Flughafen FrankfurtShoppen bis zum Abflug

Wasim Hussain berät chinesische Touristen beim Einkaufen im Frankfurter Flughafen. Ein Gespräch über Teddybären, Gummibären und erfolgloses Feilschen. von 

Der SInologe Wasim Hussain (Mitte) ist für seine Kunden Übersetzer und kultureller Vermittler.

Der SInologe Wasim Hussain (Mitte) ist für seine Kunden Übersetzer und kultureller Vermittler.  |  © Lisi Niesner/Reuters

DIE ZEIT: Herr Hussain, Sie arbeiten seit ein paar Monaten als Einkaufsberater für chinesische Touristen am Frankfurter Flughafen. Was nehmen die sich denn aus Deutschland mit?

Wasim Hussain: Messer und Teddybären. Auch Gummibärchen werden gerne gekauft. Und Fußballtrikots von Bayern München. Sehr beliebt ist »Nieseling«, so nennen Chinesen den Riesling. Vor allem aber sind europäische Luxusgüter gefragt. Französische Parfums, italienische Handtaschen.

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ZEIT: Aber warum kaufen sie ausgerechnet am Flughafen ein? In der Stadt ist mehr Atmosphäre.

Hussain: Chinesische Touristen sind ja oft nur ein, zwei Wochen in Europa und haben ein rappelvolles Programm. Am Flughafen haben sie Zeit – und es gibt über 300 Geschäfte. Chinesen kaufen sehr gerne in Europa ein. Bei ihnen zu Hause sind gefälschte Markenartikel ein Riesenproblem; und Uhren oder Cognac werden hoch besteuert, kosten locker dreimal so viel wie bei uns. Hier bekommen Chinesen, weil sie nicht zur EU gehören, am Flughafen die Mehrwertsteuer zurückerstattet. Da kauft man dann 16 Uhren auf einmal.

ZEIT: Warum ist Einkaufen für Chinesen so wichtig?

Hussain: Das hat mit der Struktur der Gesellschaft zu tun. Ein Chinese unterscheidet drei Kreise. Der erste ist die eigene Familie. Der zweite die Gruppe, in die man im Laufe seines Lebens hineinwächst, Schulfreunde, Studien- und Arbeitskollegen. Sie sichert das Überleben. Ohne sie kriegt man keinen Job, keine Wohnung. In China handeln Behörden oft willkürlich, es gibt kein verlässliches Rechtssystem, nur seinem Freundeskreis kann man trauen. Das erklärt, warum Chinesen so viel einkaufen.

ZEIT: Weil kleine Geschenke auch in China die Freundschaft erhalten?

Hussain: Genau. Gefallen muss man erwidern. Mit Geschenken Kontakte zu pflegen ist immer eine gute Investition. Und besonders begehrt sind Geschenke, die man von Reisen mitbringt. Wichtig ist dabei auch die Verpackung: dass das Parfüm seidige Kordeln zieren oder der Wein in einer schönen Holzschatulle liegt.

ZEIT: Und was ist mit dem dritten Kreis?

Hussain: Das ist die Fremdgruppe. Sie wird als unwichtig angesehen. Deshalb benehmen sich dieselben Chinesen, die in der eigenen Gruppe sehr höflich sind, gegenüber Fremden manchmal wie Rowdys. Stürzen sich zu zehnt auf eine Verkäuferin, belagern sie und zupfen sie am Ärmel.

ZEIT: Wie finden Sie eigentlich Ihre Schützlinge?

Hussain: Ich sehe mir die Flugpläne an: Wo landen gerade Maschinen aus China, wo fliegen bald welche ab? Oder ich laufe die Flure vor den Geschäften entlang und schaue, ob jemand Hilfe braucht. Manche ordern mich auch vorab per Telefon.

ZEIT: Woher wissen die, dass es Sie gibt?

Hussain: Wir sind in den Sozialen Netzwerken vertreten, etwa in Weibo, dem chinesischen Pendant zu Facebook.

ZEIT: Und wie genau helfen Sie den Besuchern?

Hussain: Zum einen übersetze ich. Ich bin Sinologe, habe lange in China gelebt. Ich bin aber auch kultureller Vermittler. Ein Beispiel: Chinesen denken, jeder Preis sei verhandelbar. Bei ihnen zu Hause ist das auch so. Und dann stehen sie hier in der superschicken Boutique und werden stinksauer, weil es keine Rabatte gibt. Sie denken: Der Verkäufer verstößt gegen die Spielregeln. Da versuche ich zu vermitteln.

ZEIT: Müssen Verkäufer sich besser auf diese Zielgruppe einstellen?

Hussain: Oh ja. Zum Beispiel können es Chinesen nicht leiden, wenn ein Verkäufer auf sie zustürmt und sie zuquatscht. Ihnen einen Produkt aufdrängt. Das stört ja auch manche von uns. Aber Chinesen sind da besonders empfindlich. Sie machen sofort kehrt und verlassen den Laden. Und niemals dürfen die Verkäufer herablassend sein. Weil Beziehungspflege bei ihnen so wichtig ist, sind Chinesen sehr geschult im Lesen von Mimik. Ob jemand wirklich freundlich ist oder sich nur einschleimen will, durchschauen sie sofort.

Leserkommentare
    • Sven88
    • 19. Februar 2013 19:08 Uhr
    1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  1. Ja, so wird unsere Kultur treffend begleitet und vermittelt.

    Eine Leserempfehlung
  2. "Zum Beispiel können es Chinesen nicht leiden, wenn ein Verkäufer auf sie zustürmt und sie zuquatscht. Ihnen einen Produkt aufdrängt."

    Oh ja, dann bin ich auch Chinese.

  3. Ueber mehr Artikel ueber Chinesen (als Touristen, Studenten, Angestellte, Firmeneigner, Diplomaten) in Deutschland wuerde ich mich freuen - gerne auch in Form von Interviews.

    Eine Leserempfehlung

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