Energie : "Gas ist kein Allheilmittel"

Die Chefin der IEA, Maria van der Hoeven, über Amerikas Boom, billige Energie für die Welt und die Risiken für den Klimaschutz.

DIE ZEIT: Neuerdings redet kaum noch jemand über Energieknappheit, stattdessen ist von neuen, riesigen Öl- und Gasvorkommen die Rede. Sind die Zeiten des Sparens vorbei?

Maria van der Hoeven: Wollen Sie eine einfache Antwort?

ZEIT: Gerne.

Van der Hoeven: Die Antwort lautet Nein.

ZEIT: Warum?

Van der Hoeven: Wir wissen jetzt, dass es sehr viel mehr Erdgas gibt als gedacht. Wir wissen aber schon seit Langem, dass noch für Jahrhunderte genug Kohle im Boden liegt. Und das Wissen um die immensen Vorräte ist noch lange kein Anlass, sie auch zu verheizen.

ZEIT: Die Rohstoffe sollten im Boden bleiben?

Van der Hoeven: Jedenfalls einige. Die Staatengemeinschaft hat sich dazu durchgerungen, die Energieversorgung nachhaltig zu organisieren, oder? Die mittlere Temperatur soll um nicht mehr als zwei Grad ansteigen. Wenn das wirklich ernst gemeint ist, dann muss die Energiepolitik entscheiden, ob die vorhandenen Mengen Kohle, Öl und Gas verbrannt werden – oder ob wir einen anderen Weg einschlagen: Effizienz und erneuerbare Energien.

ZEIT: Der neue Überfluss macht das schwieriger.

Van der Hoeven: Da haben Sie recht. Auf dem Ölmarkt sind Engpässe nicht in Sicht, die unkonventionellen Reserven sorgen für mehr Erdgas, Kohle gibt es ohnehin genug.

ZEIT: Und trotzdem teilen Sie nicht die allgemeine Euphorie über die Energieschwemme?

Van der Hoeven: Diese Begeisterung beruht auch darauf, dass die Massenmedien nur den Teil der Wahrheit transportieren, den man gern hören möchte. Unsere Botschaft ist viel umfassender: Ja, es gibt den Schiefergasboom in den Vereinigten Staaten. Ja, die Gaspreise in den USA sind sehr niedrig. Ja, Amerika industrialisiert sich von Neuem. Und ja, unkonventionelles Gas kann auf nachhaltige und umweltschonende Weise gefördert werden; die Technologien dafür existieren. Aber auf der anderen Seite sagen wir, nur deutlich mehr Effizienz und erneuerbare Energien lassen das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar werden. Die Politik ist gefordert, dringend.

ZEIT: Reden wir über die Ziffern, die so viel Begeisterung auslösen. Stimmen die Angaben über die unkonventionellen Öl- und Gasvorräte?

Maria van der Hoeven

Maria van der Hoeven ist die Direktorin der Internationalen Energieagentur.

Van der Hoeven: Ja, Erdgas haben wir jetzt für 250 Jahre. Erdöl für mindestens 50 Jahre.

ZEIT: Ändern die unkonventionellen Vorkommen die Spielregeln auf dem Weltenergiemarkt?

Van der Hoeven: Die schiere Menge verändert das Spiel, vor allem auf dem Gasmarkt.

ZEIT: Beim Öl...

Van der Hoeven: ...wird Nordamerika unabhängig von Importen.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Nachfrage nach Energie ist sehr unelastisch

Noch etwas: Die Nachfrage nach Öl und anderen Energieträgern ist nicht wirklich besonders elastisch.
Bis Sie einen Energieträger durch einen anderen substituiert haben vergehen aufgrund der dafür nötigen Investitionen oft Jahre und Jahrzehnte.

Kurzfristige Preisvolatilitäten führen daher nicht zu einem sprunghaften Rückgang der Nachfrage. Die Nachfrage nach Energie ist sehr unelastisch; das zeigen fast alle Studien.

Heureka!

Und genauso reguliert der Markt, ganz ohne Ablasshandel und aehnliche Zwangsmassnahmen, den Verbrauch: der Preis wird steigen und der Verbrauch wird abnehmen und eventuell aufhoeren. Wann dies passiert wissen die Goetter. Bei den Konsequenzen wird die Erderwaermung wohl das geringste Problem sein und der Planet wird es locker ueberleben. Das Problem wird zunaechst die massive Reduzierung des auf Energie aufgebauten Wohlstands und am Ende die Ernaehrung und Reduzierung der stark gestiegenen Weltbevoelkerung sein. Das Schlimmste waere jeoch wenn dieser Zeitpunkt mit einer Kaelterperiode zusammen eintreten wuerde. Dies bei uns kuenstlich und zu frueh mit einer Energiewende herbeizufuehren wird daran im Prinzip nicht Viel aendern, ausser der sie antreibenden Klientele die Taschen zu fuellen.
Die Zukunft kennen wir nicht aber wir wissen aus der Vergangenheit, dass die ueberleben werden, die die beste Adaptation an die Realitaeten finden. Wer heute bei Erdgas noch auschliesslich von "fossiler" Energie spricht, verkennt vielleicht die wichtigste Realitaet.
Und

Es gibt einen Zusammenhang

Viele der "Peak-Oiler" glauben, dass sich das Problem Klimawandel dadurch selber löst, dass die fossilen Brennstoffe bald zu teuer sein werden um sie massenhaft zu verbrennen. Dies ist ein Freibrief zum weiter wie bisher.

Ansonsten gebe ich dir recht, ich finde aber eben die Peak-Oil Debatte müssig und verstehe den Fokus darauf nicht im Vergleich zu solch drängenden Fragen.

Peak Oil sagt gar nichts

denn es kann nicht sprechen.

Die zahllosen Grafiken und Abhandlungen über das Thema aber behandeln mit bemerkenswerter Häufigkeit die weltweite Ölproduktion. Ich sage lediglich, dass die Betrachtung solcher gemittelter Zahlen wenig aussagt, und dass vielmehr von erheblicher Bedeutung sein wird, wer wann noch wie viel wirtschaftlich förderbares Öl haben wird und welche Kunden dies werden bezahlen können.

Zu 2: nicht ich habe ein Problem mit endlichen Ressourcen, sondern ich habe dargestellt, dass es in der Menschheitsgeschichte vermutlich das erste Mal ist, dass ein enorm wichtiger Rohstoff ohne adäquaten Ersatz verbraucht wird, und dass dessen Konsequenzen meines Erachtens nur von den 'Peak-Oilern' richtig verstanden werden.

Im Übrigen sei Ihnen geraten, Ihre Zeit für persönliche Angriffe zu sparen, oder können Sie ohne diese nicht argumentieren?

"Hab' ich da jetzt irgendwas verschlafen???"

Dass es das Schiefergas gibt, war lange bekannt. Energie ist inzwischen so teuer, dass es sich lohnt, dieses Gas zu fördern. Die Ölsande in Kanada werden auch erst seit einigen Jahren geholt. Auch dort leidet die Umwelt immens.

Sobald der Energiedruck steigt, werden wir auch sehen, dass Schiefergas nahe von Trinkwassergebieten gefördert wird. Falls das Wasser in Mitleidenschaft gesogen wird, kann es verdünnt werden oder die Menschen weichen. Siehe Braunkohletagebau in Deutschland.

Natürlich sind die Erneuerbaren eine gute Alternative. Die Energieunternehmen sind da ein bisschen wie Macho-Papa, dem man sagt, er soll doch bitte mal das Geschirr waschen, statt seine Harley zu wienern.