Ende Erfolg haben, verdanken sie allerdings einem Umstand, auf den sie keinen Einfluss hatten: Am Abend vor der Anhörung tagt der Koalitionsausschuss der Bundesregierung, es gibt wenig zu entscheiden, weil CDU und CSU sich bei den eigentlich anstehenden Themen wie der Rente nicht einig sind. So rückte die Contergan-Debatte auf die Tagesordnung der Parteichefs. Die Runde braucht Ergebnisse, die nicht zu mickrig aussehen dürfen. Also beschließt die Koalition noch vor der Anhörung, künftig 120 Millionen Euro pro Jahr für die rund 2.400 deutschen Contergan-Opfer zu genehmigen. Für viele von ihnen wird sich der Unterhalt in den kommenden Jahren verdrei- oder vervierfachen. Momentan sind die entsprechenden Renten in Deutschland noch viel niedriger als beispielsweise in Großbritannien oder Italien.

Als der Ausschuss am Freitag zusammenkommt, steht das wichtigste Ergebnis also schon fest: Es soll viel mehr Geld gezahlt werden als bisher. Trotzdem wird noch darüber verhandelt, warum und wie die Unterstützung in Deutschland angehoben wird. Tatsächlich geht es auch darum, wie eine Gesellschaft mit alten Behinderten zusammenlebt. Lange stellte sich diese Frage in Deutschland nicht, weil wenige Behinderte den Naziterror überstanden haben. Bei denen, die nach dem Krieg geboren wurden, war die Lebenserwartung oft nicht hoch. Erst in jüngster Zeit werden viele Behinderte alt, Menschen mit Downsyndrom oder eben Contergan-Opfer. Gleichzeitig fehlen Eltern und oft auch Partner und Kinder, die jahrelang geholfen haben.

"Wir haben den unbändigen Willen, zu leben, aber wir wissen: So geht es nicht weiter", ruft Udo Herterich am Freitagnachmittag den Bundestagsabgeordneten und der Familienministerin zu. Er leitet ein Netzwerk Contergan-Geschädigter und soll vor dem Ausschuss reden. "Wir wurden zersägt, aufgeschnitten und gedehnt, wir wurden trainiert, Unmögliches zu leisten, zum Beispiel mit den Füßen zu essen." Herterich sitzt im Rollstuhl, seine Frau, ebenfalls Contergan-geschädigt, hilft ihm, voranzukommen. Bis vor Kurzem war Herterich leitender Angestellter, von seinem fünfstelligen Monatseinkommen konnte er seine Familie gut ernähren. Inzwischen macht auch sein Körper nicht mehr mit. Er muss jetzt von 1.280 Euro Rente leben.