RentnerDie Letzten ihrer Art

An der Wahlurne kündigte sich jüngst ein Konflikt der Generationen an. Noch geht es Rentnern gut. Doch schon ihre Kinder werden im Alter von Armut bedroht sein. von Nadja Kwapil

Rentner auf einer Parkbank

Rentner auf einer Parkbank  |  © Ralf Hirschberger/dpa

Erstaunt verharrt Roswitha Prem vor dem Eingang eines Kaffeehauses in der Wiener Innenstadt. Im Sekundentakt tröpfeln junge Leute heraus. Das überrascht die 61-jährige Pensionistin, ist ihr das altmodische, gemütliche Lokal doch vor allem als Seniorentreff geläufig. Doch heute scheinen fast nur junge Besucher an ihr vorbeizuströmen, als wollten sie einen Augenblick lang die demografische Statistik Österreichs verhöhnen.

Tatsächlich wandelt sich das Land immer mehr zu einer Greisen-Bastion, in der die sechstälteste Bevölkerung der EU lebt. Während die Geburtenrate sinkt und die Lebenserwartung steigt, sammelt sich ein immer größerer Bevölkerungsanteil in der Altersgruppe jenseits der Schwelle von 65 Jahren – 18,2 Prozent der Österreicher sind es derzeit, bis 2050 soll der Anteil auf mehr als 28 Prozent ansteigen. 3,2 Millionen Pensionsbezieher wird es dann geben. Noch nie zuvor gab es eine derart massive demografische Verschiebung. In wenigen Jahrzehnten werden 1.000 Erwerbstätige für die Pensionen von 929 Pensionisten aufkommen müssen.

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Im Anschluss an die Volksbefragung zur Wehrpflicht war viel von der vermeintlichen Macht der Alten, der Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen, die Rede: Sie hätten überproportional dafür gestimmt, einer heranwachsenden Generation einen verpflichtenden Dienst am Vaterland aufzubürden. Entpuppt sich so die Wahlurne zu jenem sozialen Schlachtfeld, an dem künftig ein erbitterter Generationenkonflikt ausgetragen wird? Pieter Vanhuysse vom European Center for Social Welfare Policy and Research kann diesen Gerontokratie-Vorwurf nur teilweise nachvollziehen: »Bei dieser Befragung haben sogar mehr Junge abgestimmt als bei anderen Wahlen zu anderen Themen«, sagt der Politikwissenschaftler. Die Abstimmung habe aber daran erinnert, dass die Masse der Alten stetig wachse und sie eines nahen Tages mehr Entscheidungsmacht beanspruchen könne denn je.

Die Zukunftsszenarien fallen durchwegs düster aus: Das Pensionssystem könnte so sehr ins Wanken geraten, dass es nicht mehr finanzierbar ist. Nachfolgende Generationen könnten leer ausgehen, und Altersarmut könnte ein Massenphänomen werden. Während heute die Zahl der armutsgefährdeten Menschen über 65 Jahren im gesellschaftlichen Durchschnitt liegt, könnte diese Gruppe in den nächsten Generationen stark anwachsen, und auch Leute mit guter Ausbildung in den Sog des sozialen Abstiegs geraten.

Die Pensionisten von heute berühren solche Zukunftsängste vorläufig noch wenig. Wer sich mit Rentnern unterhält, der hat es mit Menschen zu tun, die nicht arm und oft auch noch nicht altersmüde sind. Diese Komfortsenioren sind die letzten ihrer Art, nachfolgende Generationen werden an ihrem Lebensabend nicht mehr in vergleichbarem Wohlstand frönen können.

Roswitha Prem plagt deswegen sogar ein schlechtes Gewissen. Die frühere Sozialarbeiterin runzelt die Stirn und erzählt von ihrem gemütlichen Lebenswandel im Ruhestand: »Ich gebe viel Geld für Bücher aus, gehe gerne ins Theater und lege wert auf Bioprodukte.« Alle drei Monate möchte sie nun mit der Bahn nach München fahren, um sich »philosophisch beraten« zu lassen. »Das ist jetzt ganz modern, so eine Art Coaching«, erklärt Frau Prem. Ihr glückliches Strahlen ist flüchtig, als wittere sie in jedem Wimpernschlag des Gegenübers einen Vorwurf. »Ich weiß, all das was ich mir gönne, ist purer Luxus, die heute Jungen werden an ihren alten Tagen sicher nicht mehr so leben können.«

Seit einem Jahr ist Prem in Pension, 1.500 Euro netto bekommt sie monatlich überwiesen. »Wohlverdient«, wie Kollegen versichern. Sie selbst ist sich da nicht sicher. Die »Pensionisten-Privilegiererei«, wie sie es nennt, geht ihr auf die Nerven. Sie brauche keine Pensionistenpreise, keine isolierte Pensionistenlobby oder einen Seniorenverein als soziale Krücke. Sich zurückzulehnen und genießen fällt ihr schwer. Sie wird das Gefühl nicht los, alles um sie herum zerbrösle, und sie sitze im sicheren Nest. »Ich bin irgendwie fein raus«, sagt sie.

Leserkommentare
  1. "Wer sich mit Rentnern unterhält, der hat es mit Menschen zu tun, die nicht arm und oft auch noch nicht altersmüde sind."
    Als Bezieher einer doch sehr schönen ASVG- Pension (knapp 2000€), deren (nicht von mir errechneter) Höhe auf der Tatsache beruht, dass ich fast 46 Jahre die (nicht von mir) errechneten Beiträge in die Pensionskasse eingezahlt habe, davon fast 20 Jahre die Höchstbemessung, mache ich mir schon Gedanken über unser Pensionssystem.
    Als gelernter Elektriker mit späterer Meisterprüfung habe ich 27 Jahre in Wechselschicht gearbeitet, manchmal 56 Stunden die Woche, habe nebenbei ein 250 Jahre altes Haus umgebaut. Meine Frau ist bei den 2 Kindern zu Hause geblieben (war vorher 5 Jahre in der Gastronomie tätig, erkrankte aber an Polyartritis) und "führte den Haushalt", was bedeutet, dass sie jetzt (wegen fehlender Beitragsjahre) keine Pension erhält. Was wiederum "Pension geteilt durch 2" bedeutet!
    Zu meiner aktiven Zeit gab es keine Diskussion darüber, dass die "Jungen" die Pension der "Alten" zahlen, die Beiträge wurden vom Lohn abgezogen, es hieß von Seite der Politik immer: "Die Pensionen sind gesichert!" Heute auf einmal gilt das auf Grund der demografischen Entwicklung Österreichs nicht mehr, obwohl diese schon seit vielen Jahren absehbar war! Soll ich mich jetzt mit 2 Knieprothesen und einem Bandscheibenleiden ob meiner "hohen Pension" vor den Jungen rechtfertigen? Oder vielleicht vor Politikern, die diese absehbare Entwicklung verschlafen haben!?

    Eine Leserempfehlung

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